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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Christian Steinbrink

Immer noch Indie? #246

Gönnen wir uns zum Jahreszeitenausklang noch einmal den Spaß hitzig ausbrechender Gitarren, Emo und Postcore. Wir haben aber auch Alternativen. 
Geschrieben am
Bei der Niederschrift dieses Artikels hat es vor der sperrangelweit offenen Balkontür noch über 25 °C, es ist also quasi Spätsommer. Da muss mir ein Hang zur juchzenden Emo-Melodie gegönnt sein, zur Not kann man sich diese Heftseite ja in neun Monaten wieder vornehmen. Also eine Lobhudelei auf die Kanadier Gulfer und ihre EP »What Gives?« (Big Scary Monsters), die alles hat, was den harmonieseligen Nach-Hardcore-Stil so unwiderstehlich macht: ausbrechende Refrains, gehackte Rhythmen, wendige Dynamiken, und immer wieder bedrückende Leere. Könnte wahrlich kraftvoller produziert sein, dieses Debüt, aber so dreckig und klein, wie es ist, entwickelt es genügend Charme für schnelle Kicks.

Gulfer

What Gives

Release: 30.06.2015

℗ 2015 Texas Is Funny

Nicht viel anders stehen die Dinge bei Signals Midwest und ihrem Album »At This Age« (Tiny Engines): Etwas mehr Emo als Math-Rock, etwas mehr Hot Water Music als die zuletzt auf demselben Label veröffentlichenden The Hotelier. Da interessiert es gar nicht so sehr, ob das jetzt über oder auf dem Durschnitt des Genres liegt. Denn das ist Musik, die vor allem in den richtigen Momenten zur Entfaltung kommt.

Signals Midwest

At This Age

Release: 02.09.2016

℗ 2016 Tiny Engines

Und wir hören nicht auf: Würde nicht fast zeitgleich das neue Touché-Amoré-Album erscheinen, wäre »Love Is Not Enough« (Hassle) der Waliser Casey ein sicherer Anwärter auf das Postcore-Album der Woche. Im Vergleich zu den US-Kollegen ist dieses Debütalbum metallischer und sauberer produziert, und die Screamo-Parts grollen ein wenig mehr. Aber Casey verstehen sich mindestens ebenso gut auf die emotionale Verausgabung dieses Stils und die Variation mittels zurückgenommener Parts.

Casey

Love Is Not Enough

Release: 23.09.2016

℗ 2016 Hassle Records

Eine andere britische Band, die ihren US-Helden das Wasser abzugraben droht, ist das Trio Doe. Das spielt Indie-Rock wie aus einer Zeit, in der man sich mit Bands wie den Breeders, Weezer oder Sleater-Kinney in diesen Stil verliebte. Das mag hoffnungslos gestrig klingen, klar. Andererseits: Ich bin mir nicht sicher, ob die Pixies mit ihrem neuen Album an die Klasse von »Some Things Last Longer Than You« (Specialist Subject) herankommen.

Doe

Some Things Last Longer Than You

Release: 09.09.2016

℗ 2016 Specialist Subject

Wenn man von der Hitze des Tages endlich in die abkühlende Sommernacht entlassen wurde, ist die Zeit für »The End Of Comedy« (Domino) von Drugdealer gekommen. Darauf sind soulige Lofi-Miniaturen aus dem Ariel-Pink-Umfeld, die den Westcoast-Yachtrock der 1970er genauso durchexerzieren wie die Laurel-Canyon-Leichtigkeit des Seins. Auf diesem Debütalbum gibt es nichts, was einen davon abhalten wollte, im Liegestuhl auf der Dachterrasse langsam wegzudämmern. 

Drugdealer

The End of Comedy

Release: 09.09.2016

℗ 2016 Domino Recording Co Ltd

Was da noch fehlt, ist The Cure. Oder wenigstens John Maus. Das stilistische Feld, das zwischen diesen beiden Acts aufgespannt ist, füllt der Westküsten-Exilant Black Marble mit seinem zweiten Album »It’s Immaterial« (Ghostly International) aus. Umstandslos eingängige Popsongs werden mit aufs zweckmäßigste reduzierten Arrangements instrumentiert, sodass dabei ein Dream-Pop-Noir herauskommt, der so lange ein guter Begleiter ist, bis die Sonne wieder aufgeht und brennt.

Black Marble

It's Immaterial

Release: 14.10.2016

℗ 2016 Ghostly International

Davon völlig unberührt bleibt eigentlich nur Entrance. Der Mann, dessen sträflich unbeachtete Karriere vor zehn Jahren endete und der nun dank namhafter Fürsprecher (Cat Power, Spike Jonze) mit der neuen EP »Promises« (Thrill Jockey) zum Comeback ausholt. Ihm reichen fünf Songs, um sich ins Licht und The Divine Comedy und Scott Walker zumindest aktuell in den Schatten zu stellen. Das ist vor Harmonie überquellender, vollmundiger Blues- und Folkrock, dessen Talent einem vor Verblüffung den Mund offen stehen lässt. Auch wenn die Hitze ihn austrocknet.

Entrance

Promises - EP

Release: 16.09.2016

℗ 2016 Thrill Jockey Records

Ähnlich vornehm ignorieren sonst nur noch Aquaserge auf ihrer EP »Guerre« (Crammed Discs) die Temperaturen. Die klingen nämlich, als würde Serge Gainsbourg über den gesüßt verquirlten Ambient-Pop von Stereolab und Tahiti 80 singen. Tatsächlich ist die Band ein schon länger existierendes Spaßprojekt von Musikern aus diesen Bands und dem erweiterten Tame-Impala-Umfeld, die aber zumeist in Frankreich residieren. Angesichts dessen muss sich niemand mehr fragen, wie cool man Schwüle eigentlich wegsäuseln kann.

Aquaserge

Guerre - EP

Release: 16.09.2016

℗ 2016 Almost Musique / Crammed Discs

Nachdem sich Hundreds für ihr kommendes, drittes Album für eine neue Heimstatt entschieden haben, hat das Berliner Qualitätslabel Sinnbus schon ein neues, möglicherweise noch verheißungsvolleres Electro-Pop-Pferd im Stall – und das kommt ausgerechnet aus der Schweiz: Odd Beholder legen mit ihrer Debüt-EP »Lightning« (Sinnbus) die Messlatte reichlich hoch und wecken Referenzen zu sowohl Daughter als auch The xx und Bodi Bill. Besonders beeindruckend ist aber die atmosphärische Dichte der sechs Tracks, denen sehr gerne bald ein Album folgen darf. 

Sinnbus (rough trade)

Lighting (Ep) [Vinyl Maxi-Single]

Leicht und gehaltvoll sind wir gestartet, und so soll es auch enden: Die Mitglieder der Belgier Robbing Millions sind eigentlich in experimentelleren Spielfeldern aktiv, auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum (PIAS) verbinden sie ambitioniert dichte Arrangements und instrumentale Fertigkeiten aber mit der sonnendurchfluteten Verspieltheit des Indie-Pop. Sie sind dabei kaum auf Hits aus, was den Genuss der zehn Songs nur noch angenehmer macht. So dürfte es klingen, wenn man den Postrock Tortoises in den Pop weiterdenkt. Und mit diesem Gedanken ab in den Herbst.

Robbing Millions

Robbing Millions

Release: 26.08.2016

℗ 2016 Robbing Millions under exclusive license to [PIAS] Recordings Belgium