×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Schönheit der kleinen Dinge

Ein Date mit Eels am Valentinstag

Ein regnerischer Valentinstag in London. Traurige Herzballons entschwinden in graue Wolken, schlechte Pralinen wechseln in letzter Minute an der Supermarktkasse ihren Besitzer. Statt einsam Trübsal zu blasen, hatte unsere Autorin Aida Baghernejad anlässlich seines neuen Albums »The Deconstruction« ein Date mit Mr. E a.k.a. The Guy from Eels a.k.a. Mark Oliver Everett. Und verliebte sich dabei ein bisschen.

Geschrieben am

Es passt so gut, dich heute zu treffen, schließlich hat deine Musik meine liebestollen Teenie-Jahre begleitet ...
Wirklich? Das verbindest du mit Eels? I love that! Das hat mir noch nie jemand gesagt. Meine Musik hat wirklich einen Sinn.

Von der Sinn- und Unsinnhaftigkeit des Musikmachens sprichst du auch in der Ankündigung des Albums. Du sagtest: »Es steht nicht gut um diese Welt. Und das ist nur Musik.«
Es ist schon ironisch: Ich gebe ja auch keine Antworten auf diesem Album. Aber vielleicht hat es den einen oder anderen kleinen Effekt. Nimm zum Beispiel diesen Song »Today Is The Day«: Da geht es eben um Veränderung. Der einzige Sinn, den meine Musik in diesem Fall ergeben kann, ist, wenn jemand diesen Song genau zur richtigen Zeit hört. Wenn eine Person weiß, dass sie in ihrem Leben etwas verändern muss, aber sich vielleicht noch nicht ganz getraut hat – und dieser Song sie dann einen Schritt weiterbringt. Solche Kleinigkeiten wünsche ich mir. Das ist alles.

Waren die letzten vier Jahre seit deinem letzten Album wirklich eine Pause, oder hast du durchgehend gearbeitet?
Diesmal war es wirklich eine Pause. Meine einzige andere lange Pause war nicht wirklich eine. Damals veröffentlichte ich einfach nur vier Jahre kein Album, aber tourte mehrmals, schrieb ein Buch, arbeitete an einer Doku und drei Alben, und die erschienen direkt nach der Pause. Diesmal habe ich einfach hin und wieder Songs aufgenommen, die irgendwann auf diesem Album landeten. Ich habe das nicht geplant, ich wollte gar keine Platte machen. Ich habe nur Songs geschrieben, wenn ich mich inspiriert fühlte.

Hast du in dieser Zeit mal mit dem Gedanken gespielt, die Musik einfach sein zu lassen?
Ja. Ich war völlig erschöpft, hatte zu lange zu hart gearbeitet. Wenn man sein Leben lang nur eine Sache macht, dann holt es einen irgendwann ein. Und für eine ganze Weile habe ich gedacht: Vielleicht bin ich einfach durch damit. Es ist genug. Aber jetzt sitzen wir wieder hier.

Warum sitzen wir denn wieder hier?
Gute Frage. Es gab diesmal kein übergreifendes Albumkonzept. Aber irgendwann hatte ich dann doch wieder eine bestimmte Menge an Songs, bei der man sich fragt, ob sie ein Ganzes ergeben. Man sieht sie als Gruppe und fragt sich, was für Themen sich da zeigen und wie sich die Songs aufeinander beziehen. So formt sich ein Ganzes. Dann stellt sich die Frage: Veröffentliche ich es, oder veröffentliche ich es nicht? Aber wenn man damit so glücklich ist, wie ich es war, denkt man: Ich kann nicht damit aufhören.

Du bist also keiner von denen, die sagen: Ich mach das für die Fans!
Nein. [lacht] Sorry Fans! Ich glaube, es ist ein Fehler, die Sache so anzugehen. Als ob man einen Song schreibt, um einen bestimmten Hörer zu erreichen. Das geht nie gut. Man muss sich selbst als seine Zielgruppe begreifen. Und wenn man sich selbst glücklich macht, dann ist das die erste Bedingung dafür, auch jemand anderen glücklich zu machen.

Du bist also immer noch in »The Deconstruction« verliebt?
Ja, aber es ist auch noch früh. Frag mich nächstes Mal, dann sage ich vielleicht, dass es scheiße war. Aber gerade bin ich immer noch verliebt.

Das Album hat ja eine interessante Struktur, mit Instrumentalstücken, die das Album aufteilen. Wie kam es dazu?
Das passierte, weil ich eben nicht geplant hatte, ein Album zu machen. Es war alles stark von Gefühlen geleitet. Für mich gehen diese instrumentalen Stücke tiefer, als es Texte je könnten. Da ist nichts verkopft, da ist nur Gefühl. Auf dem Album gibt es zwei, drei größere Themen. Über Veränderung haben wir ja schon gesprochen. Ein anderes ist eben Zerstörung. Was passiert, wenn man die Mauern einreißt, die man sein ganzes Leben lang um sich herum errichtet hat? Wenn man die Unschuld sucht, mit der man auf die Welt kommt? Bevor man zum Monster geworden ist, während man versucht hat, diese Mauern zu schützen. Und das andere große Thema findet sich im letzten Song, »Our Cathedral«. Die Kathedrale ist für mich die Möglichkeit, sich zu entscheiden, ob man glücklich ist oder nicht. Egal, in welcher Situation. Was auch immer deine Realität ist, wenn du sie akzeptierst, dann kannst du glücklich sein.

Ist es wirklich so einfach?
Es ist nicht einfach! Man muss aufmerksam bleiben und sich immer und immer wieder daran erinnern. Und das zieht Energie.

Wo findest du noch die Kraft, an die Schönheit und das Gute zu glauben? Ich habe das Gefühl, ich könnte das gar nicht mehr.
Hierherzukommen war meine erste Reise seit Jahren. Im Fernsehen sieht man nur, wie abgefuckt alles ist. Aber für mich war es so schön zu sehen, dass die Menschheit immer noch gut ist. Kleine Dinge können mich da beeinflussen: Wenn jemand mir die Tür offen hält oder an der Kasse nett ist, wenn Leute ein bisschen Rücksicht aufeinander nehmen. Es ist diese Entscheidung, von der ich vorhin sprach: Wie möchtest du die Dinge sehen? Es gibt ziemlich viel Negatives, warum also nicht versuchen, ein wenig mehr vom Positiven zu sehen?

Aber zu dir sind sie hier in London natürlich besonders nett, du trägst ja den Ehrentitel Freeman of the City!
Ja, das würde man denken. Aber anscheinend ist das nicht viel wert. Ich muss immer noch am Flughafen in der gleichen Schlange wie alle anderen stehen. Ich darf aber meine Schafherde jederzeit über die London Bridge führen.

Eels

The Deconstruction

Release: 06.04.2018

℗ 2018 E Works