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Interview: David Cronenberg und Robert Pattinson

Krisengespräche

»Twilight«-Star Robert Pattinson spielt zur Abwechslung keinen Vampir, sondern einen Devisenspekulanten in der Identitätskrise. »Cosmopolis« von »Naked Lunch«-Regisseur David Cronenberg ist ein Film für Erwachsene. Er passt ganz zufällig auch zur aktuellen Finanzkrise. Martin Riemann traf Cronenberg und Pattinson zum exklusiven Sechs-Augen-Gespräch.
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Eric Packers Leben scheint perfekt: Er ist reich, sieht gut aus und hat gerade geheiratet. Die Zuschauer von David Cronenbergs »Cosmopolis« lernen den Devisenspekulanten kennen, als er sich in seiner Stretchlimousine durch Manhattan chauffieren lässt. Ziel: ein ganz bestimmter Friseursalon. Dann bricht der Verkehr zusammen, und Packer bleibt im Wagen gefangen.

Die Geschichte des verzweifelten Milliardärs basiert auf dem Roman »Cosmopolis« von Don DeLillo. Der kanadische Regisseur David Cronenberg schrieb auch das Drehbuch. Dafür übernahm er zunächst wortwörtlich die Dialoge und musste dann, nach eigener Aussage, »nur noch die Lücken füllen«. Er inszeniert die Groteske mit Robert Pattinson als Eric Packer. Der 69-jährige Cronenberg und der 26-jährige Pattinson – ein Team, auf das man so schnell nicht gekommen wäre. Cronenberg gilt als Vertreter des »Body Horror«, mit dem er sich mit Fragen der Identität beschäftigt, wie etwa im Remake des Grusel-Klassikers »Die Fliege« (1986). Pattinson ist selbst Projektionsfläche und Identitätsfigur. Durch seine Rolle des Vampirs Edward in der »Twilight«-Quadrologie avancierte er seit 2008 zum Objekt weltweiter Teenager-Begierde. Wie hat man sich so eine Zusammenarbeit vorzustellen?

»Cosmopolis« steht und fällt mit der Hauptfigur Eric Packer. David, hast du mit Robert im Vorfeld lange über die Rolle gesprochen?
DC: Nein, alles, was ich Rob sagte, war, dass er auf die Dialoge vertrauen solle. Dann kümmert sich Eric Packer schon um sich selbst. Ich will nicht, dass Schauspieler ein abstraktes Konzept ihrer Figuren erarbeiten. Einem Schauspieler bringt es nichts, wenn man ihm sagt: »Du bist ein Symbol für den amerikanischen Kapitalismus!« Besser sagt man: »Du bist dieser Typ, der einerseits sehr mächtig und andererseits sehr schwach ist. Der in der Lage ist, Geschäfte in Milliardenhöhe zu manipulieren, aber nicht weiß, wie er mit seiner frisch vermählten Ehefrau reden soll.«

Hast du dir Gedanken darüber gemacht, was in Roberts Kopf vorgeht, wenn er die sehr literarischen Dialoge spricht?
DC: Ich habe keine Ahnung, was in Roberts Kopf vorgeht. Ich gehe davon aus, dass in seinem Kopf absolut gar nichts vorgeht, und das ist fabelhaft! Aber einer der Gründe, warum ich ihn für die Rolle ausgesucht habe, ist, dass er ein wundervoll ausdrucksstarkes Gesicht hat. Man kann fast bis in seine Seele blicken.
RP: Es stimmt schon, die Sätze sind sehr sorgfältig konstruiert. Das Seltsame ist: Als ich das Skript las, fand ich es zuerst lustig. Ich hielt es nicht für ein ernsthaftes symbolisches Statement über die Finanzkrise. Ich hab mir am Anfang keine besonderen Gedanken über Eric Packer gemacht, keine Recherche über Finanzmärkte oder Währungshändler betrieben. Ich habe mich kurz mit Soziopathen beschäftigt, aber das war’s auch.





Du hältst Eric Packer für einen Soziopathen?
RB: In gewisser Weise schon. Aber er ist sehr zuversichtlich. Das ist eine Eigenschaft, die Soziopathen in der Regel nicht haben. Er will in der Zukunft leben.

