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Da lernt jeder was dazu

Intro Intim Köln

Nicht wenige Leute gehen ja zu einer der monatlichen Intro Intim-Veranstaltungen in Köln oder Berlin, weil gerade zufällig eine Band spielt, von der sie großer Fan sind. Man kann nur hoffe, dass diese Leute von der fast schon irren Vielfalt, die sie in den Billings dieser Abende neben ihrer Lieblingsband erwartet, nicht erschlagen werden.
Geschrieben am
15.03.07, Köln, Gebäude 9.

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Nicht wenige Leute gehen ja zu einer der monatlichen Intro Intim-Veranstaltungen in Köln oder Berlin, weil gerade zufällig eine Band spielt, von der sie großer Fan sind. Ich hoffe mal, dass diese Leute von der fast schon irren Vielfalt, die sie in den Billings dieser Abende neben ihrer Lieblingsband erwartet, nicht allzu genervt sind. Sie müssen schon was mitmachen können. Am besten ist es natürlich, wenn man sich eigentlich für alles ein bisschen interessiert und deshalb eine stilistische Spannbreite wie beim Intro Intim für erfrischend oder sogar effizient hält. Wollen wir hoffen, dass es an diesem Abend möglichst vielen so geht.

Vor dem Gebäude 9 treffen wie die Trans Am-Fans. Es sind nicht mehr viele, sie stellen aber den schwarzen Block, die Erfahrenen des Abends, sozusagen. Sie warten geduldig, trinken ihr Bier und hören von draußen zu, wie Polarkreis 18 aus Dresden ihr Set runterbollern. Love Of Diagrams (Foto) haben da schon gespielt, ein frisches und rotziges Set zwischen Bikini Kill und Blondie, allerdings sind sie mit bisher nur einer hierzulande veröffentlichen EP zu unbekannt, um eine eigene Anhängerschaft ziehen zu können. Immerhin hat sich ein Teil der Redaktion extra für diesen Gig von der in dieser Nacht stattfindenden Heftproduktion freigemacht, wollte sich dieses rare Gastspiel nun doch nicht entgehen lassen, obwohl die Kollegen sicher gegrummelt haben.

Polarkreis 18 haben dagegen schon die ersten Fans, auch im weit entfernten Köln, nachdem sie zwischen Berlin und der Heimat Dresden schon ganze Horden mit ihrer Kunst in Aufruhr gebracht haben. Die Leute, die ihr kürzlich erschienenes Albumdebüt schon für sich entdeckt haben, hopsen, schunkeln und tanzen. Die Polarkreis-Leute sind unzählbar viele, holen für manche Stücke auch noch Bläser auf die Bühne, sind aber allesamt schick in Hemd und Hose ganz weiß gekleidet. Ihre Liveperformance ist deutlich rockiger als auf der Platte, die auch mit Tanzbeat-getriebenen Stücken und einem artifiziellen Gestus auffährt. Darauf verzichten die beneidenswert jungen Musiker live, um mit ihrem ausgelassenen Auftreten und wahren Gitarrenwällen sich ganz und gar dem "Rock" hinzugeben. Das klingt dann stellenweise wie ...Trail Of Dead und funktioniert bestens, inklusive warmem Applaus und Zugabenwünschen der Anwesenden.

