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Mit Christian Steinbrink

Immer noch Indie #237

Indie zieht weiter hochklassig seine Kreise: Folkrock, Lo-Fi, Postrock, Psych, Postcore. Um am Ende beim Film zu landen. Da gehört er auch hin!

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Schon die LPs seiner Band Arbouretum haben wir uneingeschränkt gefeiert, Ähnliches ist auch im Fall von Dave Heumanns Soloalbum »Here In The Deep« (Thrill Jockey) angebracht. Denn die Würde und Grandezza, die er seinem Folkrock angedeihen lässt, schaffen wirklich nur ganz wenige. Die neue Platte ist dafür wieder ein sehr guter Beweis, auch wenn er sich darauf aus den Untiefen seiner E-Gitarren-Arrangements ein wenig herauslöst und etwas vielseitiger, verspielter und unverstärkter agiert. Freunde von Wye Oak und den Lower Dens haben ihm dabei geholfen, PJ Harveys John Parish hat produziert. Hört man, passt sehr gut.

Dave Heumann

Here in the Deep

Release: 16.10.2015

℗ 2015 Thrill Jockey Records

Promised Land Sound sind dagegen deutlich jünger, klingen aber noch älter. »For Use And Delight« (Hardly Art) führt Folkrock tief in Psych und Delta-Blues der 1970er, der verstärkte Dylan scheint durch, aber auch die Byrds und das Geschichtsbewusstsein des in Nashville sicher nicht weit weg wohnenden Jack White. Vor allem aber klingt das enorm stimmungsvoll und überzeugend, nie rein altbacken, sondern immer mit beeindruckend frischen Arrangements. Dass diese Typen Anfang 20 sein sollen, ist kaum zu glauben.

Mit Saintseneca und ihrem dritten Album »Such Things« (Anti-) geht es in deutlich poppigere und spielerischere Gefilde: Lo-Fi-Folk, der sich im Laufe der Platte immer mehr in Richtung Indie-Pop entwickelt. Besonders gut ist das, wenn die Band aus dem ländlichen Ohio entweder total euphorisch oder total zurückgenommen klingt – geradeheraus perlenden Indie-Pop können andere besser. Zum Glück wissen Saintseneca sich ihrer Stärken zu besinnen.

In puncto Euphorie muss man sich um den Sun Club auf seinem Album »The Dongo Durango« (ATO) keine Sorgen machen – davon hat die Band mehr als genug. Teilweise klingt dieses Debüt wie eine rhythmisch über sich selbst stolpernde Version der sehr frühen Clap Your Hands Say Yeah mit einem rumpelnden Arcade-Fire-Einschlag. Teilweise ist das ein bisschen zu viel des instrumentalen Überschwangs. Wenn sich die Band aber etwas konzentriert und einen saubereren Sound angedeihen lässt, könnte daraus viel werden. Die Kreativität ist ja da. 

Joan Of Arc, American Football, Owen – die Chicagoer Gebrüder Kinsella sind es wert, ihren massiven, unübersichtlichen Output immer wieder hervorzuheben. Nun ist es an Bruder Nate, mit seinem Projekt Birthmark und dem Album »How You Look When You’re Falling Down« (Polyvinyl) wieder eine neue Spitze zu setzen. Wie schon auf den vorangegangenen Birthmark-Veröffentlichungen fällt der Postrock auch hier eine Spur elektronischer, vollmundiger und treibender aus – die für alle Brüder typische filigrane Dynamik hört man ebenfalls raus. Stellenweise erinnert das auch gesanglich an Sam Prekop und seine späten The Sea And Cake. Auf jeden Fall wieder großartig, und ich werde sicher nicht müde, das weiter zu betonen.

Birthmark

How You Look When You're Falling Down

Release: 16.10.2015

℗ 2015 Polyvinyl Records

Noch zurückhaltender und zarter ist nur »Friend« (Lost Map), das dritte Album der aus Bristol stammenden Songwriterin Rozi Plain. Ihre zehn Songs verharren nicht in alten Mustern, sondern sind facettenreich und farbenfroh instrumentiert, sowohl elektrisch als auch akustisch unverstärkt. Passend dazu lässt Plain den Stücken mit ihrer zurückhaltenden Stimme jeden Raum, um die schönsten Blüten zu werfen. Gerade im Folk-Pop-Genre weit über dem Durchschnitt.

Selbst diejenigen, die Psychedelic-Rock für ein ziemlich eindimensionales und ausgelatschtes Genre halten, sollten bei »Horse Dance« (Rocket) von Josefin Öhrn + The Liberation genauer hinhören, denn die Schweden schaffen es auf diesem Debütalbum, filigrane Dichte, Extravaganzen und kosmische Rock’n’Roll-Welten zu verbinden und dem Stil somit lohnenswerte neue Facetten hinzuzufügen. Ganz so, als hätten Broadcast ihre Gitarrenverzerrer wiedergefunden und an den genau richtigen Stellen durchgetreten. 

Josefin Öhrn + The Liberation

Take Me Beyond (Edit) - Single

Release: 30.10.2015

℗ 2015 Rocket Recordings

Zurück zu krachenden Gitarren: An Sleep Kits Debütalbum »II« (Big Scary Monsters) überrascht zunächst mal, dass die Band nicht in den Core-Hochburgen der USA, sondern in Maastricht und Köln zu Hause ist, denn die Postcore-Stücke des Albums sind nicht nur durchweg hochklassig geschrieben, sondern auch enorm vielseitig. Eingängige Songs wie von Samiam treffen auf vertrackten Indie-Rock à la Built To Spill und etwas härtere, konzentriert produzierte Verwüstungen, die sogar an die letzten Touché-Amoré-Veröffentlichungen erinnern. Der Gesang ist, egal ob sacht oder hart, äußerst melodisch und setzt das i-Tüpfelchen auf eine Platte, die auch interkontinentale Vergleiche nicht zu scheuen braucht.

Sleep Kit

II

Release: 23.10.2015

℗ 2015 Big Scary Monsters

Abschließend noch etwas Kleines, Modernes: Das internationale Nordamerika-Duo Unalaska legt mit seiner selbstbetitelten EP (Light Organ) ein Dub-Pop-Debüt vor, das Großes erhoffen lässt. Crispy Rhythmen treffen auf sehr lautmalerische Synthie-Flächen und mal ausdrucksstarke, mal verhuschte Melodien. Das wirkt noch wenig stilsicher, das Potenzial tropft aber aus jeder Pore. Und auch die Gründungsgeschichte der Band kann was: Die beiden Musiker lernten sich als gecastete Musiker-Darsteller für Szenen eines Vampir-Streifens kennen und erlebten ihr Live-Debüt quasi ohne eigene Songs, dafür aber vor laufender Film-Kamera. Völlig klar: Das ist der Stoff, aus dem Mythen gestrickt werden.