Kapitalismuskritik wird oft an der Gier Einzelner festgemacht. Welche Rolle spielt Geld für Eric Packer?
RB: Geld existiert für ihn nicht einmal. Er ist nicht gierig. Viele dieser Wall-Street-Typen sind Spieler, sie lieben den Kitzel und brauchen das Adrenalin. Für Eric gibt es keinen Adrenalinkick. Er ist wie ein Savant: Er hat keinen Ehrgeiz, Reichtümer anzuhäufen. Es geht ihm eher um Wissen. Geld ist eine universelle Sprache, aber ... [fasst sich an den Kopf] Oh mein Gott, ich habe zu viel Kaffee getrunken, mein Hirn macht gerade schlapp.

Kannst du ihm helfen, David?
DC: Ich könnte, aber ich will nicht. Ich will ihn leiden sehen. Die typische Schauspieler/Regisseur-Beziehung.

Eric Packer sitzt in seiner Limousine auf einer Art Hi-Tech-Thron. War es schwierig, ihn hauptsächlich im Auto darzustellen?
RP: Mit der Zeit fiel es mir immer leichter, vor allem wegen der furchterregend guten Besetzung, Schauspielerinnen wie Juliette Binoche oder Samantha Morton. Die Tatsache, dass ich viele Wochen in dieser Kulisse verbrachte, bevor ich die gemeinsamen Szenen mit ihnen spielte, gab mir einen Vorteil: Sie kamen rein und mussten sich erst mal in dem Setting zurechtfinden. Deswegen waren sie nervös. Aber ich war es nicht. Das hat alles ausbalanciert.
DC: Das ist genau der Zweck, zu dem Packer diese Limousine hat bauen lassen. Er zwingt damit Menschen unter seine Kontrolle. Das hat auch für Rob funktioniert.

Wirklich schockierend ist eine Szene, in der Packer einen seiner Sicherheitsmänner erschießt. Robert, was dachtest du, als du im Drehbuch auf die Stelle gestoßen bist?
RP: Für mich war das nicht so eine große Sache. Überhaupt nicht. Und das geht mir immer noch so, wenn ich den fertigen Film anschaue.
DC: Bei den Dreharbeiten hast du lieber die ganze Zeit darüber geredet, dass Packer sich in die eigene Hand schießt.
RP: Ich sagte andauernd: »Packer ist doch eigentlich ein netter Kerl!«Auf die eigene Hand zu schießen erscheint dir unangenehmer, als jemanden zu töten, Robert?
RP: Ja, meine Hand ist mir wichtiger.
DC: Da spricht ein Soziopath! Als ich im Roman die Passage mit dem Mord las, war ich für eine Sekunde geschockt. Dann dachte ich: »Natürlich, das war unausweichlich. Weil sein Sicherheitsmann für ihn eine Art Gefängniswärter wird, der ihn einsperrt.«
RP: Er mag ihn.
DC: Ja, aber für Eric Packer ist der Sicherheitsmann auch wie eine Mutter, die ihm ständig sagt, was er nicht tun darf. Es ist, als würde er seine Mutter erschießen. Das macht ihn frei. Er sagt es selbst zu seiner Frau: »Ich bin frei. Freier, als ich mich je fühlte.« Und sie fragt ihn: »Frei für was? Pleite zu gehen und zu sterben?« Und die Antwort lautet: »Ja! Genau das ist Freiheit.« Für ihn.
RP: Ernsthaft: Der große Wendepunkt in »Cosmopolis« ist für mich der Moment, in dem Packers Frau sich von ihm trennt.
DC: So ist es.
RP: Da ist er das erste Mal glücklich und überrascht. Seine Frau überrascht ihn immer wieder. Nichts, was sie Eric Packer sagt, ergibt Sinn für ihn. Er versucht, sie zu dominieren, aber das gelingt ihm nicht. Sie ist wie ein Aal.
DC: Der ganze Film ist so glitschig wie ein Aal. Es ist schwierig, seine Symbolik aufzuschlüsseln. Das ist der Grund, warum ich die Geschichte mag. Als wir mit dem Projekt begannen, war das Thema Finanzkrise nicht aktuell. Mir ging es von Anfang an um die Charakterstudie.

Die Charaktere in »Cosmopolis« hören einander kaum zu. Ist das als Anspielung, die über den Film hinausgeht, zu verstehen?
DC: Es ist eine Anspielung darauf, wie der größte Teil zwischenmenschlicher Kommunikation funktioniert. Wie oft spricht man schon mit jemandem über etwas und erzielt damit eine echte Wirkung? Die meiste Zeit redet man doch aneinander vorbei.