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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Interview: Wie Royal Bunker-Chef Staiger den Berliner Battlerap erfand

»Wir haben alle gehasst«

Staiger erzählt von den Anfangstagen des deutschen HipHop, den Grabenkämpfen innerhalb der Szene und warum Royal Bunker das beste Label der Welt war.
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1998 gründet Marcus Staiger in Berlin das Underground-Label Royal Bunker und legt damit quasi im Alleingang den Grundstein für den Aufstieg des Berliner Battlerap. Er arbeitet mit vielen späteren Größen der Szene zusammen (Kool Savas & Melbeatz, Sido, Eko Fresh, Prinz Pi) und veröffentlicht mit wechselhaftem Erfolg Dutzende krude, geschmacklose und legendäre Tonträger. Heute ist er Chefredakteur von rap.de und Manager der Band K.I.Z. Unserem Autor Benjamin Walter erzählte Staiger von den Anfangstagen des deutschen HipHop, den Grabenkämpfen innerhalb der Szene und warum Royal Bunker das beste Label der Welt war.

Sell-out vs. Realness

»Wenn ich an die 90er denke, dann denke ich an die frühen 90er – an Advanced Chemistry versus die Helden aus dem Popuniversum: Die Fantastischen Vier. Das war ein echter Kulturkampf, also die große Diskussion darum, ob man verkaufen darf oder nicht. Aber es hielt sich immer nur an den Fantastischen Vier auf. Wobei die doch niemals behauptet haben: ›Hey, wir machen jetzt coolen HipHop.‹
Als Leute wie Samy Deluxe und Absolute Beginner, die vorher wirklich Hardcore in dieser Anti-Sell-out-Fraktion waren, plötzlich zu Major-Labels gegangen sind und ihre eigene Struktur, die es ja durchaus gab, aufgegeben haben, das war viel eher entscheidend. Cora E, Stieber Twins, Advanced Chemistry, das war die Hardcore-Anti-Sellout-'Keep it real'-Fraktion, und plötzlich sieht man Cora E im roten Abendkleid bei EMI. An diesem Punkt hätte man eigentlich eine Sell-out-Diskussion führen können, ab da hätte es Sinn gemacht, weil das die eigenen Leute waren.«



My Adidas

»Dann denke ich an Jams, die es damals noch gab und die es heute ja überhaupt nicht mehr gibt. Das waren keine Konzerte, das waren Treffen von MCs, DJs, Breakdancern und Graffitikünstlern. Anfang der 90er war das noch eine Geheimwissenschaft, wenn man sich für Rap interessiert hat. Natürlich kannten Musikjournalisten Rap, aber das war längst noch kein Mainstream. Du musstest wirklich bis drei Uhr nachts wach bleiben, um dann spezielle Sendungen zu hören wie André Langenfelds ›Saturday Nightflight‹ oder die ›YO-Show‹ – das war richtig Arbeit. War natürlich auch schön, war was Besonderes. Mich hat dabei immer diese Parallelwelt fasziniert, wie Run DMC sie formuliert haben: ›Okay, ihr habt eure Autos, wir haben unsere adidas Superstars, und die sind uns wichtig. Genauso, wir ihr euer Auto putzt, putzen wir unsere adidas Superstars.‹

Eine Welt mit einem eigenen Wertesystem, wo du Respekt für etwas kriegst, wofür du in der normalen Welt keinen Respekt kriegst. Für Häuser-Beschmieren oder dafür, auf Jams das Mikrofon gut halten zu können. Dafür kriegt man in dieser Welt Respekt, und wir brauchen die andere Welt nicht. Wir haben eine eigene Geschäftsbeziehung, wir haben eine eigene Infrastruktur, wir haben Independent-Labels, wir brauchen die anderen nicht."

Punchlines, Tapes und Fanatismus

»Royal Bunker war genau dieser Spirit: Wir machen es selbst. Ich glaube, dass es im HipHop ganz viel – und vielleicht im deutschen HipHop sogar noch viel mehr – um die Interpretation von einer Kultur geht, um die Haltung und um Style. Und wir waren einfach bereit, uns dafür zu hauen, für unsere Haltung. Weil wir gesagt haben: So, wie wir HipHop interpretieren, ist es am coolsten. Und warum haben wir die anderen gehasst? Weil die halt scheiße waren! Ich hab mich über Freundeskreis aufgeregt, über diese Salonrevolutionäre. Ich hab mich über Eißfeldt aufgeregt, über seinen Anti-Faschingssong. Weil jeder, der seine Lieder gehört hat, dann quasi geadelt war und zu seiner pseudo-revolutionären, nichtssagenden Fangemeinde gehört hat. Ich habe immer gesagt: ›Scheiß auf politische Lyrics, wenn da nix dahinter ist! Dann hör ich mir lieber Texte übers Ficken an.‹ Und ich finde, das hat Savas sehr, sehr gut gemacht, damals. Da gab es nix dran auszusetzen. Ich hab ja einige wirtschaftliche Misserfolge hinnehmen müssen, aber ich bin nicht bitter, das war wirklich eine tolle Zeit. Es war halt so wenig berechnend, das finde ich das Charmante daran. Wenn man sich jetzt diese Royal-Bunker-DVD anguckt, mit was für einer Naivität wir da durch die Welt gestolpert sind, das war schön."



»Royal Bunker: Gegen die Kultur Teil 1: Punchlines, Tapes und Fanatismus«
(DVD / Royal Bunker / Groove Attack)

Mehr zum Thema »Deutscher HipHop der Neunziger« in unserem großen Spezial: www.intro.de/spezial/deutscherhiphop.