Den nettesten Kontrast dazu bieten die darauf folgenden Karpatenhund aus Hamburg und Köln, die sich unisono für schwarze Polohemden mit kleinem weißen "K" auf der Brust als Oberbekleidung entschieden haben. Auch sie sind neu, auch sie warten noch auf die Veröffentlichung ihres Debütalbums, trotzdem hat ihre Musik schon bei einigen anwesenden Teenagern durchgesetzt. Allerdings sind 4/5 der Band schon durch ihr Zweitoutfit mit Namen Locas In Love bekannt, die dieses Jahr mit 'Saurus' schon ein ganz zauberhaftes Album veröffentlicht haben. Den Lo-Fi-Gestus der Locas haben Karpatenhund aber ziemlich abgestreift, und setzen voll und ganz auf die Glück versprechende Karte "Gitarrenpop mit weiblicher Stimme und deutschen Texten". Entsprechend eingängiges Songwriting haben sie in jedem Fall drauf, und nach den in Bandshirts bekleideten Mädchen zu urteilen, die nach dem Gig draußen noch um Autogramme und gemeinsame Fotos bitten, kann aus Karpatenhund noch etwas richtig großes werden. Nicht umsonst haben sie auch die Titelmelodie zu der ARD-Serie 'Türkisch für Anfänger' geliefert. Und die Stimme ihrer Sängerin Claire klingt wenigstens an diesem Abend original wie die von Bernadette Hengst, als die noch bei den wunderbaren Die Braut haut ins Auge sang.Dann endlich sind Trans Am dran, und auch der schwarze Block hat sich in den vorderen Reihen postiert. Die drei Typen sehen immer mehr so aus wie die Beastie Boys, mit grellen Shirts und Kopfschweißbändern. Die Chicagoer haben ihren Stil im Laufe ihrer mittlerweile recht langen Karriere immer wieder in Facetten verändert, die Brillanz ihrer Liveauftritte ist aber stets gleich geblieben. Ihre mehr an 80er-Pop orientierte Phase zu Zeiten ihrer Platte 'TA' haben sie ein Stück weit hinter sich gelassen und sich für das neue Album mit Namen 'Sex Change' wieder etwas mehr an klassischen Hardrock-Mustern und dem zeitlosen Sound Shellacs orientiert. Ihr Set ist zwar nicht mehr so laut wie noch bei ihrer letzten Gastspielreise, dafür aber ähnlich zwingend. Das Zusammenspiel von Bass, Schlagzeug und Gitarre ist dabei nicht gerade melodisch, dafür voller Konturen und Spannungsbögen, die niemanden der so spät noch Anwesenden kalt lassen.

Die immer wieder einfließenden Keyboard- und Synthieflächen und die Gesangseffekte wie von Kraftwerk variieren den Gesamtsound sehr anregend, ändern aber nichts an der Grundstimmung des Sets. Hits wie 'Futureworld' und 'Positive People' bzw. ihre sich langsam aufbauende Dramaturgie bringen das noch halbvolle Gebäude in Ekstase, wie es eigentlich nur Trans Am-Gigs vermögen. Schade nur, dass die letzte Bahn nach Hause fährt und wir nach Hause müssen. Sicher haben die anderen noch lange mit Trans Am gefeiert. Vielleicht erhält die Band ja bald endlich den Legenden-Status, der ihr schon lange gebührt. Dann hätten die paar Die-Hard Fans bei der ganzen Warterei wenigstens etwas mehr Gesellschaft, obwohl sie sich ja eigentlich auch von der netten Vielfalt des vollen Programms hätten berieseln lassen können.



Das sagt Christoph Dorner: "Ein Abend der Querverweise: Love of Diagramms klangen an manchen Stellen wie die B 52's, Polarkreis 18 ein bisschen wie Sigur Ros, und Karpatenhund wie Wir Sind Helden. Nicht die schlechtesten Referenzen - und alles sympathische Bands. Nur Trans AM bleiben eine eigene Hausnummer am hinteren Ende der Straße. Nahe der Sackgasse. Testosterongetränkter Post-Elektro-Rock jenseits jeglichen Kalküls, der zwar das Publikum ausdünnte, den Rest aber nahe der Raserei brachte. Dazu drei absolute Weirdos auf der Bühne, wie gerne wäre ich Nummer vier."

Und Felix Scharlau: "Konnte leider nur Love Of Diagrams sehen, WEIL UNSER EVENT-DEPARTMENT WIE JEDEN MONAT DAS INTRO INTIM AUF DIE INTRO-PRODUKTIONSNACHT LEGT. Fand das aber trotz schlechtem Sound außerordentlich spitze. Ich würde soweit gehen zu sagen, LOD sind das beste Matador-Signing seit Interpol - und das ist doch schon eine Weile her."

Boris Fust war tags zuvor in Berlin, stammelt aber nur: "Für mich persönlich war es ein enttäuschender Abend. Thees Uhlmann hatte mobiltelefonisch ausrichten lassen, dass er danach trachte, mir wegen irgendeines Vorgangs in einer Internetdatingcommunity aufs Maul zu hauen. Als ich eintraf, musste ich erfahren, dass er bereits den Heimweg angetreten hatte. Selbst eine SMS seines Tourmanagers, nach der ich mich abfällig über eine mir unbekannte Fußbnallmannschaft geäußert hätte, brachte ihn nicht zurück."