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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Christian Steinbrink

Immer noch Indie? #260

Ohne böse Absicht, nur aufgrund der hohen Qualität bedient Indie hier elendige Geschlechter-Klischees: mysteriöse Schwedinnen vs. schräge Einsiedler-Hipster aus dem englischen Sprachraum. 

Geschrieben am

Ein komisches, dennoch aber verführerisches Gebräu ist der Pop auf »Enigmatical« (Lab259) von der Schwedin Femme Equation: Spiritueller, fast schon hippiesker Westküsten-Folk mischt sich mit Electro- und Dream-Pop und wird mit psychedelischen Elementen gestreckt. Natürlich birgt so eine Versuchsanordnung Fehlerpotenzial, ist dabei aber so ambitioniert und aufregend, dass man das verschmerzen kann. Ähnlich schwierig ist die Suche nach Referenzen für die elf Songs dieser LP: Die Idee, dass eine schwedische Nico hier über poppigere Stücke von wahlweise Bat For Lashes oder Dillon singt, ist dabei eine bloße Annäherung an den Kern.

Femme Equation

Enigmatical

Release: 16.02.2018

℗ 2018 Lab259

Die düstere, abstrakte Seite stellt in diesem Gegensatzpaar die schon seit Jahren großartige El Perro Del Mar mit ihrer neuen EP »We Are History« (Ging Ging) dar. Mit ihren letzten Veröffentlichungen hat sich die Schwedin immer mehr einem zwar träumerischen, aber dennoch kritischen Ansatz genähert, der gar nicht mehr so weit von Björk entfernt ist. Dementsprechend muss man sich ihren sechs neuen Songs mit großer Aufmerksamkeit widmen, erhält dadurch aber Eindrücke, die im zeitgenössischen europäischen Pop recht einmalig sind.

Das verdienstvolle New Yorker Label RVNG Intl. hat mit der Compilation »Few Traces« (RVNG Intl.) des US-Musikers und -Malers Mark Renner wieder einmal ein lange vergrabenes Schätzchen gehoben. Nämlich eine Sammlung wunderschöner Lo-Fi-Songs aus dem Spannungsfeld von DIY, Postpunk, Shoegaze und Avantgarde der 1980er, die ganz schlichte Elemente zu erhebenden Momenten verbindet. Manchmal erinnert das an The Cure, manchmal an The Chills oder an Brian Eno, aber die fehlende Kohärenz macht Renner mit einem naiven und verträumten Gestus wett, dessen Reize nur ansteckend wirken können.

Mark Renner

Few Traces

Release: 16.02.2018

℗ 2018 RVNG Intl.

Man kann Ryan Driver wohl als Jazzer bezeichnen. Als jemanden, der klassisch geschult ist, selbst Instrumente baut, in der Avantgarde zu Hause ist und trotzdem ein wundervoll beseeltes Album aus tief gehendem, pechschwarzem Barjazz und Swing aufnehmen kann. Gepaart mit seiner sinnlich-leichten Soul-Stimme, klingt sein drittes Album »Careless Thoughts« (Tin Angel), als würde Karates Geoff Farina am Piano lehnen und über dezente Jazz-Miniaturen singen. Wer diese Platte hat, braucht nachts an der Hotelbar keinen einsamen Klavierspieler mehr.

Ryan Driver

Careless Thoughts

Release: 24.11.2017

℗ 2017 Tin Angel Records

Am Morgen danach hilft dann nur noch Noise-Core. Und die beste Walze aus diesem Warenregal heißt aktuell »Ere« (Moment Of Collapse) und ist von den Italienern Storm{o} gegossen worden: 30 Minuten nahezu ununterbrochener Lärm mit engagiertem, nur leicht melodischem landessprachlichen Gebrüll. Das mag allein noch keine Empfehlung darstellen, aber – der Dynamik dieser 13 Songs ist kaum zu widerstehen.

