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Die sonnenbrandheiße Immergut-Nachlese

Immergutschwitzen

Jaja, der Wettergott meinte es auch 2005 wieder (fast schon zu) gut mit den Immergut-Besuchern. Tagsüber 30 Grad Celsius im Schatten, nachts weitaus angenehmere Temperaturen als im frostigen Vorjahr. Anscheinend haben die Boys & Girls vom Immergut-Team ein Premium-Sonnen-Abo bei Petrus. Best
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Jaja, der Wettergott meinte es auch 2005 wieder (fast schon zu) gut mit den Immergut-Besuchern. Tagsüber 30 Grad Celsius im Schatten, nachts weitaus angenehmere Temperaturen als im frostigen Vorjahr. Anscheinend haben die Boys & Girls vom Immergut-Team ein Premium-Sonnen-Abo bei Petrus.

Beste Voraussetzungen für ein gelungenes Immergut Festival 2005 in der meck-pommerschen Seenplatte. Und nicht nur für die menschlichen Festivalbesucher war's toll, für die Milliarden Mücken vor Ort war's wohl der kulinarische Höhepunkt ihres kurzen Lebens. Kaum einer, der mit unter 20 Stichen davon kam.

Der erste Tag: Die ersten Bands gehen im allgemeinen Wiedersehenstrubel erstmal fast ungehört verloren. Aber spätestens bei The Robocop Kraus werden die ersten Fäuste gen strahlend blauem Himmel gereckt. Das neue Material sitzt genauso angegossen wie die Klamotten. Wer sich vorne vor der Bühne zum kollektiven Zappeln einfindet, kommt garantiert dehydriert wieder raus aus dem tobenden Pulk. Schmerzlich vermisst werden die alten Hits beim Konzert von Nada Surf, die aber dank Charme und gutem Soundmann trotzdem bei den Zuhörern ein Strahlen ins Gesicht zaubern. Miles-Frontboy Tobi Kuhn poppt sich auch mit seiner Zweit-Band Monta ganz vorzüglich durchs Programm. Jedenfalls war's da schon pickepackevoll im Zelt.

Der Tages-Abschluss auf der Hauptbühne blieb dem skandinavischen Soulbrother No.1, Moneybrother, vorbehalten. Ganz Gentleman-Entertainer schmachtete er sich mit seiner traumhaften Stimme in die Herzen der meisten Anwesenden.

Danach tanzten dann die Puppen im Zelt...und zwar im wörtlichen Sinne: der Headliner der Herzen am Tag Eins des Immerguts waren die Puppetmastaz aus Berlin! Einige waren ja im Vorfeld skeptisch, ob HipHop-Acts auf einem "klassischen" Indie-Pop-Festival ankommen. Die Zweifler (ich auch) wurden dann aber Lügen gestraft. Die rappenden Puppen eroberten mit Anmut und Reim-Skills alle Anwesenden. Allerspätestens als Jedi-Meister Yoda als neues Mitglied der Rap-Crew vorgestellt wurde, gab' es kein Halten mehr. Dass da hinter der Bühne letztlich drei Puppenspieler die Fäden zogen wurde nur bei einem Stück sichtbar, als die drei mit Afro-Perücken verkleidet, einen Track performten. An diesem Abend waren die Puppetmastaz genau so beeindruckend und musikalisch überragend wie Größen des Kalibers Beastie Boys oder Wu-Tang Clan. Kein Wunder, dass das Konzert letztlich fast zur Hälfte aus frenetisch geforderten Zugaben bestand. Die anschl. Karrera-Klub-Disco mit DJ Spencer im Zelt führte dann wieder in angenehm gitarrige Gewässer. Gegen sechs Uhr morgen krochen die letzten Tänzer in ihre Zelte, wo sich die Mücken über sie hermachten.

Tag Zwei: nach ca. drei Stunden Schlaf ging's für uns zum Immergut-Zocken im Rudolf-Harbig-Stadion zu Neustrelitz, wo sich unser Intro-Team wacker schlug. Nach einer glorreich versauten Vorrunde, konnten wir wenigstens behaupten, gegen die späteren Turnier-Sieger vom Team SpVgg Florian Horwarth (u.a. mit Fussball-Performer Patrick Wagner vom Louisville-Label) einigermaßen gut ausgesehen zu haben. Jedenfalls waren wir froh dieser Hitzehölle entkommen zu sein und ab dem Nachmittag wieder den halbschattigen Festivalguide-Stand zu betreuen. Die meisten Besucher tummelten sich derweil vernünftigerweise an den Badeseen in der Umgebung.

