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Interview: Der größte Club der Welt

Two Door Cinema Club

Mit infektiösen Gitarrenmelodien, jungenhaftem Gesang und akzentuierten Beats versetzen drei junge Iren derzeit den gesamten Globus in Euphorie. Jüngstes Großereignis: der Auftritt von Sänger Alex Trimble bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in London. Martin Riemann blickt gemeinsam mit Trimble und Bassist Kevin Baird auf die bisherige Karriere der Band zurück.
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Alex Trimble wacht im März dieses Jahres verwirrt in seinem Hotelbett auf. Er ist mit seiner Band Two Door Cinema Club gerade auf einer US-Tour und hat eine lange Nacht hinter sich. Doch was ihn vor allem beschäftigt, ist ein merkwürdiger Traum, der Trimble nicht mehr aus dem Kopf geht. Im Traum wird er vom Anruf seines Managers aus England geweckt, der ihm irgendwas von Regisseur Danny Boyle, der olympischen Eröffnungszeremonie, dem Underworld-Musiker Rick Smith und einer Milliarde Zuschauern erzählt. Alex versteht nicht, was das mit ihm zu tun haben soll, und legt wortlos auf. Aber jetzt, wo er wach ist, kommt ihm die Sache doch irgendwie seltsam vor. Er beschreibt seinem Manager den verrückten Traum per SMS. Der ruft sofort zurück und klärt Alex darüber auf, dass er keinesfalls geträumt habe. Das Angebot gilt: Alex soll den Song »Caliban’s Dream« von Rick Smith performen, während Ende Juli in London die Olympische Flamme entzündet wird und die halbe Welt zuschaut. Allerdings darf er diese sensationelle Neuigkeit im Vorfeld niemandem verraten, nicht mal seiner Familie. Es gibt nur zwei Ausnahmen: Kevin Baird und Sam Halliday, seine Bandkollegen.

One World, One Party

Gemeinsam mit Kevin Baird und Sam Halliday hat Alex Trimble in den letzten zwei Jahren einen Siegeszug durch die Clubs, Konzerthallen und Festivals dieser Welt hingelegt, dem der Mega-Event in London nun die Krone aufsetzt. Dass die Wahl auf den 22-jährigen Sänger fällt, scheint wohlkalkuliert: Danny Boyles außergewöhnliche Inszenierung der olympischen Eröffnungszeremonie am 27. Juli war eine Ode an die britische Jugend, deren signifikanteste Ausdrucksform noch immer die Popmusik ist. Es mag höchstens überraschen, dass diese nicht nur über die Beatles, James Bond und David Beckham definiert wurde, sondern in Anwesenheit der englischen Königin auch über die Sex Pistols, die Arctic Monkeys und Dizzee Rascal. Bei der Frage, wer denn aktuell der würdigste und frischeste Vertreter sein könnte, müssen Boyle und sein musikalischer Leiter Rick Smith dann auf den Rotschopf Alex Trimble gekommen sein. »Wieso ein Ire?« hat sich möglicherweise Queen Elizabeth II. gefragt. Nun, weil das Trio aus Bangor, dem er als Sänger vorsteht, eben genau den unbeschwert hoffnungsfrohen Geist von Pop vertritt, den Boyle mit seiner bombastischen Show evozieren wollte. Denn schließlich geht es der Band um Liebe und Euphorie und um die nächste Party, auf der man ihnen huldigt.

Diese Party feiern Alex und sein Bassist Kevin nun schon seit mehreren Jahren hauptberuflich und ununterbrochen. Allein im Jahr 2011 spielten sie zusammen mit ihrem Freund und Mitmusiker Sam Halliday über 300 Shows, manchmal mehrere an einem Tag. Dabei bespielten sie nach eigener Aussage bereits alle Kontinente außer der Antarktis erfolgreich.

Entsprechend übernächtigt wirken die beiden, als sie sich zum Interview an der Spree einfinden. Das Melt! Festival, bei dessen Publikum ihr Auftritt einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, liegt schon einige Tage hinter ihnen. Aber warum sollten sie ausgerechnet in Berlin nicht weiterfeiern? Die beiden wie Studenten auf einem Tagesausflug gekleideten Jungs in Flanellhemd und Regenjacke wirken leichenblass und haben verquollene Augen. Repräsentativer Aufwand scheint hier überflüssig, sie wissen ohnehin, dass sie gerade Everybody’s Darlings sind. So sitzt Alex Trimble die Ray-Ban-Wayfarer-Sonnenbrille schief im Gesicht, was seinen leicht indisponierten Eindruck nur noch verstärkt. Bei Fragen reagiert er allerdings stets hellwach, er ist Profi, genau wie Kevin.

