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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Christian Steinbrink

Immer noch Indie? #247

Herbst – gehen wir es etwas ruhiger an: Folk und Country, Singer/Songwriter und ein wenig melodiöser Dream-Pop. Nur in Polen bleiben die Verzerrer eingestöpselt.
Geschrieben am
Die heißeste LP des Indie-Monats kommt nicht aus New York, London, oder L.A., sondern aus Whitesburg, einem Nest in Kentucky, das kaum eine der Menschenseelen, die das hier lesen, je zu Gesicht bekommen haben dürfte: »Mexico« (K&F / Hometown Caravan) kommt von zwei Brüdern aus dieser kulturell nicht eben vielfältig begüterten Südstaatengegend und enthält Alternative-Country-Songs von einer Dezenz und Güte, dass mir die Spucke wegbleibt. Die Stücke, die Wayne Graham auf ihrem vierten Album versammelt haben, sind traditionell zurückhaltend und bodenständig instrumentiert, aber dennoch so smart, schlank und gut geschrieben, dass Wilco, Sparklehorse und der Gottvater Gram Parsons als Referenzen herhalten müssen. Ein paar Dresdener haben sie entdeckt und ihnen einen Europa-Release ermöglicht: Ab Ende Oktober sind sie hierzulande auf Tour. Diese Empfehlung ist zwingend.

Wayne Graham

Mexico

Release: 07.10.2016

℗ 2016 K&F Records

Das weibliche Äquivalent dazu stellt Chris Pureka dar. Ihr Album »Back In The Ring« (Haldern Pop) mag über all dem Bohei ob der neuen The Slow Show-Platte untergegangen sein, als sehnsüchtige Songwriterin an der elektrischen Gitarre offenbart sie dennoch eine eigene Klasse. Wer Ani DiFranco, Liz Phair oder Cat Power nach wie vor verehrt, kann mit »Back In The Ring« eine Entdeckung machen.

Chris Pureka

Back in the Ring

Release: 01.04.2016

℗ 2016 Haldern Pop Recordings

In betulicheren, ausladender instrumentierten Gefilden breitet das Londoner North Sea Radio Orchestra seinen Folk aus. Die zehn Stücke auf »Dronne« (The Household Mark) sind teilweise richtiggehend barock instrumentiert, entfalten aber dennoch eine Klasse, die nicht gestrig wirkt. Ganz im Gegenteil: Die Euphorie des alten Belle & Sebastian-Community-Gedankens kommt einem hier in den Sinn, auch wenn die klassischen Instrumente wie Streicher oder sogar ein Spinett deutlich gekonnter, mal krautig und mal kammermusikalisch arrangiert sind. Dennoch bleibt bei diesem Orchester der Song im Fokus, was die Platte sehr lohnenswert macht.

North Sea Radio Orchestra

Dronne

Release: 09.09.2016

℗ 2016 The Household Mark

Ähnlich puristisch, aber noch ein Stück abstrakter und verhuschter klingt das selbstbetitelte Album der Londoner Landflüchtlinge Dead Light. Dem Duo kommt die Stille ihrer neuen provinziellen Heimat entgegen, denn ihre Instrumental-LP verlangt nach Aufmerksamkeit, um neben der kammermusikalischen, von der Dynamik des Postrock durchzogenen romantischen Klasse auch ihre forschende Qualität zu entdecken. Die breit angelegten Arrangements wurden sanft und betulich mit Störgeräuschen und Rauschen verfremdet und so in einen – selbst für die experimentelle Szene – außerordentlichen Kontext gestellt. So haben die elf Kompositionen auf »Dead Light« (Village Green) nichts Aufsehenerregendes, aber umso mehr Substanz.

Dead Light

Dead Light

Release: 14.10.2016

℗ 2016 Village Green

Von hier ist der Weg hin zu Benoit Pioulards neuem Werk »The Benoit Pioulard Listening Matter« (Kranky) nicht weit. Spannend an der neuen LP des profilierten Soundforschers ist vor allem, dass er auf dem Album den Hang zum Song wiederentdeckt. Mehrere der Stücke haben einen aufgeräumten, geradezu leichten Vibe, wie man ihn ähnlich von den Pop-Alben von Jim O’Rourke oder David Grubbs kennt. Störgeräusche sind natürlich immer noch Teil von Pioulards Musik, der neue Kontrast wirkt aber ausnehmend anregend und geglückt.

Benoit Pioulard

The Benoit Pioulard Listening Matter

Release: 14.10.2016

℗ 2016 kranky

Ein Schritt weiter in Richtung Pop und wir sind bei »Something Got Lost Between Here And The Orbit« (Nevado) von Royal Canoe. Tatsächlich versuchen sich die Kanadier an den sezierenden Pop-Forschungen alt-Js und sind dabei fast genauso erfolgreich. Die zwölf Songs ihres Zweitwerks sind geprägt von durchdachten Rhythmus- und Stimmungswechseln, verlieren aber nie den Bezug zum Dreieinhalb-Minuten-Format und entwickeln in den besten Momenten sogar einen warm-souligen Vibe.

Royal Canoe

Something Got Lost Between Here and the Orbit

Release: 16.09.2016

℗ 2016 Embassy of Music under exclusive license from Nevado Music Inc.

Ein anderer verlässlicher Anker im zeitgenössischen Indie-Rock sind und bleiben The War On Drugs. An diesen US-Amerikanern orientieren sich die Schweden Little Children auf ihrem Zweitwerk »f.f« (Cosmos), ohne damit zu einem schnöden Abklatsch zu mutieren. Typisch skandinavisch finden sie einen effizienteren, eingängig poppigeren Weg, um die sehnsüchtige Klasse der US-Vorbilder in Songs zu gießen. Zugegeben, das Ergebnis hätte genauso gut von The War On Drugs selbst kommen können – das macht es aber nicht schlechter.

Little Children

f.f

Release: 21.10.2016

℗ 2016 Cosmos Music

Anderes Beispiel: Chain Wallet. Ganz der Schule ihrer Vorbilder a-ha folgend, schaffen die Norweger auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum (Jansen Plateproduksjon) einen durch die 1980er beeinflussten Dream Pop, der seine bedrückende Schönheit ganz unverbrämt herausstellt und den The Pains Of Being Pure At Heart sicher auch nicht besser hinbekommen hätten. Zehn Songs, in die man sich hineinlegen möchte, und an denen man trotz aller Schlichtheit mit jedem Hördurchgang etwas Neues entdeckt. Man muss schließlich nicht immer Talk Talk respektive Mark Hollis nachfolgen und Schwierigkeiten bereiten, um Pop von großer Güte zu kreieren. 

Chain Wallet

Chain Wallet

Release: 07.10.2016

℗ 2016 Jansen Plateproduksjon

»Lass uns einen Hype entfachen!«, war der Radiojournalist und Kritikervorbild Klaus Fiehe kürzlich ganz aus dem Häuschen. Es ging ihm um die polnische Prog-Indie-Band Trupa Trupa, und natürlich hat er vollkommen Recht. Deren gerade wiederveröffentlichtes Album »Headache« (Ici d’ailleurs) verbindet die dynamische Wucht von Broken Social Scene mit der rhythmischen Wendigkeit von The Wrens. Es gab in den letzten Monaten nicht viele Indie-Alben, die tief und neu klingen: »Headache« ist eine rühmliche Ausnahme aus einer überraschenden Richtung.

Trupa Trupa

Headache (Remastered Edition)

Release: 21.10.2016

℗ 2015 Trupa Trupa