×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Interview: Gelebte Geschichte

Charles Bradley

Dieser Mann ist Soul der alten Schule. Charles Bradley berichtet von einem bewegten Leben und gibt die Hoffnung nie auf.
Geschrieben am

Donnerstags beim Haldern Festival, Sonne bescheint den Backstagebereich hinter dem Spiegelzelt. In wenigen Stunden wird Charles Bradley von hier aus die Bühne besteigen, um die Menge zu begeistern und sich mit einem leidenschaftlichen Auftritt zum Festivalgesprächsthema Nummer eins zu machen. Noch ist davon jedoch nichts zu spüren. Stattdessen tritt Bradley ein wenig müde, aber sehr entspannt vor einen Wohnwagen, der den Künstlern als Garderobe dient. Er entschuldigt sich für seinen Aufzug und bittet zum Gespräch. Bradley trägt Trainingshose und ein T-Shirt der Menahan Street Band, jener Gruppe talentierter Soulmusiker, die für den Sound von Bradleys eindrucksvollem Album »No Time For Dreaming« verantwortlich ist. Beim Auftritt am Abend wird sich das ehemalige James Brown-Double stilecht in pechschwarzer, Strass besetzter Robe kleiden.

Dieser Mann ist Soul der alten Schule, soviel hatte man bereits ahnen können, als Daptone Records im vergangenen Jahr ankündigte, einem über 60jährigen Musiker zu seinem Debütalbum zu verhelfen. Anfang des Jahrtausends war Bradley in den Blick der Macher hinter Amerikas derzeit feinstem Label für traditionellen R’n’B, Funk und Soul geraten und für einige Features und Singles verpflichtet worden. Zu der Zeit verdiente sich der Sänger unter dem Pseudonym Black Velvet mit dem Nachsingen fremder Nummern in New Yorker Bars seinen Lebensunterhalt, nachdem er in den Big Apple gezogen war, um seine kranke Mutter zu pflegen. Ein Leben als Wanderarbeiter und Hilfskoch hatte Bradley bis dahin quer durch die Vereinigten Staaten geführt, seit er mit 14 das Haus seiner Mutter verlassen hatte. Kaum in Brooklyn sesshaft geworden, musste Bradley, der ohne Vater aufwuchs, zudem den gewaltsamen Tod seines Bruders verarbeiten.

No American Dream

Die bewegte Biographie spiegelt sich unmittelbar in der Musik wieder und sorgt dafür, dass »No Time For Dreaming« genre-übergreifend eines der eindrucksvollsten und ergreifendsten Alben der letzten Jahre geworden ist. Erfreulicherweise wurde diese Tatsache europaweit anerkannt, weshalb Charles Bradley bereits zum wiederholten Male für einige Konzerte über den großen Teich geflogen wurde. »Ich weiß überhaupt nicht, wie ich anfangen soll, dir meine Dankbarkeit zu erklären, für die positiven Gefühle, die mir hier entgegengebracht werden. So viele Leute schenken mir ihr Vertrauen und glauben an mich. Ich kann einfach nur immer wieder Danke, Danke, Danke sagen«, beginnt Bradley das Gespräch. Europa meint es gut mit ihm und er ist sich dessen mehr als bewusst, möchte nicht verpassen, sich dafür erkenntlich zu zeigen. »Europa hat mir bisher so viel Liebe gegeben. Ich musste erst auf einen fremden Kontinent reisen, um so viel Liebe zu finden«, gerät der betagte Musiker ins Schwärmen und wirkt dabei durch seine strahlenden, dunklen Augen um Jahrzehnte jünger. »Wenn ich zurück in mein Land komme, möchte ich den USA zeigen, wie man Menschen mit Respekt behandelt«.