Drei Jungs und ein Laptop

Gemeinsam mit Gitarrist Sam Halliday machen Kevin Baird und Alex Trimble nun schon seit gut sieben Jahren Musik. Die Band gründen sie 2005 im Alter von 14 in der Garage von Sams Eltern, als diese im Urlaub sind. Zu diesem Zeitpunkt verbindet die drei vor allem ihre gemeinsame Vorliebe für Bands wie At The Drive-In, Biffy Clyro und Hell Is For Heroes, während ihre Klassenkameraden vor allem auf das Debüt der Killers und Chartsmusik abfahren. Ihre ersten Songs sind dementsprechend im Postpunk- und Alternative-Bereich angesiedelt. Das sollte sich ändern, als sie nach einigen Auftritten 2007 ihr damaliger Drummer Patrick verlässt. »Das war der Zeitpunkt, als wir merkten, wie schlecht wir waren«, erinnert sich Baird grinsend, fügt allerdings schnell hinzu, dass ihr Können für eine so junge Band eigentlich schon damals recht beeindruckend gewesen sei. Aber das Beste sollte ja erst noch kommen. Die drei sind zunächst noch unschlüssig, wie es weitergehen soll. Sie kennen keinen anderen Drummer und haben keine Ahnung, wie sie in ihrem Heimatkaff Bangor einen auftreiben können, der zu ihnen passt. Da Aufgeben aber nicht zu ihrem Repertoire zählt, entscheiden sie sich, das fehlende Bandmitglied durch einen Laptop zu ersetzen. Das verändert den Groove von Two Door Cinema Club signifikant und erweitert ihr bisheriges Musikspektrum. Sie beginnen sich für die Musik von Bands wie Bloc Party und Daft Punk zu interessieren. Auch heute noch beschreibt Trimble die ersten Songs von Two Door Cinema Club als gewollte Mischung aus dem »jangly« Gitarrensound von Bloc Party und dem elektronischen Beat von Daft Punk.

Ein Blick nach vorn, ein Blick zurück

»Secret Circus«, ihren ersten Song nach diesem Rezept, stellen sie schnell auf MySpace zum Download bereit. Was unmittelbar zu Anfragen einiger Booker führt. Eigentlich könnte das Trio direkt auf Tour gehen, aber es gibt erst drei Songs, die ihrem neuen Sound entsprechen. »Es war gut, dass wir schon genug Erfahrungen gesammelt hatten, um nicht in Panik zu geraten«, meint Baird selbstbewusst. »Wir waren oft genug aufgetreten, also stellte dieser Aspekt für uns kein Problem dar. Wir mussten einfach schnell etliche Songs schreiben.« Um sich ganz diesem Job widmen zu können, verzichten die drei nach dem mit 18 absolvierten Schulabschluss auf ein Studium. Außerdem suchen sie sich einen Agenten, der ihnen eine Tour in England ermöglicht. Auf dieser treffen sie ihre zukünftigen Manager, die sie im Touren bestärken und sie fast drei Jahre lang nonstop mit ihrem Laptop auf Tour schicken, bis 2009 endlich das Pariser Hipsterlabel Kitsuné auf sie aufmerksam wird und ihr Debütalbum »Tourist History« veröffentlicht.

Die Platte kommt trotz der üblichen Plagiatsvorwürfe (es hagelt Vergleiche mit Bloc Party, Futureheads, XTC, Editors und Stranglers) gut bei den Kritikern an. Weitaus besser allerdings noch bei ihrem rasant wachsenden Publikum. Vielleicht auch, weil der höfliche, zurückhaltende, stets akkurat gekleidete Trimble mit seiner roten Haartolle zum Mädchenschwarm und Role-Model avanciert. Nun steht eine weitere wichtige Zäsur in der Bandgeschichte an, wie Baird erläutert: »Mit dem Album im Rücken war uns klar, dass wir nun auf viel größeren Bühnen auftreten konnten als bisher. Dafür wollten wir uns endlich als richtige Band präsentieren.« Spätestens jetzt fällt ihnen auf, dass der Laptop immer nur eine Notlösung gewesen war. Zwar hatte diese den Sound der Band entscheidend mitgeprägt, offenbarte aber mit wachsender Popularität des Trios immer mehr Nachteile: »In kleinen Clubs und Venues hatte es ja noch seinen Charme, wenn wir zu dritt mit dem Laptop auf der Bühne erschienen«, blickt Baird zurück, »aber die Presets schränkten unser Set zu sehr ein, und außerdem gehörte zu unserem Traum von einer echten Band schon immer auch ein echter Drummer. Natürlich war der Laptop mittlerweile so was wie unser Erkennungszeichen, aber das Bandgefühl war uns wichtiger. Außerdem muss ich im Nachhinein sagen, dass wir mit Drummer einfach zehnmal besser klingen, und programmieren tun wir ja immer noch genug.«

So ist »Beacon«, ihr zweites Album auf Kitsuné, nun komplett mit Benjamin Thompson eingespielt worden, dem Drummer, mit dem die Band seit drei Jahren wie bescheuert tourt. Der Titeltrack spiegele laut Baird den Anspruch wider, dem sich die Band derzeit stelle: »Der Song hat keine Struktur, jede Sektion ist völlig anders. Es geht nur noch darum, dass etwas fortschreitet.« Die klassischen Songstrukturen, wie man sie noch auf »Tourist History« findet, beherrschte die Band mittlerweile so spielend, dass sie sich traute, das sichere Terrain zu verlassen. Zugunsten von Arrangements, die noch effektiver auf den kollektiven Euphoriegipfel zusteuern, als man es ohnehin schon von Two Door Cinema Club gewohnt war. »Beacon« ist beseelt von den Reaktionen eines mit atemberaubender Geschwindigkeit wachsenden Publikums und liefert genau den Mix aus jugendlichem Pathos, Melodie und Rhythmus, den die Menge von Johannisburg bis Tokio liebt. Baird sieht das so: »›Tourist History‹ war noch sehr naiv und handelte davon, wie wir uns unsere Zukunft als junge Band damals vorstellten. Es warf einen hoffnungsvollen Blick nach vorne. ›Beacon‹ zeigt, wie es wirklich war, spiegelt also den Weg, den wir bisher gegangen sind, wider.« Für Trimble ist es ein weiterer Baustein auf dem Weg zu seinem höchsten Ziel: »Ich möchte eines Tages sagen können, dass ich Two Door Cinema Club aus vollem Herzen liebe!«

Viele tun das schon jetzt.

– Two Door Cinema Club »Beacon« (Coop / Universal / VÖ 31.08.)

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