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Interview: Reibung durch Pop

Drangsal macht jetzt Schlager-Pop

Was ist los mit Max Gruber alias Drangsal? Vorbei sind die Tage der düster-verhuschten Wave-Songs. Radikal eingängiger Pop mit Schlager-Tendenz ist das neue Ding seines zweiten Albums »Zores« – am liebsten auf Deutsch. »Hallo, geht’s noch?« möchte man da fragen. Carina Hartmann hat genau das getan.

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Als er Ende Februar seine neue Single veröffentlichte, saß man vielerorts mit offenem Mund vorm Lautsprecher: Drangsal, der Pop-Pöbler, der seinen Weltschmerz auf dem 2016er-Debüt »Harieschaim« in diffus hallenden Klanglandschaften aus dem Hintergrund schallen ließ, trällert nun auf »Turmbau zu Babel« ein fröhliches »Es geht mir gut«. Ohne Echo. Ohne gefilterte Gitarre. Ohne großes Anti-Drumherum (man erinnere sich an diverse Nörgel- und Knutsch-Aktionen). Doch Max Gruber wäre nicht ein Meister der Überraschungen, wenn er nicht noch weiter gehen würde. Mit seinem zweiten Album »Zores« präsentiert der Wahlberliner nun zwölf knallende Gitarren-Songs – einer eingängiger als der andere. Inklusive plüschiger Endreime, bei denen sich »muss« ruhig auf »Kuss« und »Schluss« reimen darf, und catchy Schlager-Refrains fast ausnahmslos auf Deutsch. Ist das jetzt mutig? Kitschig? Albern? Oder alles auf einmal?

Zumindest eins dürfte klar sein: Dass dieser musikalische Wandel aneckt, ist Drangsal durchaus bewusst, wenn nicht sogar recht. »Auf ›Turmbau zu Babel‹ habe ich etwas mehr Abscheu-Reaktionen erwartet!« sagt er beim Interview. »Der Song sollte der größtmögliche Schocker sein.« Provokant ist das allemal. Der Album-Opener »Eine Geschichte« haut so gesehen noch mehr die Schalter raus: Zaghaft-leise Klavier-Akkorde hört man hier, dazu pathetisch-säuselnden Gesang (ja, Gruber singt jetzt richtig) – bis ein Schrei und eine laute Gitarre ertönen. Nach genau zwei Minuten ist der Taumel auch schon wieder vorbei, und man fragt sich, ob das jetzt schön oder verstörend war. »Ein schöner Aufwachen-es-geht-los-Moment ist das«, meint hingegen Gruber. »Die Leute, die noch gar nichts von der Platte gehört haben, gehen davon aus, dass es wieder mit Drums losgeht. Und dann kommt das! Tatsächlich klang meine Stimme auch noch nie so. Ich wusste vorher einfach nicht, wie man singt. Jetzt habe ich es verstanden, und es war mir wichtig, das zu zeigen. Es klingt immer ganz nah dran. Überhaupt ist diesmal alles sehr direkt!«

Das ist wohl die passende Beschreibung für all das, was auf »Zores« folgt. Ein direktes Album, das – gemessen am musikalischen Überschwang von Songs wie »Nur du«, »Sirenen« oder »Laufen lernen« – wie ein einziges euphorisches »Ja!« klingt. Pop in Reinform eben. »Wenn wir über Pop sprechen, muss man sagen, dass die Songs definitiv ein komprimiertes Skelett haben, während ›Harieschaim‹ ein Puzzle aus Versatzstücken war«, stimmt er zu. »Ich nenne es kompromisslos kompromissbereit.« Fragende Blicke. »Damit meine ich: Wo das letzte Album nischig war, öffnet das neue bewusst die Arme.« Ja, in der Tat: Titel wie »Magst du mich (oder magst du bloß noch dein altes Bild von mir)« – uff – schreien in der Hook geradezu: Ach, kommt, nehmt euch doch einfach alle in den Arm!

Und dann, genau in dem Moment, in dem alles ein wenig zu affig zu werden droht, kehrt Gruber die Schemata doch noch um. Dann lässt er auch mal schräge Refrains auf lupenreine Strophen folgen, presst so viel Text in die Songs, dass es schwerfällt, zu folgen, und verwendet Worte, die die Kids aus den Kommentarspalten in die Verzweiflung treiben. »Ich lieb dich so«-Zeilen werden dann von purer Resignation und Todeswünschen abgelöst und Songs auf halber Strecke von Metal-mäßigen Gitarren-Breakdowns gebrochen. So ist »Zores« zwar ein weitaus gefälligeres Album geworden, auf clevere Gegensätze wird aber dennoch nicht ganz verzichtet. »Genau deshalb halte ich das Album für bipolar«, fügt Gruber hinzu. »Es ist ja auch eine Bipolarität, die von meiner Person ausgeht, die sich im Songwriting widerspiegelt. So entsteht Reibung. Wir müssen uns insgesamt aber wieder trauen, mehr Pop zu sein! Wenn du das neue Album von Die Nerven auf iTunes hörst, ist das auch als Pop getaggt. Das ist wichtig: dass wir nicht immer Punk oder Noise-Pop sind, sondern dass wir die deutschen Pop-Musiker werden!«

Reibung durch Pop statt Gemotze – das ist also das Drangsal-2.0-Prinzip. Doch woher der Wandel? »Ich habe die zwei letzten Jahre damit verbracht, zu stänkern.« Gruber hält kurz inne. »Ehrlich gesagt habe ich 20 Jahre lang einen exorbitanten Geltungsdrang gehabt, aber niemanden, der mir zuhört. Als ich es dann endlich geschafft hatte, dass mir jemand ein Mikrofon hinhält, ist alles auf einmal explodiert, was sich an Teenager-Frust angesammelt hatte. Ich habe so viel Energie damit verschwendet, über Dinge zu reden, die ich nicht gut finde. Also lasst uns doch jetzt über das sprechen, was ich mag! Das ist ein geilerer Vibe.«

Ganz neue Worte also. Allzu geläutert darf man das am Ende dann aber doch nicht lesen. Für den größten Zores hält sich Gruber natürlich immer noch: »Ich bin ein jähzorniger Querkopf, klar. Aber vielleicht ist es trotzdem geil, mit dem Album mal dahinterzugucken und zu sehen, dass ich eigentlich auch ein ziemlich liebliches Gemüt habe – vor allem musikalisch.« Kann sein, dass es ebenjene Lieblichkeit ist, bei der man sich zunächst die Haare rauft, bevor es ganz langsam, aber ganz sicher ans Gemüt geht. So lange, bis man sich doch dabei erwischt, wie man genussvoll im Takt schunkelt.

Drangsal

Zores

Release: 27.04.2018

℗ 2018 Drangsal, under exclusive license to Caroline International, a division of Universal Music GmbH

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