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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Instrumentale Musik und das, was sie politisch zu sagen hat

Und die Message, Postrock?

Die Runde diksutiert: Sind Texte das einzig adäquate Ausdrucksmittel für politische Anliegen?
Geschrieben am

Es gibt kein Handbuch zu Postrock, in dem steht, dass ein Sänger in der Band strikt verboten sei. Aber Frontmänner gelten allgemein als verpönt, Gesang wird somit zum gleichberechtigten Instrument neben den anderen. Posterboys? Fehlanzeige. Texte? Unwichtig. Mucker-Mucke ohne Bezug zur Außenwelt?

Vielleicht. Aber auch dazu gibt es weithin bekannte Ausnahmen: Godspeed You! Black Emperor nehmen als eine der zentralen Bands durch ihre Verwurzelung in der kanadischen Hardcore-Szene immer wieder die Gelegenheit wahr, ihre politischen Ansichten vorzubringen, und auch für die in Washington D.C. lebenden Trans Am kam ein Schweigen zur Politik George W. Bushs nicht in Frage. Sind das Einzelfälle? Wie politisch ist Postrock nun eigentlich?
 
Bettina Richards (Thrill Jockey): Musik muss keine Texte haben, um politisch zu sein. Aktionen sprechen lauter als Worte.
Barry Burns (Mogwai): Nein, wir verstehen uns nicht als politische Band, obwohl jeder für sich genommen sicherlich politisch interessiert ist. Als Band jedoch sehen wir uns nicht einer politischen Mission verpflichtet. Wir überlassen solche Dinge lieber Bono ...
Ian Ilavsky (Constellation): Constellation hat bis zu einem gewissen Grad immer politisches Engagement gesucht und auch verkörpert, zumindest, was die Kultur innerhalb der Musikindustrie betrifft. Und im Fall von Godspeed und A Silver Mount Zion: Solche Bands haben sich auch im erweiterten Kultursinn politisch verstanden. Dieses politische Verständnis lässt sich mehr in der Art der Produktion und des Vertriebs als an tatsächlichen politischen Inhalten festmachen. Für uns werden die wahren politischen Entscheidungen hinter den Kulissen getroffen: Wie kooperieren Labels und Bands mit der Industrie (Marketing etc.)? Auch wenn es abgedroschen klingt: Wir versuchen, wirklich alles auf diesem politischen Level beizubehalten. Alles andere wäre dekadent und verantwortungslos.
David Pajo (Slint): Ich weiß einen Scheiß über Politik, also könnte ich da auch nie didaktisch werden.
Phil Manley (Trans Am): Die Musik von Trans Am ist für gewöhnlich – bis auf unser explizit politisches Album »Liberation« – nicht als politisch zu verstehen. Es ist schwer für eine instrumentale Band, politisch zu sein, wie etwa ein Bob Dylan es kann. Ich sage nicht, dass man nicht politisch sein kann, wenn man auf Lyrics verzichtet. Aber die einzigen richtigen Worte findest du bei uns eben nur in den Songtiteln.
Sebastian Thomson (Trans Am): Es stimmt, dass die Postrock-Szene nicht in dem Sinn politisch war wie beispielsweise Hardcore oder Rapmusik in den 80ern. Aber ich glaube, dass es zeitgenössischer Popmusik generell so geht. Ich kann mich noch an das große Schweigen der Mehrheit der Musiker erinnern, als die USA damals in den Irak einmarschiert sind.
Rachel Grimes (Rachel’s): Instrumentale Musik bezieht die Hörer auf einer abstrakteren Ebene ein. Sie ist halt weniger wörtlich und genau auslegbar als Musik mit Texten. Die innere Überzeugung an eine friedliche und emotional ausdrucksstarke Lebensweise ist politisch, wenn es dein eigenes Verhalten und das der anderen beeinflusst.
Aaron Turner (Isis): Meine Musik ist in vielen Teilen schon von persönlichen Beobachtungen kultureller Phänomene durchsetzt und spiegelt in dem Sinn meine allgemeine politische Sicht der Dinge wider. Ich glaube nicht, dass Musik Gesang und Texte braucht, um politisch zu sein. Umgekehrt sind auch viele politische Songs so plump und schlecht geschrieben, dass die Botschaft dadurch verwässert oder gar unbrauchbar geworden ist.
Justin Small (Do Make Say Think): DMST ist kein politisches Vehikel. Ab und zu sind wir sicherlich auch politisch, aber wir sind ebenso romantisch, starrköpfig und lebenslustig. Wir benutzen keine Gesänge, aber wir singen definitiv auf andere Art und Weise über unser Leben.
Jan St. Werner (Mouse On Mars): Alles kann politisch sein, wenn es in bestimmten Zusammenhängen unkonform ist, neue Möglichkeiten eröffnet und mit Klischees bricht. Politik ist Einfluss am Gemeinsinn, bedeutet zu vermitteln, wie man Zusammenhänge neu ordnen und unproduktive repressive Strukturen auflösen kann.