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in Düsseldorf: Widersprüche

Die Goldenen Zitronen live

"It's only Rock'n'Roll, but we like it" steht über der Bühne des Stone Clubs im Ratinger Hof. Darunter stehen die Goldenen Zitronen als Teufel, Kalif und Prediger verkleidet...
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"It's only Rock'n'Roll, but we like it" steht über der Bühne des Stone Clubs im Ratinger Hof. Darunter stehen die Goldenen Zitronen als Teufel, Kalif und Prediger verkleidet. Nur einer von mehreren Widersprüchen.

07.11.2009, Düsseldorf, Stone im Ratinger Hof.

"Es stimmt, was ich immer sage: Wer die Goldies noch nicht im Ratinger Hof gesehen hat, hat sie noch nie gesehen". Das sagt Schorsch Kamerun irgendwann gegen Ende des Goldies-Konzertes an diesem geschichtsträchtigen Ort, und er sagt das mit einer Spur Ironie, aber nicht unzufrieden. Denn er und seine Band haben ja alles gegeben, was man von ihnen erwarten kann, und sich mit der Zeit unterhalb der Rockschmock-Headline eingegroovt.

Trotz technischer Probleme an den Keyboards von Mense Reents, die Kamerun aber gleich für eine Tirade über Wahrhaftigkeit und Inszenierung in Rockshows nutzt, trotz ihrer neuen Kostüme, die nicht besonders atmungsaktiv aussehen. In den neuen Kleidern (Highlights: Julius Block als Kalif, Enno Palucca als Teufel) eröffnen die Zitronen ihre neue Show in mittlerweile guter theatralischer Tradition mit einem Sprechstück nebst Schattenspiel, bevor es dann in die Songs geht.
Erst eine Schiene vom formidablen neuen Album "Die Entstehung der Nacht", dann das Potpourri der alten Hits seit "Das bisschen Totschlag", dem Wendepunkt in der Zitronen-Historie. Offenbar reizen die Band ihre Erinnerungen an den Ratinger Hof, denn so intensiv, wie sie hier mit dem Publikum kommunizieren, machen sie das sonst selten. Das Publikum ist aber deutlich mehr Düsseldorf-Altstadt als Artpunk und zeigt besonders für Ted Gaiers politisierte Ambitionen kaum Sinn. Es will rocken, und das darf es auch. Jedenfalls, wenn es auf der sehr tief gelegenen Tanzfläche direkt vor der Bühne oder oberhalb dessen am Rand steht. Dahinter bekommt man auf vollen Konzerten im heutigen Ratinger Hof kaum noch etwas zu sehen, und das erzeugt bei Ticketpreisen von 18 Euro bei einigen der Zitronen-Fans Frust.



Vorne ist davon aber nichts zu spüren. Die alten Hamburger spielen eine vorzügliche Show, mal gallig, mal dynamisch, immer konfrontativ. Speziell Kamerun hat nach seinen Theaterausflügen offenbar wieder richtig Lust, mit den Konventionen der Rockshow zu spielen, er hoppelt im aus dem Video zu "Positionen" bekannten Life of Brian-Kostüm über die Bühne, er agitiert, erschüttert, versöhnt und präsentiert seine silberne Zitrone. Das ist, müßig es zu erwähnen, natürlich völlig außerordentlich und einzigartig. Quasi ein neues Stück, das er mit seinem Ensemble "Die Goldenen Zitronen" souverän erarbeitet hat. Lohnt sich wieder, das anzuschauen.



Auch wenn man meint, diese Band schon oft genug live gesehen zu haben. Am Ende, nach gut 90 Minuten, läuft in Düsseldorf dann noch "Für immer Punk" aus der Konserve. Ein Klassiker, den man von der Band live aber wohl nie wieder hören wird. Noch einer dieser Widersprüche. Wirkt aber ganz anregend, dass es die hier überhaupt noch gibt.