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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Reimer Bustorff und Rainer G. Ott im Interview

15 Jahre Grand Hotel van Cleef

Weil niemand das erste Kettcar-Album veröffentlichen wollte, hat die Band gemeinsam mit Thees Uhlmann und anderen Freunden 2002 kurzerhand eine eigene Plattenfirma gegründet: Grand Hotel van Cleef war geboren. Im Sommer hat das Hamburger Indie-Label seinen 15. Geburtstag gefeiert. Julia Brummert hat mit Reimer Bustorff, der auch bei Kettcar spielt, und Rainer G. Ott in Hamburg Kaffee getrunken und sich über diese bewegte Zeit unterhalten.
Geschrieben am
Reimer, unser erstes Feature zu Kettcar begann mit deiner Angst davor, dass deine Mutter die Hamburger Morgenpost mit einem Artikel von euch in die Finger kriegen könnte. Sie wusste nichts von dem Label und dachte, dass du noch studierst. 
Reimer: Angst hatte ich nicht direkt. Ich habe damals wirklich noch studiert, Marcus war gerade fertig mit seinem Studium. Er hatte vorher B.A. Records gemacht, wusste also schon, wie man Platten rausbringt. Thees hatte »Eine sonnige Nacht« ebenfalls vorher selber veröffentlicht. Die Idee wuchs und war alternativlos, weil wir für Tomte und Kettcar kein Label gefunden hatten. Erst mal haben wir alle das nur so halb gemacht. Außer Thees, der war ausschließlich Musiker und dann Labelchef. Bei Marcus war es ähnlich, ich bin aber noch zweimal die Woche zur Uni und dann ins Büro gegangen. Erst mal habe ich zu Hause gar nichts von dem ganzen Quatsch erzählt. Weniger, weil das ein Geheimnis war oder weil meine Eltern gesagt hätten »Du spinnst wohl«, sondern weil es zu kompliziert war, das alles zu erklären. Als es dann immer klarer wurde mit dem Grand Hotel van Cleef, war das aber auch okay und cool für sie.

Gab es einen Moment, in dem ihr wusstet, dass es läuft und ihr euch keine Sorgen mehr machen musstet?  

Reimer: Am Anfang haben wir noch viel geschwitzt und Rechnungen geschoben. Marcus’ Mutter hatte uns 15.000 Euro geliehen, damit haben wir die Pressung der Platten und einen Teil des Studios finanziert. Für den restlichen Anteil mussten wir mit dem Studiobesitzer reden und ihm ehrlich sagen, dass wir das erst mal nicht bezahlen können. Ich erinnere mich auch, dass wir mehrfach mit eurem Chef Matthias Hörstmann telefoniert haben, weil wir das Zahlungsziel einer Anzeigenrechnung nach hinten schieben mussten. Alle waren aber angefixt von unserem Idealismus, vielleicht haben sie an uns geglaubt und deshalb gesagt: »Na klar, dann zahlt zwei Wochen später.« Und zwei Wochen später haben sie uns weitere zwei Wochen gegeben. Irgendwann kam das Geld für die erste Kettcar-Platte rein, die sich gut verkauft hat. Damit waren wir erst mal aus dem Schneider.

Ihr habt im Sommer ein ziemlich fettes Geburtstagsfest gefeiert. Hättet ihr vor 15 Jahren gedacht, dass es euch heute noch gibt – vor allem in diesem Ausmaß?
Reimer: Nö, wirklich nicht.
Rainer: Es ging zunächst nur darum, die ersten Platten von Kettcar und Tomte – wobei das eigentlich das dritte Tomte-Album war – rauszubringen. Viel weiter hat niemand gedacht. Das hat sich alles so entwickelt.
Reimer: Ein Ziel haben wir uns direkt gesteckt: Wir wollten möglichst schnell eine GmbH werden, damit wir aus der privaten Schuld raus sind und nicht mit dem Privatvermögen haften. Das war so Rechtsformquatsch. Darüber haben wir uns Gedanken gemacht: Wie ist es, wenn irgendwann das Finanzamt kommt und deinen Fernseher rausträgt? Zwei Jahre später, also 2004 haben wir es geschafft, eine GmbH zu werden. Dafür brauchte man damals das Stammkapital von 25.000 Euro, das mussten wir erst mal erwirtschaften.
Könnt ihr jetzt davon leben? 
Reimer: Das ist ein bisschen schwierig. Thees, Marcus und ich leben auch von unseren Bands. Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich immer, dass ich Musiker bin und dann noch ein Label und einen Verlag habe. Das hängt alles zusammen. Rainer ist auch noch Manager von Thees und Kettcar. Das ist relativ komplex und unübersichtlich. Im Grunde lebt aber keiner ganz alleine vom Label. 
Rainer: Wir haben eine Struktur gebaut, die es uns ermöglicht, dass alle irgendwie von der Musik und von der Kunst leben können mit den ganzen Gewerken, die hinten dranhängen.

