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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

We're a happy family

Immergut 2004

28./ 29.05.04, Neustrelitz Inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte, eingebettet in verträumte Seen und weite, stille Wälder liegt Neustrelitz. Die Worte der Tourismus-Page der MekPom-Kulturhochburg hallen noch nach, als unser 7,5-Tonner sich elfengleich über eine Loch-Piste namens Sandweg (glüc
Geschrieben am
28./ 29.05.04, Neustrelitz

Inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte, eingebettet in verträumte Seen und weite, stille Wälder liegt Neustrelitz. Die Worte der Tourismus-Page der MekPom-Kulturhochburg hallen noch nach, als unser 7,5-Tonner sich elfengleich über eine Loch-Piste namens Sandweg (glücklicherweise, wie sich herausstellte nicht mit dem Holzweg verwandt) einherschlängelt, um urplötzlich unter ohrenbetäubendem Grillenzirpen auf einer Waldlichtung zum Stehen zu kommen. Hätte uns rund 400 Meter weiter nicht Beamte des örtlichen Sicherheitsdienstes aufgegriffen und ins Bett geschickt, wir hätten bestimmt nicht mehr an ein Festivalgelände geglaubt und am nächsten See vor Rührung vierstimmige Tomte-Lieder angestimmt.

Nächster Tag. Freitag. Karl der Käfer hustet kräftig, denn die Maschinen wälzen heran, um der Infrastruktur den nötigen Kick zu geben. Auch wir bahnen uns an Knochen und Grillkäseresten den Weg aus den Schlafsäcken, um das neue selbstaufblasbare Festivalzelt mit Fernbedienung auszuprobieren. Wir sind also auf Deutschlands jüngstem Traditionsfestival der Indie-Kultur angekommen und gleich nach dem Aufstehen bereit und Willens uns von ca. 5.000 noch nicht hinlänglich für die Sonnenintensität eingecremten Besuchern überrennen zu lassen. Roman Fischer singt dazu und alle Formen von Disharmonie, Krieg und Televoting-Terror scheinen wie von einer Blase des Glücks platt gewalzt.

Immergut, das fünfte. Der Freitag beginnt mit Hitze und endet in klirrender Kälte. Emmerich hat recht, irgendetwas scheint mit dem Klima nicht zu stimmen. Die ganze Zeit lässt sich keine Wolke am Himmel blicken. Tigerbeat rocken ganz in schwarz, springen, posen, peitschen auf. Voller Einsatz vor untergehender Sonne und dabei Höchstpunktzahl für Stilsicherheit im Auftreten. Großer Move.

Und dann: Heimspiel für Thees Uhlmann. Tomte werden wie siegreiche Heimkehrer auf Händen getragen, ihnen wird an den Lippen gehangen, die Songs psalmgleich und bibelfest mitgesungen. Mr. Grand Hotel bietet dabei den Entertainer höchstselbst und der Indie-Gemeinde ihren ersten Höhepunkt. Man sah ihn später auch noch euphorisiert auf der Zelt-Party, musste ihn auf dem Fußballturnier am Morgen des kommenden Tages jedoch vergebens ausrufen.

Doch da sind wir noch nicht: The Broken Social Scene beenden Tag Eins des Festivals von der Hauptbühne aus und wer davor stand, wird sich augenblicklich ins Hirn tätowiert haben, nach Pfingsten sofort Karten für die laufende Tour zu kaufen. Die zehn Musiker aus Toronto zeigten bestes Zusammenspiel in einer klanglichen Partie zwischen Indie und Experimental.

Beste Stimmung auch zu morgendlicher Stunde im Stadion als sich zehn Mannschaften leicht angekatert, dennoch z.T. etwas überambitioniert quer über den Platz jagen, um einen angeblich tonnenschweren Wanderpokal aus purem Gold mit nach Hause schleifen zu dürfen. Das Intro-Team nimmt's eher sportlich als verbissen und scheidet völlig zufrieden mit leichtem Sonnenbrand nach der Vorrunde aus. Gleich tut es übrigens auch die parallel spielende Mannschaft des Grand Hotel van Cleef - Roosters (bestehend aus Tomte-, Marr- und Kettcar-Mitgliedern), die sich zuvor noch einen Weakerthans-Musiker als kanadischen Stürmer-Star ergaunert hatten.

Und das Sportstudio gibt ab an die Musik-Redaktion: Beste Platzbedingungen (leicht staubig) und ein fluffiger Anpfiff von Tiger Lou, gefolgt von Tele, die auf der Bühne sogar noch eine bessere Figur machen als zuvor auf dem Platz, um sich so für manche in den Rang eines Geheimtipps zu hangeln. Dann aber der erste offizielle Höhepunkt: Seachange, zuvor noch aufgeregt über die EM fachsimpelnd bei uns am Stand gewesen, entfalten vor tief hängender Sonne die volle Bittersüße und unterstreichen die Geltung des just erschienenen Debüts.

Bestätigung auch für Bernd Begemann: Als Festival-Veteran kennt er die Achilles-Verse des Publikums und bekommt, aufgestachelt von der Befreiung, auch den militantesten Verweigerer zum Mitklatschen. Als Entschuldigung dient ihm eine jüngst konsumierte Queen-DVD, aber wir alle wissen, wofür das Crooner-Herz schlägt. Begemann versteht die zwanghafte Ironisierung wie eine Peitsche über seinem Haupt zu schwingen und hätte uns alle im Zweifel auch zum 'Wind of Change'-Pfeifen gekriegt.

Zum abschließenden runden Ende der Ereignisse noch zwei Konsens-Themen: Adam Green, gewohnt schüchtern und ballet-fest, gewinnt die Herzen der stolzesten Frauen ohne nur ein gesprochenes Wort ans Publikum zu richten. Bei der anschließenden Autogrammstunde malt er so geduldig wie sorgfältig immer weiter seinen Namen auf verschiedenste Körperteile.

Währenddessen spielen Notwist. Etwas angegraut wirken sie zunächst, holen dann aber die Keule alter Tage heraus und lärmen in Wänden. Mit ihrem musikalischen Wort endet das Festival und wird so für viele Sinn gemacht haben. Tränenreiche Abschiedsszenen dann im Disko-Zelt. So mancher hätte sich wahrscheinlich gleich hier die Karte für's nächste Jahr gekauft …sie dann aber irgendwo verkramt oder im Zug liegen gelassen und so. Nein, war schon gut so. Wie immer.