Fussball-Turniersieger Horwarth eröffnete den musikalischen Reigen dann am späten Nachmittag. Auf ihn folgten die Kölner Oberlippen-Punker Angelika Express. Die erste Band im Zelt, Seidenmatt erntete dann schon mal richtig viel Applaus. Da wurden wohl einige neue Fans gewonnen. Auf der Hauptbühne kamen dann Madsen mit perfekt sitzendem Rock...die Pefektion ist Programm, sowas lernt man wohl auch nur, wenn man Nu-Metal-Roots hat. Dem Volk gefiel's jedenfalls zumindest größtenteils. Dann spielten die "Spassvögel" von Kate Mosh unter anderem Songs mit so Titeln wie "Kick Nave and the sad beat". Klang aber dann mehr nach At The Drive In als nach Funpunk. Jedenfalls war die Berliner Band bis dahin der musikalische Höhepunkt des heißen Nachmittages.

Bei den folgenden The Album Leaf konnte man sich dann angenehm entspannen. Musikalisch ging's zwischen Folk, Elektronika und Post-Rock gemütlich hin und her. Ein Konzert, das wie geschaffen für den Moment war, in dem die Sonne (endlich) hinter den Bäumen verschwand.

Die Boxhamsters beschwörten dann die alte Hamburger Punkschule und ließen einen nostalgisch werden. Schön diese legendäre Band mal wieder spielen zu sehen.

Auch auf der Hauptbühne kamen dann die Hamburger zum Zug. Kante hatten quasi ein Heimspiel und hatten wie bei allen Konzerte, die ich je sah, eine andächtig lauschende Zuschauerschar. Aber klar, dass bei den flotteren Hits auch ordentlich getanzt wurde.

Botschafter der Weilheimer Schule (sic!) waren in diesem Jahr MS. John Soda, von denen einige nach dem Gig am Abend berichteten, dass sie ja noch toller als die ohnehin großartigen Lali Puna im Vorjahr waren. Das Zelt war auf jeden Fall zu klein, um alle Fans zu beherbergen.

Dann endlich Maximo Park: Noch am Nachmittag konnte man Sänger Paul Smith, kaum wieder zu erkennen, im sportlichen Freizeit-Outfit übers Gelände schlendern sehen. Mit weißer Shorts, Turnschuhen und weißer Baseball-Cap sah er aus, als hätte sich ein Tennis-Spieler bei den French Open verlaufen. Sehr sympathisch, das. Auf der Bühne dann wurde er zum Derwisch mit ausgeprägtem Mienenspiel. Bei mancher Geste dachte ich gar leise an Marilyn Manson. Großes Kino also. Musikalisch ein Feuerwerk, das fast den Wald nebenan angezündet hätte. Von Song zu Song, bzw. Hit zu Hit (jeder Schuss ein Treffer) wuchs die Begeisterung für die mit Bloc Party meist gehypte Band der Saison (zu Recht natürlich) an.

Dass die Stimmung danach noch zu toppen war, war eigentlich kaum zu erwarten. Kamen die The-Ark-Lookalikes Melody Club mit ihrer Mischung aus Glam-Pop und Jamba-Melodien doch nicht bei jedem so gut an. Zumindest waren sie tanzbar und beherrschten die Rock- & Festival-Headliner-Mätzchen schon aus dem Effeff.

Ja, Stimmung toppen - wie ging das noch? Mit einer überaus gewagten Mischung aus Euro-Techno und Hamburger HipHop räumten Deichkind das Feld von hinten auf. Spätestens bei der Kombi aus Limit und dem Euro-Trash-Klassiker No Limit wusste man, dass im Zelt bei diesem Gig keine Gefangen gemacht würden. Bis hinten zum Mischer sprangen alle bis quasi an die Decke. Wer dennoch auf den Holzbohlen stehen blieb wurde wie bei einem Erdbeben durchgeschüttelt. Nach diesem spektakulärsten Auftritt des Festivals konnten sich die Leute im Zelt erstmal komplett auswringen. Wer hätte das gedacht, daß HipHop und Immergut so gut zusammengeht?!

Nach den schon oben erwähnten Melody Club übernahm dann Käpt'n Fiete Klatt das Disco-Ruder, die noch von Deichkind aufgescheuchte Menge, dankte die schöne Auswahl mit Stage-Diving, Crowd-Surfing und Menstrip (!). Zu späterer Stunde gesellte sich dann sogar noch Maximo Parks Paul Smith als Gogo-Boy auf die Bühne. So ließ es sich extrem ausgelassen in den Sonntagmorgen feiern.

Fazit: ca. 50 Mückenstiche, Muskelkater, erstaunlicherweise kein Sonnenbrand und viele tolle Konzerteindrücke von denen die ungewöhnlichen (Puppetmastaz, Deichkind) wohl am längsten anhalten werden.

Falls hier ein paar Bands zu kurz kamen, vergebt mir! Es waren so viele :)