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in Köln: Begegnung der Dritten Art

Muse live

Bombastische Special Effects statt ödem Indie-Realismus, Roland Emmerich statt Lars von Trier: Peter Flore war beim Kölner Konzert der Briten...
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Bombastische Special Effects statt ödem Indie-Realismus, Roland Emmerich statt Lars von Trier: Peter Flore war beim Kölner Konzert der Briten und genoss eine Show, die nicht von dieser Welt war.


16.11.2009, Köln, Lanxess Arena.

Es gibt 1000 gute Gründe, Muse nicht zu mögen: Ihr prätentiöses Neo-Klassik-Gebahren, ihre mittlerweile schon fast unheimliche Begeisterung für den Themenkomplex "Außerirdische", "Totalitäre Systeme" und "Esoterik", ihre technische Perfektion, ihr Musiker-Musiker-Gestus, ihre "Larger Than Life"-Show.

Andererseits sind das auch genau die Gründe, warum man sie uneingeschränkt lieben kann und sie deshalb auch eine der derzeit größten Rockbands der Welt sind. Das sehen die gut 12.500 Besucher der mittlerweile einen Sponsorennamen tragenden Arena auf der "falschen" Kölner Rheinseite vermutlich ebenso.

Matthew Bellamy und seine zwei Mitstreiter haben ihre Tour im Vorprogramm von U2 in den Staaten eröffnet, den restlichen Teil der Welt beehren sie standesgemäß als Headliner, klar. Wodurch der Supportslot für die Schotten Biffy Clyro frei wurde, die eine kurze, knackige Show spielen, im mal wieder grottigen Arena-Soundgrab aber leider etwas absaufen. Was man ihnen schwerlich zum Vorwurf machen kann, der Schlussapplaus ist jedenfalls herzlich und das aktuelle Album "Only Revolutions" sei hiermit nochmal ausdrücklich empfohlen. Wie auch die in den nächsten Tagen anstehenden Solo-Shows der Band.

Muse wiederum fahren von Beginn an schweres Geschütz auf, in Form und Inhalt. Je drei LED-Quader hängen als moderne Stalaktiten von der Decke bzw. wachsen mit je einem Bandmitglied on top aus dem Boden. Mit dem fallenden Vorhang steigt die Band in die erste Single "Uprising" ein, ihr folgt thematisch durchaus sinnig "Resistance" - auf den LED-Wänden reckt eine anonyme Menschenmasse die Fäuste in den blutroten Himmel, Pink Floyd meets Queen, wenn man so will. Überhaupt, dieses Konzeptding! Wahrscheinlich hat kaum einer der Anwesenden Platten von Genesis, Yes oder eben der ewigen Muse-Referenzband Queen im Billy-Regal stehen - viele haben vermutlich nicht mal ein Regal, in das sie noch physisch Musik hineinzustellen gedenken - allein dieser Art-Rock-Gestus schwingt natürlich bei jedem Ton mit.



Unter der illuminierten Weltkarte schmettert die Band ihr eigenes "Bohemian Rhapsody", also "United States Of Eurasia" in die Arena, zu "New Born" vom Jahrzehntalbum "Origin Of Symmetry" durchschneiden grüne Laser den Rauch im Hallendach, "Feeling Good" wiederum sollten die Macher des nächsten Bond-Streifens mal als Soundtrack-Bewerbung abspeichern. Irgendwann fallen große weiße Luftballons mit Konfetti drin auf die Massen hernieder. Was die Flaming Lips mit einem Augenzwinkern veranstalten, inszenieren Muse ohne mit der Wimper zu zucken und mit allem gebotenen Ernst des verkopften Konzeptkünstlers.

Bombastische Special Effects statt ödem Indie-Realismus, Roland Emmerich statt Lars von Trier: Peter Flore war beim Kölner Konzert der Briten und genoss eine Show, die nicht von dieser Welt war.

Oder doch nicht? Die Show ist perfekt, überlebensgroß wie ein Roland-Emmerich-Film und daher ebenso over the top. Wer auf seine Platten dreiteilige Symphonien der Marke "Exogenesis" (das heute abend nur angespielt wird) und dreiste Queen-Reminiszenzen wie eben "United States Of Eurasia" packt, weiß vermutlich um die Komik des Aufgeblasenen.



Anders gesagt: Man tut Muse zutiefst unrecht, wenn man in ihnen die humorfreien Neo-Wagneraner sieht. Und wer in "2012" geht und sich hinterher über die übertriebene Materialschlacht beschwert, hat zwar Recht, aber eben auch keinen Spaß. Bei all dem öden Realismus im heutigen Pop wirken ein paar Special-Effects aus dem Muse-Kosmos zuweilen wahre Wunder.