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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Christian Steinbrink

Immer noch Indie? #241

Ist das noch Indie? Oder nicht mehr? Aber was ist Indie? Falls es im Laufe der letzten Ausgaben noch nicht deutlich wurde: Solche Fragen werden in dieser Kolumne bloß überwunden.
Geschrieben am
Ein schlichter, aber umso überzeugenderer Start: »From Caplan To Belsize« (Uncle M) von den britischen Muncie Girls ist einfach nur Indie-Rock, aber von dessen bester, weil zeitlosester Sorte. Zehn Songs mit einer Hit-Dichte wie bei den Lemonheads und der vorgeblich schlichten, aber zwiespältig antreibenden Stimme der Bassistin Lande Hekt, die an Katie Harkin von Sky Larkin denken lässt. Referenzen gibt es für diesen Sound natürlich massenhaft, etwa Bettie Serveert, Someone Still Loves You Boris Yeltsin oder die Breeders. Aber nur diese Platte zu haben und zu hören könnte auch völlig ausreichen.

Muncie Girls

From Caplan To Belsize

Release: 04.03.2016

℗ 2015 Uncle M Music

Ellinor Nilsson alias De Montevert braucht nicht viel, um den neun Songs ihres zweiten, selbstbetitelten Albums (Nomethod) eine düstere, unheimlich ergreifende Anmutung zu geben. Leichte Gitarren-Licks, Bass und sanft angeschlagene Drums formieren sich zu einem psychedelisch gefärbten Shoegaze-Pop mit angenehm wohldosierten Hall-Elementen. Denke an frühe PJ Harvey, denke an Mazzy Star. So weit sind die Songs der Schwedin davon nicht entfernt.

De Montevert

S/T

Release: 02.12.2015

℗ 2015 Nomethod Records

Deutlich rabaukiger klingt dagegen »Grandfeathered« (Club AC30) von Pinkshinyultrablast. Hall und Psychedelic sind die einzigen verbindenden Elemente der Russen, die ansonsten von Noise über Krautrock bis hin zu Pop nahezu alles wenigstens streifen. Das klingt mal nach My Bloody Valentine, dann nach Stereolab, Pizzicato Five oder den nicht minder vielseitigen Deerhoof. Allen acht Songs gemein ist nur eine überzeugende Klasse, die aber auch dazu zwingt, genauer hinzuhören.

Pinkshinyultrablast

Grandfeathered

Release: 26.02.2016

℗ 2016 Pinkshinyultrablast

Getoppt wird diese hinreißende Kakofonie nur noch von The Bodys programmatisch betiteltem Album »No One Deserves Happiness« (Thrill Jockey): Ein sich an EBM und Industrial vergreifender Stakkato-Noise lässt darauf Unheil verkündende Krähen unter Gewitterwolken fliegen, die sich unregelmäßig in bittersten Unwettern entladen. Zweifelsohne schwere Kost, aber hier lohnt jede Mühe.

The Body

No One Deserves Happiness

Release: 18.03.2016

℗ 2016 Thrill Jockey Records

Das deutlich leichtere, aber nicht weniger gehaltvolle Gegenprogramm liefern die Posterboys Mothxr aus – natürlich – Brooklyn mit ihrem Debüt »Centerfold« (Sony). Sachte R’n’B-Anleihen und ein minimalistischer Synthie-Pop weisen weit in die 1980er, während das Songwriting die Güte der Junior Boys erreicht. Das kommt besonders dann gut zur Geltung, wenn die Band sich zurücknimmt und von dem Versuch absieht, Prince zu mimen. Schön und trotzdem mit Schlagzeilenpotenzial.

