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in Köln: Fleet Fox solo

J Tillman live

2:1 für die Bärte: Auch solo und ohne seine Fleet Foxes weiß J Tillman in Köln zu bezaubern. Christian Steinbrink war dabei.
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2:1 für die Bärte: Auch solo und ohne seine Fleet Foxes weiß J Tillman in Köln zu bezaubern. Christian Steinbrink war dabei.

23.09.2009, Köln, Blue Shell


Relativ griesgrämig sitzt J Tillman mit ein paar Typen an einem der Cafétische, die in der wärmeren Jahreszeit auf dem kleinen Areal vor dem Blue Shell aufgestellt sind. Die Typen haben wie er alle Bärte, nur ihre Haare sind noch nicht so wild gewachsen wie bei dem Mann aus dem Nordwesten, der gegenwärtig als Drummer der Fleet Foxes die Welt bereist und trotzdem immer noch Zeit findet, sein ebenso schönes Soloprojekt nicht völlig aus den Augen zu verlieren.

Aber wieso ist er so angespannt? Liegt es daran, dass trotz seines relativ hochfrequenten Präsenz in Köln wieder nur eine Handvoll Leute vor dem Laden steht? Oder daran, dass er wieder in dem Laden spielen soll, wo ihn beim letzten Gig vor ein paar Monaten ein Hochspannungskasten der Straßenbahn an der Außenwand des Gebäudes durch seine Störsignale ärgerte? Die Leute, die damals anwesend waren, sagten später, das Konzert sei großartig gewesen. Tillman sei mit seiner akustischen Gitarre wie ein Prediger durch den Raum gewandert und hat eine Stimmung erzeugt, die für alle Gekommenen unvergesslich gewesen sein soll.

Bei seinem Gig an diesem Abend wandert er nicht. Dafür hat er wieder eine vierköpfige Band dabei, die zu großen Teilen aus dem mitgebrachten Support Pearly Gate Music besteht, der Band, der sein Bruder Zach vorsteht. Auf der Bühne sind: Schlagzeug und jede Menge Gitarren, sogar eine Art Eigenbau-Slide-Gitarre, wunderlicherweise aber kein Piano, eigentlich eines der prägenden Instrumente auf seinem großartigen letzten Album "Vacilando Territory Blues", seinem ersten als solches benennbaren "Bandalbum" nach mehreren, die ganz allein J Tillman selbst abbildeten. Ein solches steht auch nun wieder an und ist der eigentliche Grund dafür, dass Tillman schon wieder in der Stadt auftaucht. Es heißt "Year In The Kingdom" und steht in seiner Klasse seinen Vorgängern in nichts nach.



Eigentlich braucht man das Wissen um den Fleet Foxes-Link nicht, um angesichts dieser neuen Tillman-Platte diese Heldenband des letzten Jahres herauszuhören. Gerade die Gesangsfarbe Tillmans, entweder allein oder in den wunderschönen Chören, die er heute zumeist zusammen mit seinem Bruder intoniert, verweist deutlich auf die Bärte aus Seattle. Was die beiden Formationen unterscheidet, sind die deutlich intimeren Arrangements der Tillman-Bande im Vergleich zu den opulenten Versuchungen der Fleet Foxes. Speziell für das Konzert in Köln ist dieser Umstand ganz passend, die letzten Endes 40 Besucher sind ein perfekter Rahmen für die Atmosphäre, in der sinnliches Gefühl auf und atemlose Stile vor der Bühne in sich greifen.

Die Tillmans und ihre Mitmusiker spielen vornehmlich die Stücke der beiden in diesem Jahr erschienenen Platten, und sie tun das mit Inbrunst und Hingabe, die umstandslos einnimmt. Dabei spielt natürlich auch die besondere Qualität Tillmans eine Rolle. Es gibt gegenwärtig nur wenige Songwriter, die zu einer ähnlich unverkennbaren Klangfarbe finden, deren Atmosphäre ähnlich kraftvoll und zwingend ist. Egal, ob Tillman mit Band, oder wie in seiner Zugabe nach anderthalb Stunden, alleine auf der Bühne steht. Er nimmt reichlich von Nick Drake und Simon & Garfunkel, also guten und altbekannten Referenzen. Aber was er daraus macht, wie er singt und seine Songs arrangiert, geht weit über den Standard der vielen anderen Musiker mit ähnlichen Wurzeln hinaus.

Mit Flöten und Becken geht er bis an die Grenzen des Stils, ergeht sich auch mal in gepflegtem Noise, um kurz darauf mit "New Imperial Grand Blues" wieder zu knackigen Blues-Standards zurückzukehren. Das Publikum im Blue Shell ist jedenfalls ausnahmslos von dieser Musik gebannt, von der ersten bis zur letzten Minute. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich bekommt man Musik ähnlicher Machart mittlerweile wieder an fast jeder Ecke. Aber Tillman ist besonders. Und zumindest die abertausend Fleet Foxes-Fans sollten das auch erkennen. Die noch anstehenden Konzerte hierzulande bieten dafür beste Gelegenheit.