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in Köln: It's A Shame About E.

Evan Dando live

Christian Steinbrink war begeistert von den Songwriter-Qualitäten des ewig unterschätzten Chris Brokaw und sah danach Evan Dando beim Ausnüchtern zu.
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Kontrastprogramm in Köln: Christian Steinbrink war begeistert von den Songwriter-Qualitäten des ewig unterschätzten Chris Brokaw und sah danach Evan Dando beim Ausnüchtern zu.

01.12.09, Köln, Underground.

Schön wäre es gewesen, hätte man den perfekten Auftritt Chris Brokaws in den Mittelpunkt dieses Berichts stellen können. Sein virtuoses Gitarrenspiel, seine schnoddrige Stimme, seine zahlreichen Songs zum Niederknien, alle ausnahmslos in seinem Set vertreten, und eben nicht seine ebenso zahlreichen Experimental- und Instrumentalstücke, die aber zu einem ähnlich großen Teil das breitgefächerte Können des Mannes ausmachen, der Anfang der 1990er mit seiner Band Come zusammen mit Thalia Zedek den Ursprung von Grunge prägte.

Auch wenn das eben nur in aller Kürze geht, sei zumindest nochmal auf Brokaws 2006er-Album "Incredible Love" hingewiesen, eine wahre Songwriterperle, die damals lang nicht die angemessene Aufmerksamkeit bekam - beziehungsweise gar keine.

Es geht nicht, weil an diesem Abend im Underground auch noch Evan Dando, mit The Lemonheads mindestens ebenso großer Songwriter wie Brokaw und im Gegensatz zu ihm gar nicht unterschätzt, auftrat. Und dieser Gig inklusive seiner Vorgeschichte wurde so tragikomisch bis traurig, dass man davon in aller Ausführlichkeit erzählen muss. Alles begann damit, dass Dando nach dem Gig am Abend zuvor in Münster das Auto der beiden abgeschlossen und den Schlüssel im Kofferraum vergessen hatte. Im Laufe des darauf folgenden Tages ließ sich dieses Problem offenbar nicht lösen, so dass Dando und Brokaw verspätet im Underground erschienen, die geplanten Interviews absagen und sich Instrumente ausleihen mussten.

Diese Misslichkeiten brachten Dando offenbar von der Rolle und dazu, sich unmittelbar vor dem Konzert komplett abzuschießen, womit auch immer. Jeder Lemonheads-Fan weiß um die Suchtgeschichte Dandos und darum, wie anfällig er für Aufputschmittel jeder Art ist. Man denke an sein Fast Forward-Interview mit Charlotte Roche vor einigen Jahren, oder an seinen Ausraster beim Haldern Pop 2003. Das Konzert im Underground toppte diese Eskapaden noch. Locker.



Es begann damit, dass Dando während des Sets von Brokaw in der ersten Reihe im locker gefüllten Underground auftauchte. Er trippelte herum, sang und tanzte und setzte sich auf den Boden, in unmittelbarer Nähe der Raumverstärker. Brokaw schien ein wenig irritiert, lachte dann aber mit und zeigte gute Miene zum undurchsichtigen Spiel. Als Brokaw sein Set beendet hatte und Dando auf der Bühne erschien, sah er schrecklich aus, er wirkte bleich, verdrehte ständig die Augen und schielte in die Scheinwerfer. Das zu sehen war kein Trugschluss, es zeigte sich, dass er in der Tat nicht in der Lage war, auch nur einen Song wie geplant zu Ende zu spielen. Genau genommen schien er sich an gar keine Setlist zu erinnern und spielte wahllos Cover irgendwelcher Stücke, die ihm gerade in den Sinn kamen, mit Pausen und ungewollten Tempowechseln.

