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Immer noch in Schwarz

Interpol über Verluste und Jugendstil-Malerei

Erst kam der Ausstieg des Bassisten, dann eine Pause. Eine Band wie Interpol bringt aber auch das nicht aus der Bahn. Im Gegenteil: Auf Album Nummer fünf sind sie wieder mit mehr Wucht bei der Sache. Von Schlagzeuger Sam Fogarino erfuhr Nina Gierth, warum der Verlust von Carlos Dengler auch Vorteile hat, vier Jahre keine lange Zeit und Interpol das akustische Äquivalent zu österreichischer Jugendstil-Malerei sind. Foto: Christoph Voy
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Wäre eine Interpol-Platte ein Gemälde – wie sähe es aus? Wie die von Einsamkeit und Isolation geprägten Szenerien eines Edward Hopper? Oder wie die schwermütige Romantik eines Caspar David Friedrich? Sam Fogarino überlegt kurz. Der Interpol-Drummer sitzt in einem Salon des schicken Soho House in Berlin. Eigentlich sind er und seine Bandkollegen nicht zum Kunst-Gespräch angereist. Sie sind hier, um abends im ausverkauften Postbahnhof zu spielen und vorher über ihr erstes Album seit 2010 zu plaudern. Doch dessen Titel, »El Pintor«, ist nicht nur ein Anagramm des Bandnamens, sondern auch Spanisch für »Der Maler«. Da darf man schon mal fragen, mit welchem bildenden Künstler Sam Fogarino den Sound seiner Band vergleichen würde. Und sich überraschen lassen, wenn dieser den Wiener Jugendstil-Maler Gustav Klimt nennt. Wirklich? Erotische, mit viel Gold ornamentierte Frauenporträts einerseits, dunkle, etwas unterkühlte Postpunk-Klänge andererseits – wo ist da die Parallele? »Im Maximalismus«, sagt Sam Fogarino. »Interpol präsentieren sich nicht auf eine maximalistische Weise. Aber musikalisch passiert viel, der Sound ist sehr dicht. Auch ist das weibliche Element bei uns immer präsent. Klimt stellt die sexuelle Energie des Mannes aus, ohne die Frauen zu erniedrigen. Und trotz des Goldes und der Farben sind Klimts Bilder melancholisch. Niemand lächelt darauf.« Touché.

Ein Sam Fogarino lächelt durchaus. Der bebrillte Drummer und Senior bei Interpol ist ein angenehmer Gesprächspartner: freundlich, entspannt, eloquent. Erzählt, dass er mit seiner Familie in Georgia lebt, in der Freizeit gerne an seinen drei Motorrädern herumschraubt und mit diesen über Nationalpark-Straßen holpert. Freizeit müsste er in den vergangenen Jahren ausreichend gehabt haben, denkt man. Doch fiel die Interpol-freie Phase keineswegs so üppig aus, wie der Abstand zwischen dem letzten Werk »Interpol« und »El Pintor« glauben lässt.
 
»Wir waren bis 2012 auf Tour, und danach haben wir ›Stopp‹ gesagt«, erläutert Sam. »Dann kam eine kleine Pause, und Anfang 2013 haben wir schon wieder neue Songs geschrieben.« Die nach dem exzessiven Touren notwendige Auszeit nutzten Sänger Paul Banks, Gitarrist Daniel Kessler und Sam Fogarino allesamt für eigene Projekte: Paul veröffentlichte sein zweites Solowerk »Banks«, zeigte sich als Rap-Kenner und kompilierte ein HipHop-Mixtape, dessen Dicke-Hose-Titel den sonst eher reservierten Banks von seiner pubertär-humorigen Seite zeigen: »Everybody On My Dick Like They Supposed To Be«. Sam nahm derweil mit Interpol-Keyboarder Brandon Curtis (Ex-Secret-Machines) und Jesus-Lizard-Gitarrist Duane Denison eine Platte als Emtpy Mansions auf. Auch Daniel Kessler schrieb an einem Album, das derzeit aber noch in der Warteschleife hängt.
 
Fehlt da nicht einer? Stimmt, Interpol waren mal zu viert. Mit Carlos Dengler, der – seines Instrumentes und des Tourens müde – gleich nach der Aufnahme von »Interpol« das Handtuch warf, verlor die Band nicht nur einen guten Mann am Bass, sondern auch ihr exzentrisches Aushängeschild. Dass sie auch ohne Dengler weitermachen würden, daran habe er nie gezweifelt, meint Sam. »Kann sein, dass Daniel und Paul die Dinge überanalysiert haben. Aber aus meiner Sicht war es eine Chance. Wir waren nicht wie ein Karren, der ein Rad verloren hat. Wir funktionierten immer noch.« Obwohl die Rhythmussektion stets als eine der Hauptstärken von Interpol galt, scheint der Schlagzeuger seinen Gegenpart nicht sonderlich zu vermissen: »Carlos’ große Persönlichkeit konnte einem etwas die Luft nehmen«, sagt Sam. Er wählt seine Worte sorgfältig, diplomatisch. »Carlos war ein bisschen autokratisch.« Kurze Pause. »Was nicht immer schlecht sein muss. Er war kein Monster. Meistens. Aber er konnte sich manchmal nicht auf den Prozess einlassen. Er wollte, dass alles kalkuliert ist, wie ein Baukasten. Wir anderen lassen die Dinge lieber passieren.« Weiß Sam Fogarino, was Carlos Dengler heute treibt? »Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen.«