Mit der Anerkennung in Bradleys Heimatland scheint es nicht weit her zu sein. »Why is it so hard/ to make it in America?« fragt der Sänger im gleichnamigen Stück. Und an anderer Stelle hält er im packenden »The World (Is Going Up In Flames)« fest: »I can’t turn my head away/ Seeing all these things«. Die kritischen Ausführungen reichen weit über den eigenen Kosmos hinaus. Amerika und sein Umgang mit den Bürgern unterschiedlicher sozialer Schichten bereiten dem ehemaligen Wanderarbeiter große Sorgen. »Ich beobachte jeden Tag die Krise, in der sich mein Land befindet. Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, Babies, die Babies bekommen, zu viele Waffen und Menschen, die einfach durchdrehen«.

Bradley weiß viel zu erzählen, von ignoranten Kleinstadt-Cops, unverschuldeten Nächten in U-Haft und dem alltäglichen Rassismus. Von Benachteiligung aufgrund von Hautfarbe und Herkunft. »Lange hatte ich Angst, meine Meinung zu sagen und für mich einzustehen, aus Angst, meinen Job zu verlieren. Aus Angst, auf der Straße zu landen. Oder aus Angst vor Misshandlungen durch die Polizei«. Ein Leben mit eingezogenen Schultern. Nur nicht aus der Reihe fallen. »Ich musste eine lange Zeit über sehr still sein«, brummt Bradley und fügt nach einer Denkpause hinzu:  »Durch meine Musik habe ich die Möglichkeit erhalten, von meinen Beobachtungen zu erzählen und endlich für mich selber zu sprechen. Ich habe meine Stimme gefunden«.

Diese Stimme ist ein tiefes Donnern, ein dunkler Gesang, der Leid teilt und Trost spendet. Vor allem dem Künstler selbst. In »Heartache And Pain« verarbeitet Bradley den Mord an seinem Bruder Joe. »Es war hart, die Aufnahme zum ersten Mal zu hören und das Stück auf der Bühne zu singen, denn alles, was ich in dem Lied sage, ist wirklich passiert«. Es fällt ihm auch jetzt nicht leicht, über das Thema zu sprechen. »Ich hatte deswegen schwere Depressionen und war in Behandlung. Mittlerweile kann ich aber darüber reden«, fügt er an. Im Augenwinkel sammelt sich Tränenflüssigkeit. Mit ruhiger Stimme fährt Bradley fort und erzählt von einem Tag, der sein Leben für immer verändern sollte. »Als ich zum Haus meines Bruders kam, warnte mich der Detective, nicht hinein zu gehen. Er sagte, ich solle meinen Bruder so in Erinnerung behalten, wie er gewesen ist. Doch mein Herz brannte, ich musste einfach in die Wohnung gehen. Dort lag mein Bruder mit einem Kopfschuss. Sein Gehirn war aus dem Schädel getreten. Als ich das sah, rannte ich aus dem Haus. Ich rannte einfach auf die Straße. Mir war alles egal. Doch die Autos erwischten mich einfach nicht, auch wenn ich mir das in dem Moment gewünscht hätte«. Ein Albtraum, ohne Erwachen.



Charles Bradley ist ein spiritueller Mensch. Der Glaube an das eigene Leben als Teil der göttlichen Schöpfung gab ihm die Kraft weiterzumachen, Chancen zu ergreifen und nicht zu verzagen. Und so wirkt sein Appell an den »Good Lord« keinesfalls aufgesetzt, glaubt man seinem Gegenüber, wenn er die neue Rolle als Sprachrohr der Vernachlässigten und Inspiration für seine Hörer auch als Gottesgeschenk versteht. Der Auftrag ist klar: die Zeit für Tagträume ist vorbei, das Leben will genutzt werden. »Ich habe keine Angst davor, dass es mit meinem Leben jetzt noch einmal bergab geht, dafür bin ich zu alt«, schmunzelt Bradley zum Ende des Interviews und man kann ihm nur wünschen, mit seiner Einschätzung Recht zu behalten. Oder um es mit den Worten von Singer/Songwriter Damien Jurado zu sagen: »Charles Bradley is the real deal!«

Charles Bradley »No Time For Dreaming« (Daptone / Groove Attack / VÖ: bereits erschienen)