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in Berlin: Dylan-Epigone mit stechendem Blick

The Tallest Man On Earth Live

Der schwedische Songwriter Kristian Matsson begibt sich bei seinem Konzert in Berlin auf Augenhöhe mit dem Publikum und erzeugt so eine unglaublich intensive Spannung...
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Der schwedische Songwriter Kristian Matsson begibt sich bei seinem Konzert in Berlin auf Augenhöhe mit dem Publikum und erzeugt so eine unglaublich intensive Spannung...


05.03.2010, Berlin, NBI.


Seit vergangenen Donnerstag läuft "Crazy Heart", in dem Jeff Bridges mittlerweile Oscar prämiert den abgewrackten Country-Sänger Bad Blake verkörpert, in den deutschen Kinos. Eine Woche zuvor wurden bereits die (angeblich) letzten Songs von Johnny Cashs "American Recordings"-Reihe unter dem Titel "American VI: Ain't No Grave" veröffentlicht. Beide, Film und Album, sind schon jetzt Kassenerfolge. Was das mit dem Konzert des schwedischen Singer/Songwriters Kristian Matsson zu tun hat, der als The Tallest Man On Earth am Freitag Abend das kleine NBI im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ausverkauft hat?

120 glückliche Zuhörer, ein paar traurige Kartenbettler draußen in der Kälte und noch mehr flehentliche Postings im Internet: Es scheint sie immer noch zu geben, diese Sehnsucht nach Folk und Country, nach bedeutungsschwerem Storytelling, ausdrucksstarken Stimmen und Bühnenfiguren. Genau deshalb schinden Cash und Bridges Eindruck, generationsübergreifend und bis tief in subkulturelle Milieus hinein.

Bei The Tallest Man On Earth beginnt alles im Sommer 2008 mit einer hymnischen, auf Bob Dylans Frühphase (bis zu dessen Motorradunfall 1966) verweisende Besprechung seines wahrlich beeindruckenden Debüts "Shallow Grave" bei der US-Indieinstanz Pitchfork. Tatsächlich hat Matsson, der allein auf Grund seiner wahnsinnig präsenten, reibeisigen Kopfstimme den Dylan-Vergleich unweigerlich erscheinen lässt, genau bei den amerikanischen Folk-, Country- und Blues-Sängern zugehört. Die Motive, über die er mit hochgestimmter Capodaster-Gitarre und dringlich gezupften Melodien singt, sind ebenso wie bei Dylan allesamt dem Great American Songbook entlehnt: Naturszenarien, Heimatlosigkeit, Tod und natürlich Frauen. "If whiskey won't kill me, I don't know what will", klagt Matsson in einem Song, der wohl auf seinem zweiten Album "The Wild Hunt" sein wird, dass im April auch in Deutschland erscheint. So weit, so wenig außergewöhnlich, zumal Matsson in Berlin sogar zugibt, dass er Akkordfolgen auch mal direkt für einen Song klaut. Wenn man einen Freund vermisst, sei das erlaubt.


Was Matsson von leidlich modernen Songwriter-Traditionen abhebt, ist sein übergroßes Bühnen-Ego. Matsson hat trotz seiner eher schmächtigen Statur keinen "weak handshake", er gibt sich auch nicht vordergründig sympathisch, sondern schon eher wie eine Folk-Inkarnation von James Hetfield. "Ich krieg euch. Jeden einzelnen von euch" ist sein präsentester Gesichtsausdruck.

Die fünf Meter breite Stufenbühne ist dem unruhig umherstampfenden Schweden eindeutig zu klein, quasselnde Besucher werden mit spitzen Bemerkungen abgestraft. So arrogant ein solcher Bühnen-Autoritarismus im ersten Moment auch wirkt, hier transportiert ein Musiker noch ein Anliegen - sei es nun die Bitte um Aufmerksamkeit für einen grandiosen Song wie "The Gardener" oder eben bloß die Prätention als Folk-Macho durchzugehen.
Hatten schon beim Reeperbahn Festival 2009 bei der ersten Deutschland-Show von The Tallest Man On Earth Fans in den ersten Reihen über Schweißzustände und Unbehagen aufgrund des stechenden Blicks sinniert, treibt es der Schwede am Freitag noch weiter: Wenn sich Fremde auf weniger als einen Meter nähern, empfinden das die meisten Menschen als unangenehm. Matsson verkürzt diese sorgsam sozial konstruierte Distanz auf wenige Zentimeter, während er am Bühnenrand in die Saiten greift. Das geht allein deshalb, weil das Konzert bereits ohne den so typisch-brachen Songwriter-Halbkreis vor der Bühne beginnt.

So rückt Matsson auf Augenhöhe an einige junge Frauen heran, schreckt auch vor der Pärchen-Zweisamkeit am Bühnenrand nicht zurück und testet beinahe bei der Hälfte der Anwesenden, wer seinen sekundenlangen Blicken standhält, ohne zu verkrampfen. Kein Wunder, dass man bei diesem Publikumsflirt an die Geschichten jener Countrysänger denken muss, die es noch in jeder Stadt geschafft haben, am nächsten Morgen neben einer anderen Frau aufzuwachen. Letztlich entsteht so auch eine unglaublich intensive Spannung zwischen Matsson und seinen Zuhörern, die einen über weite Strecken des Abends trägt und sich erst kollektiv entlädt, als eine junge Dame während einer ruhigen Gitarrenpassage mit schriller Stimme von hinten ruft: "Bob Dylan".

Kristian Matsson kann anscheinend für ihn angemessen mit dieser Bürde umgehen. Ganz zum Schluss singt er "King Of Spain", noch so eine kleine, augenzwinkernde Allmachtsphantasie: "If you could reinvent my name, if you could redirect my days, I wanna be the king of Spain." Es sind derartig große Sehnsüchte, die The Tallest Man On Earth anscheinend wecken kann.


The Tallest Man On Earth spielt im Sommer auch auf dem Haldern Pop Festival.