MOTHXR

Centerfold

Release: 26.02.2016

℗ 2016 Kitsuné Musique EURL under exclusive license to Sony Music Entertainment UK Limited

Vergleichbar glänzende Erfolgsaussichten haben Folly & The Hunter mit dem sachten Folk-Pop ihres Albums »Awake« (Outside), denn das klingt oft ähnlich hymnisch wie die Durchstarter Half Moon Run, mit denen die Band unlängst auch auf Tour war. Besonders gut sind Folly & The Hunter aber immer dann, wenn sie ihr Tempo variieren und atmosphärisch dichte, verzagte Momente zulassen. Dann erinnern sie sogar an Helden wie Mark Hollis und seine Talk Talk. Ein gutes Beispiel dafür ist der Song, den die Band in und über die wohl intensivste Stadt Deutschlands schrieb: »Duisburg«.

Folly & the Hunter

Awake

Release: 18.03.2016

℗ 2016 Outside Music

Etwas mehr aufs Gas drücken die Skandinavier Heimatt auf dem herrlich antreibenden »With You I Will Dance All The Way Through The Night. I Will Tie Your Hands And Fo Blind. If You Just Let Me« (Popup). So unorthodox es auch ist, die ersten Zeilen des Eröffnungssongs zum Albumtitel zu machen, so ein einfacher, sauberer Spaß ist dieses Folk-Pop-Debüt als Ganzes, das stilistisch gut in das hochkarätig besetzte Spannungsfeld zwischen Arcade Fire und Mumford & Sons passt.

Heimatt

With You I Will Dance All the Way Through the Night. I Will Tie Your Hands and Go Blind. If You Just Let Me.

Release: 18.03.2016

℗ 2015 Heimatt / popup-records

Eine ältere Form des Folkrock ehren die Treetop Flyers – allerdings auf sehr würdige und formvollendete Art und Weise. Im Vergleich zu ihrem Debüt stellt »Palomino« (Loose) in Songwriting und Arrangements einen echten Quantensprung dar. Die Briten sind in ihrer hymnischen Dynamik genauso sicher wie in den ruhigeren, fein instrumentierten Stücken und damit noch einen Deut originalgetreuer als Iron And Wine oder die Fleet Foxes.

Treetop Flyers

Palomino

Release: 11.03.2016

℗ 2016 Loose Music

Den guten alten Antifolk nach Kimya Dawson und den Moldy Peaches beleben die Kanadier The Burning Hell neu. Nachdem ihr Songwriter Mathias Kom Ende letzten Jahres gemeinsam mit Ariel Sharratt bereits einen reduzierteren Entwurf in Duo-Besetzung in den Ring geworfen hatte, ist »Public Library« (BB*Island) eine ähnlich gut gelungene Entsprechung in voller Band-Besetzung: mal frech und explizit, dann wieder nachdenklich und ruhig, aber immer extrovertiert und direkt vom Herz in den Mund.

The Burning Hell

Public Library

Release: 01.04.2016

℗ 2016 BB*ISLAND

Mit dem Umzug von New York heim nach Chicago haben Skeletons den Wahnsinn ihrer bisherigen Werke ein wenig zügeln können. Ihre seit eh und je zügellos experimentellen Kompositionen klingen auf »Am I Home?« (Altin Village & Mine) ein wenig introvertierter als früher, ganz so, als hätte die akademische Ruhe der Nachbarn Tortoise & Co. auf sie abgefärbt. Diese relative Entspannung tut der Band um Mastermind Matthew Mehlan offenbar gut, denn »Am I Home?« markiert zweifellos einen neuerlichen Höhepunkt innerhalb ihrer an Großtaten nicht armen Diskografie.

Skeletons

Am I Home?

Release: 01.04.2016

℗ 2016 Altin Village & Mine

Und da wir schon bei Experimenten des Bewusstseins sind: Altmeister Guido Möbius setzt denen mit »Batagur Baska« (Shitkatapult) die Krone dieser Ausgabe auf. Auf der LP des Berliners gibt es alles, zumindest aber so viel, dass eine Detailbeschreibung hier den Rahmen sprengen würde. Eine acht Tracks andauernde, faszinierende Überwältigung zwischen Folklore und Hypermodernität. Indie ist das wohl nicht mehr, aber dafür nur umso überzeugender.