Als er selbst nach etwa 20 Minuten zu merken schien, dass irgendwas nicht stimmte, rief er Brokaw wieder auf die Bühne, viel früher als ursprünglich geplant. Brokaw kam, agierte mit eisernen Nerven und einer Engelsgeduld und rettete den Gig zumindest halbwegs. Er gab mit seinen Akkorden den Stücken Dandos Struktur und brachte ihn so dazu, sich an das angeschlagene Tempo zu halten, auch wenn man ihn jetzt schon am liebsten ins nächste Bett gewünscht hätte. Mit Brokaw im Rücken fühlte sich Dando offenbar wieder sicherer, er kicherte und alberte herum, während Brokaw keine Miene verzog und die zahllosen Ausfälle Dandos so gut es ging ignorierte oder kittete.

Im Publikum hatte währenddessen auch der Letzte gemerkt, dass das keine so geplante Show war. Die Leute gingen, standen etwas betreten herum oder applaudierten, wenn Dando mal ein Song halbwegs gelang. Alle zeigten sich geduldig und schwiegen, niemand beschwerte sich laut, so dass Dando das Gefühl nicht verließ, sein Gig würde funktionieren. Selbst als er in die alte Tourmusikerfalle tappte und allen Ernstes annahm, er sei in Hamburg, regte sich nur humorvoller Protest. Es war absurderweise auch nicht alles mies, was Dando an diesem Abend auf der Bühne fabrizierte.

Der Kontrast machte es, dass schon ein durchgehaltener Refrain dieser ungebrochen wundervollen Songs Dandos noch erleichternder und erhebender wirkte als in einem professionell durchgezogenen Set. Oder dass Zeilen wie "I'm too much with myself / I wanna be someone else" aus "My Drug Buddy" oder "Why can't you look after yourself and not down on me?" aus "Big Gay Heart" eine ungleich unmittelbarere Bedeutung bekamen. Eine komische Empfindung, irgendwo zwischen Voyeurismus und Gruppentherapie, ohne dass man sich als Zuschauer auch nur ansatzweise sicher sein konnte, richtig, wahrhaftig oder wenigstens angemessen zu reagieren.


Kontrastprogramm in Köln: Christian Steinbrink war begeistert von den Songwriter-Qualitäten des ewig unterschätzten Chris Brokaw und sah danach Evan Dando beim Ausnüchtern zu.

Irgendwie bekam man im Laufe der Zeit das Gefühl, dass man Dando allein mit einer Reaktion durch seinen Rausch helfen konnte: Zuneigung. Er schien sich nur dann wohl zu fühlen, wenn er sich der Dankbarkeit der Zuhörer für seine Songs sicher war. Er vermittelte einen Eindruck von Unsicherheit und Labilität, er vermittelt ihn sogar manchmal, wenn er nüchtern eine Bühne betritt. Er reagiert oft aggressiv auf Ablehnung oder auch nur Desinteresse. Im Underground hatte er dieses Gefühl nicht, und damit hatte sich das Publikum wohl intuitiv richtig entschieden. Im Endeffekt stand Dando zwei Stunden auf der Bühne, viel länger als geplant und gegen Ende immer nüchterner, und trotz der deutlichen Zeichen Brokaws, dass es doch endlich mal gut sei. Und obwohl völlig dehydriert und ausgelaugt, setzte er immer wieder zu noch einem letzten Song an, wenn jemand im Publikum nochmal spaßeshalber einen Titel rief.

Auf dem 1993er-Hitalbum "Come On Feel The Lemonheads" heißt es in dem Song "Style": "Don't wanna think twice/ I don't have to think twice / But I'm not gonna get high / And I'm not gonna not get stoned". Für Dando gilt dasselbe noch heute. Das sich hinreißen lassen, unkontrolliert sein, sich in Situationen katapultieren, die man eigentlich mal gar nicht mehr erleben wollte. Manche würden sagen, Dando sei unverbesserlich, andere meinen, er sei immer noch ein Kind. Sein gutes Aussehen hat er mit 42 Jahren eingebüßt, sein Riesentalent besitzt er immer noch. Und er hat immer noch alte Freunde wie Brokaw, die ihm in einer unmöglichen und selbst verschuldeten Situation den Arsch retten, zumindest so gut wie möglich. Bleibt die Frage, wie lange er die noch hat. Denn alsbald dürfte Brokaw mit Dando allein nicht mehr mehr auf Tour gehen wollen...

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