Gab es Entscheidungen, bei denen ihr euch heute an den Kopf fassen müsst? Eine Platte zum Beispiel, die gefloppt ist? 
Rainer: Ach, klar gab es Platten, von denen wir gedacht haben, dass sie funktionieren müssen, die dann aber eben nicht gelaufen sind. Und klar haben wir bei manchen Alben zu viel Geld in die Hand genommen, das wir nie wieder gesehen haben. Aber so richtig bereuen würde ich nichts. 
Reimer: Wir sind am Anfang aus dieser Euphorie heraus, dass Kettcar und Tomte so gut funktioniert haben, sehr optimistisch an die anderen Platten rangegangen. Die haben sich auch verkauft und vielleicht haben sie auch funktioniert, aber nicht in dem erwarteten Maße. Dann haben wir viel zu viele Platten gepresst und hatten den ganzen Keller voll. Das ist Lehrgeld, man muss erst mal reinwachsen.  Manchmal muss man eben auf die Fresse fallen. Vom Naturell her sind wir alle so besonnen und vorsichtig, dass wir nie so sehr übers Maß gehen würden, dass wir einen Genickbruch erleiden.  

Welche Momente in den letzten Jahren waren euch die liebsten?
 
Rainer: Als Kettcar zum ersten Mal beim Hurricane gespielt haben. Das war einfach der Wahnsinn. Dort war ein Zelt mit offenen Seiten aufgebaut. Vor dem Konzert hatten wir etwas Zeit, in der wir unser Zeug aufgebaut haben. Tausende von Leuten sind von links nach rechts gelaufen und wir haben uns die ganze Zeit gefragt, wo die alle hinwollen – zurück zum Campingplatz? Dann haben wir geschnallt, dass die alle kamen, um Kettcar zu gucken. Das war ein krasser Moment. 
Reimer: Diese ganze Euphorie, dass die Band damals so gut funktioniert hat … ich erinnere mich an das Immergut, das im Vergleich zum Hurricane natürlich relativ klein ist. Für uns war das trotzdem ein sehr großer Moment, als 5.000 Leute plötzlich abgegangen sind, obwohl uns doch eigentlich noch keiner so richtig kannte. Das muss 2002 gewesen sein. Jetzt im Nachhinein, wenn ich überlege, was wir so gerissen haben – das Hansen-Filmprojekt zum Beispiel war sehr spannend; unser großes Geburtstagsfest im Sommer, zu dem so viele Menschen gekommen sind. So etwas ähnliches haben wir 2012 zum Zehnjährigen schon mal gemacht auf der Trabrennbahn, das war auch super. Wir merken dann, dass es den Leuten etwas bedeutet. Das ist schon ein erhebendes Gefühl.  
Rainer: Mir fällt noch etwas ein. Die Band East Cameron Folkcore, die ich durch Zufall in den USA gesehen habe, haben wir mehrfach rübergeholt, die haben beim Hurricane gespielt und super funktioniert. Dass wir mit unserem Label auch die Möglichkeit hatten, mit unserer Liebe zur Musik auch anderen Bands eine Plattform zu geben, ist toll. Das haben wir mit vielen Platten. 
Reimer: Das ist das Entscheidende. Zu sehen, dass eine Band wie Death Cab For Cutie – bei der wir echt alle steil gegangen sind! – klappen kann. Ich erinnere mich, dass die damals noch hier im Knust gespielt haben. Das Album wurde ein Bestseller, es ist immer noch magisch und die Band ist durch die Decke gegangen. Wir haben Death Cab dann zwar verloren, das ist das Schicksal des kleinen Indie-Labels, klar, aber wir haben die Band für Deutschland entdeckt und das ist toll.