Mit einer dominanten Stimme weniger im demokratischen Entscheidungsprozess fiel die Arbeit an dem in New York eingespielten und von der Band selbst produzierten »El Pintor« harmonischer aus als sonst. Während bei Auftritten Brad Truax den Bass spielt, übernahm diesen Job im Studio erstmals Paul. »Er ist richtig gut«, lobt Sam. Personellen Verschiebungen zum Trotz ist »El Pintor«, dessen elegantes Cover in Schwarz-Weiß-Rot an die Ästhetik von »Turn On The Bright Lights« und »Antics« anknüpft, wieder ein typisches Interpol-Werk geworden: Die gewohnte Aura steiflippiger Schwermut liegt über der Platte, verpackt in ein mächtiges, dicht gestricktes Soundgewand. Wie nannte Sam Fogarino es? Maximalismus. Nachdem die Interpol-Formel zuletzt aber allzu schwerfällig und zerdehnt geriet, fällt das Gros der zehn Songs auf »El Pintor« wieder druckvoller, überzeugender aus. Man höre allein den energetischen Einstieg mit »All The Rage Back Home«, »My Desire« und »Anywhere«. Doch auch auf »El Pintor« verzetteln sich Interpol zuweilen in der Repetition.
 
Dennoch: »El Pintor« ist ein starker Neustart, eine Neuerfindung ist es nicht. Die Variation beschränkt sich aufs Detail, wenn Paul Banks sein schwergewichtiges Timbre durch vereinzelte Falsett-Einlagen auflockert, das eher nervtötende »Same Town, New Story« mit dezentem Jazz-Vibe aufwartet oder Rob Moose von Bon Iver ein paar Streicher zur Schlussnummer beisteuert. »Ich halte es nicht für notwendig, etwas zu reparieren, das nicht kaputt ist«, pariert Sam gelassen die Frage, ob er und seine Kollegen nicht mal den Wunsch verspürten, etwas aus der Rolle zu fallen, ein Orchester einzuladen oder mit Electro-Beats zu spielen. »Keiner von uns hat das Bedürfnis, trendy oder besonders ausgefallen zu sein. Wir wollen den Test der Zeit bestehen. Wenn Bands zu viel experimentieren, verraten sie ihre Identität. Es kann funktionieren, aber wenn du auf die Musikhistorie blickst, findest du wenige Formationen, die damit erfolgreich waren. The Clash haben das hingekriegt oder Radiohead.«
Schon klar: Kein Künstler sollte sich zu sehr verbiegen und eine Samba-Truppe ins Studio holen, allein aus dem krampfhaften Drang heraus, ja nicht langweilig zu werden. Will man wirklich Interpol featuring Skrillex oder Paul Banks im Auto-Tune-Modus hören? Wohl kaum. Doch bei allem Respekt fürs Sich-treu-Bleiben und die eigene Nische: Ein kleiner Tick mehr Entdeckergeist könnte auch im Fall von Interpol ganz erfrischend sein.
 
Ihre Beständigkeit beweisen die Gentlemen auch optisch: Im schicken schwarzen Anzug verteidigen sie abends auf der Bühne ihren Ruf als bestgekleidetste Band im Indierock. Er könne nicht in Jeans und T-Shirt auftreten, meinte Sam Fogarino zuvor: »Es würde etwas fehlen.« Das Programm aus vielen alten »Turn On The Bright Lights«- und »Antics«-Stücken und einigen wenigen neuen Songs kommt beim Publikum gut an, überschwänglich wird die Stimmung aber nur bei Hits wie »Evil« und »Slow Hands«. Es ist irgendwie nett, Interpol live zu sehen. Nicht nur, weil sich die Gitarrenwälle und das wuchtige Drumming Sam Fogarinos noch tiefer in die Eingeweide bohren, sondern auch, weil man Daniel Kesslers gummibeinige Tänzelschritte bewundern kann. Weil man sieht, wie Paul Banks der Schweiß herunterläuft, wie er grinst, als er versehentlich mit der Gitarre gegen das Mikro stößt, sich zwischendurch stolz und schüchtern lächelnd für den Applaus bedankt und am Ende Kusshände verteilt. Auch wenn sie manchmal so wirken: Interpol sind eben doch kein Museumsstück.

Interpol »El Pintor« (Soft Limit / Coop / PIAS / Rough Trade / VÖ 05.09.14)