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Interview: German Angst trifft Japan Love

Juse Ju will nicht immer der Moralinski sein

Vor gut zwei Jahren warnte Juse Ju an der Seite von Fatoni ziemlich mitreißend vor der »German Angst«, jetzt widmet er sich auf seinem Album »Shibuya Crossing« der eigenen Kindheit und Jugend. Daniel Koch traf den Rapper, Moderator und Radio-Fritz-Musikredakteur zum Interview in Kreuzberg.

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Meine erste Begegnung mit Justus Hütter alias Juse Ju führte ein wenig in die Irre: Da rappte er im Februar 2016 mit Fatoni in Dresden auf einer LKW-Bühne vor der Semperoper gegen Pegida. Es war ein Solikonzert für Bündnisse wie Dresden Nazifrei, bei dem später auch Deichkind auftraten. Der Track konnte nicht besser passen: »German Angst«, eine bissige Momentaufnahme und ein Diss all jener Angstgeiferer. Das alles war so explizit politisch, dass ich ihn fast für einen reinen Zeckenrapper gehalten hätte. Inzwischen weiß ich: Politisch ist er, sein Themenspektrum ist aber viel weiter gefasst.

»Wenn man es ganz plakativ sagen will, ist ›Shibuya Crossing‹ mein Coming-of-Age-Album«, erzählt Juse. »Es gibt vier autobiografische Stücke und drei große Stationen in meinem Leben.« Mit »Kirchheim Horizont« geht es in die Jugend und das »kleinbürgerliche Kleinstadtleben in der schwäbischen Provinz«. »Border Town« thematisiert das Jahr 1999, in dem er bei seinem Vater in El Paso an der US-Grenze zu Mexiko lebte, während »7Eleven« und das Titelstück seine Liebe zu Japan zeigen. »Japan hatte den vielleicht größten Einfluss auf mich. Man lebt ja immer in seiner Kindheit weiter, sagt man, und ich verbrachte sie eben bis zu meinem elften Lebensjahr in Tokio. Ich persönlich sehe das als die schönste Zeit meines Lebens.« Diese Liebe lässt ihn bis heute nicht los: Er studierte später Japanologie und reist immer noch oft rüber – zum Beispiel, um dort die Videos für dieses Album aufzunehmen.

Juse Ju zählt zu den intelligentesten und spannendsten deutschsprachigen Rappern – ein Lob, das im Rap-Biz ja eher ein zweischneidiges Schwert ist. Dennoch muss er sich nicht um mangelnden Respekt sorgen: Er verdiente sich seine Sporen auf Battle-Rap-Veranstaltungen, schrieb für Juice und hat auf Radio Fritz noch immer seine sehr geschmackssichere nächtliche HipHop-Sendung. Die Suche nach der eigenen Rolle in der oberflächlichen Musikwelt thematisiert er in »Fake It Till You Make It« sehr treffend: »Echte Siege sind nichts«, heißt es dort. Dann lieber Underdog und ehrlich – alles andere funktioniert auf Dauer eh nicht. »187 Straßenbande haben es doch vorgemacht: Mach einfach das, was du bist. Alles andere fliegt irgendwann auf. Bei mir ist es eben nicht die Straße, sondern das Japan-Ding.«

Trotzdem ist seine Weltsicht auf politische Themen mindestens so präsent wie seine Biografie, nicht nur in den offensichtlichen Tracks wie »Propaganda« feat. Danger Dan: »Ach, man klingt ja immer so schnell wie ein Moralinski. Aber trotzdem ist es mir wichtig, ein paar Dinge noch mal loszuwerden. Den harten Kern der Rechten wird man eh nicht erreichen, aber es ist einfach ätzend, wie oft deren Meinungen auf Schulhöfen oder sonst wo im Alltag zu hören sind. Da muss man vielleicht noch mal sagen: ›Hey, ich weiß, ihr habt viel gekifft und viele Internetvideos geschaut, aber glaubt doch einfach mal nicht jeden Scheiß.‹«

Juse Ju

Shibuya Crossing

Release: 16.03.2018

℗ 2018 Juse Ju