Storm{O}

Ere

Release: 02.02.2018

℗ 2018 Moment Of Collapse Records

Als ähnliche Überzeugungstäter erweisen sich die Ducking Punches auf ihrem neuen Album »Alamort« (Xtra Mile) im Bereich von Emopunk britischer Prägung: astreine, eingängige Songs mit Haltung und Würde kurz vor der nächsten Ochsentour durch die Juzes der Republik. Interessant ist dabei die entgegengesetzte Wegstrecke, die die Band gegangen ist: Während sich andere alte Emo-Helden irgendwann akustischen Soloprojekten zuwenden, ist diese Band aus einem ebensolchen entstanden. Und es war die richtige Entscheidung, diese Songs mit Nachdruck zu elektrifizieren und zu einer einwandfreien Genre-LP zu koppeln. 

Ducking Punches

Alamort

Release: 16.02.2018

℗ 2018 Xtra Mile Recordings Ltd

Es gibt heute nur noch wenige Gründe, Folk-Punk oder Indie-Rock zu hören. Aber wenn, dann sollte es Jeff Rosenstock sein. Noch bevor die Sonne im neuen Jahr das erste Mal aufgegangen war, hatte der Troubadour der US-DIY-Szene seine Chronik der letzten zwölf Monate in Form von »Post-« (Polyvinyl) ans Licht gebracht: zehn kurze oder lange Stücke voll von gerechtem, gewitztem Aufbegehren, zu lesen als Trost, als Abrechnung oder als Anstachelung. Unnötig zu erwähnen, dass sein Songwriting sogar Queen vor Neid platzen lassen würde.

Jeff Rosenstock

POST-

Release: 02.01.2018

℗ 2018 Specialist Subject

Mit Dick Stusso wagt sich das eigentlich eher für artifizielle Ansätze bekannte Sub-Pop-Sublabel Hardly Art in die uramerikanischen Musiktraditionen von Blues und Rock’n’Roll. Aber natürlich dekonstruiert der Kalifornier Stusso diese Musik konsequent und genüsslich – mit kenntnisreicher Verehrung sowie einem durchdringenden Humor. Hie und da tritt auch ein besonderes Songwriter-Talent zutage, das sich durchaus noch zu Großtaten entwickeln kann. Aber auch als hinterlistiges Genre-Album taugt »In Heaven« (Hardly Art) vorzüglich.

Dick Stusso

In Heaven

Release: 02.03.2018

℗ 2018 Hardly Art

Einen ähnlich gewitzten Ansatz hat Ben Montero für sein wegweisend »Performer« (Chapter Music) betiteltes Album gewählt, nur im Kontext von sonnigem Westküsten-Pop, der manchmal sogar in Beatles-Sphären hineinreicht. Die zehn Songs der LP quellen vor Harmonien schier über und zeigen keine Angst vor großformatigen Arrangements, sie bemühen sich aber auch nicht, ihren eigentlichen Lo-Fi-Ansatz zu verbergen. »Performer« lässt träumen und schwelgen, verunsichert seine Hörer in deren gedankenfaulen Hingebung aber mit Lust. Zuletzt war der Australier mit Mac DeMarco auf Tour – dank ähnlich reizender Kontraste passt das.

Montero

Performer

Release: 02.02.2018

℗ 2018 Chapter Music

Der Abschluss sei dem Folk-Pionier Bert Jansch und einem Mammutprojekt gewidmet: Die beiden 4-LP-Boxen »A Man I’d Rather Be (Part I+II)« (Fire) umfassen das Werk des Briten aus den 1960ern bis in die frühen 1970er hinein und stellen die perfekte Gelegenheit dar, diesen 2011 verstorbenen Gitarren- und Songwriting-Virtuosen in der Hochphase seines Schaffens zu entdecken. Lasst euch versichern: Es ist ein purer, wahrhaftiger Genuss.

Earth Records (Cargo Records)

A Man I'd Rather Be (Part 1)

Earth Records (Cargo Records)

A Man I'd Rather Be (Part 2)