Wie hält man ein Label heutzutage am Leben? Ihr habt schon in euren Anfangstagen gesagt, dass die Musikbranche eine Katastrophe sei und das ist über die Jahre kaum besser geworden.  
Rainer: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass immer weniger Platten gekauft werden. Es ist wahnsinnig unsexy, darüber zu sprechen, aber es ist wichtig: Am Ende geht es darum, wie wir uns selber und auch Platten- und Bandprojekte finanzieren. Das ist eine Mischkalkulation, wir sind nicht mehr nur eine Plattenfirma, sondern auch Musikverlag und Booking-Firma und haben einen relativ gutgehenden Online-Shop. Wir schauen uns eine Platte an und stellen eine Verkaufskalkulation auf. Dann überlegen wir, wie viele Leute zu den Konzerten kommen und dann kannst du eine Excel-Tabelle anschmeißen und sehen, wie du Geld mit dem Album verdienen kannst. Dann setzen wir uns mit den Künstlern zusammen, schauen uns die Zahlen an und überlegen, ob wir es unter diesen Voraussetzungen machen oder nicht. Dazu kommt, dass es Fördermaßnahmen gibt. Die »Initiative Musik« zum Beispiel und in Hamburg gibt es die Labelförderung, wo wir uns gerne mal melden. Wir haben mittlerweile 15 Jahre Erfahrung, plus fünf Jahre Punk-Erfahrung davor. Wirklich schwierig bis nahezu unmöglich ist es, Newcomer durchzubringen. In 15 Jahren Grand Hotel van Cleef habe ich das Gefühl, dass das von Jahr zu Jahr schwieriger geworden ist.

Seid ihr trotzdem zufrieden, doch den vielleicht unsicheren Weg genommen zu haben? 
Reimer: Auf jeden Fall. Gerade in der Anfangszeit von Kettcar, in der wir ganz anders auf Tour gegangen sind und viel wilder unterwegs waren, hat mich der Bürojob wieder geerdet. Das ist ein bisschen in mir: ein klarer Rhythmus, eine Homebase, in der ich ankomme und meinen Job erledigen muss, gewissenhaft Sachen wegarbeiten – das gefällt mir schon ganz gut. Natürlich habe ich Momente, in denen ich mir wünsche, raus aus dieser Verantwortung zu sein und überlege, wie geil es wäre, wieder bei der Post zu arbeiten. Da gehst du um 9 hin und um 6 nach Hause und hast dann Feierabend. In der Branche sind wir auch am Wochenende mit dem Kopf bei der Musik. Das ist eben nicht nur Beruf, es ist auch Leidenschaft. 
Rainer: So ein Leben ist bestimmt nicht für jeden geeignet. Ich aber habe das Gefühl, beruflich das privilegierteste Leben der Welt zu führen.

Das kleine Comeback von Kettcar – so richtig weg wart ihr ja auch nicht – scheint ein Erfolg zu sein, das Feedback ist großartig. Hat euch das noch mal in eurer Arbeit bestätigt?  
Reimer: Wir haben ein bisschen darauf spekuliert. Zwei Jahre hat die Arbeit an dem Album gedauert und sie war sehr intensiv. Wir hatten uns bewusst zurückgezogen. Natürlich haben wir gehofft, dass die Leute Bock auf uns haben, wenn wir mit einem Song wiederkommen. Es ist toll, wenn das so funktioniert. Im Hinterkopf bleibt aber die Angst, ob das, was man da macht, überhaupt jemanden interessiert. 
Rainer: Fünf Jahre sind ja schon eine lange Zeit. Das Schöne ist, dass sich künstlerische Qualität durchsetzt.
Reimer: Och!

Wir haben Reimer und Rainer gebeten, uns eine Playlist mit ihren liebsten GHvC-Songs zusammenzustellen. Hört euch hier durch 15 Jahre Labelgeschichte: