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im Kino: Zuhause ist's am Schönsten?

Wo die wilden Kerle wohnen

Wer den Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" schon gelesen oder vorgelesen bekommen hat, wird sich fragen: Wie soll man das Buch verfilmen?
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Wer den Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" schon gelesen, vorgelesen oder vorgelesen bekommen hat, wird sich fragen: Wie soll man das Buch verfilmen? Spike Jonze hat's gewagt. Wolfgang Frömberg hat's gesehen und fährt die fürchterlichen Krallen aus.

"Und als er dort ankam, wo die wilden Kerle wohnen,
brüllten sie ihr fürchterliches Brüllen
und fletschten ihre fürchterlichen Zähne
und rollten ihre fürchterlichen Augen
und zeigten ihre fürchterlichen Krallen…"


Was geht im Kopf eines Kindes vor sich? Wenn man Kinofilme anschaut wie Spike Jonzes "Being John Malkovich" oder "Adaptation" ahnt man wohl, wie es in den Gedanken eines großen Kindes aussieht.

Was die kleinen Racker angeht, sind es die Momente der Imitation, die einem Erwachsenen oft bewusst machen, was sich abspielen muss im Kindskopf. Wenn das Balg plötzlich die eigenen Gesten wiederholt. Doch das ist vor allem ein Blitz der Selbsterkenntnis. Und man fragt sich: Wie viel Gramm Erwachsener stecken in diesen paar Pfund Menschlein? Und wie schwer wiegt noch die Kinderseele in der eigenen Brust?

Man kann sich gut vorstellen, dass Regisseur Spike Jonze während der Dreharbeiten zur Verfilmung von Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" um den jungen Hauptdarsteller Max Records herum gewuselt ist. Die beiden haben sich, so ist es von Spike Jonze überliefert, beim Dreh gegenseitig hochgeschaukelt. Jonze wollte einen unbefangenes Neunjährigen, der mit großem Ernst bei der Arbeit ist - und hatte selbst vor, sich bei aller verbissenen Liebesmüh eine gewisse Portion Unbefangenheit zu bewahren. Und so braucht Max Records in seiner Rolle als Max keinen Spiegel vor sich zu halten, damit man den erwachsenen Regisseur neben ihm hüpfen und springen sieht. Wir können im Film den Spike Jonze in Max entdecken, so wie Spike Jonze den Max in sich entdeckt hat.

Diese Art von Übersetzung birgt Schwierigkeiten. Nicht genug der Scherereien also damit, einen Mythos der Kinderliteratur fürs Kino zu adaptieren. Wobei man ja eigentlich nur verlieren kann. Speziell, wenn man sich nicht recht entscheiden möchte, ob man nun anhand der Grundlage eines Kinderbuchs, das auch Erwachsenen gefällt, einen Film für Kinder oder Erwachsene dreht. Spike Jonze und sein Team haben es sich nicht leicht gemacht. Kompliziert war neben der respektvollen Ausarbeitung einer abendfüllenden Geschichte - die originale Story ist relativ schnell erzählt - auch die angemessene Realisierung mit einer Mischung aus Puppenspiel, echten Schauspielern und Computeranimation.



Im 1963 erschienenen Buch setzen sich Sendaks Zeichnungen über die Einfachheit des erzählten Gleichnis hinweg, könnte man sagen. Sie wirken neben den kleinen Buchstaben so riesenhaft wie die die wilden Kerle neben Max. Verharren wir für einen kurzen Moment beim Umschlag des Buches. Dort sitzt eins der Ungeheuer - Fell, Schlappohren, Krallen, nackte Füße, Hörner - unter Bäumen an einem Fluss, an dessen Ufer ein rotes Schiffchen mit gelben Segeln schaukelt. Der wilde Kerl hat den Kopf in die Hand gelegt und scheint zu träumen. Wobei wir schon bei einer Variation unserer Ausgangsfrage wären: Was mag im Kopf dieses Monsters vor sich gehen? Und wie oft mag ein Kind beim Spielen im Zimmer mit dem Blick auf diesem starken Bild hängen bleiben, das alleine schon so viele Geschichten erzählt?



Sendaks einfache Erzählung startet "an dem Abend, als Max seinen Wolfspelz trug und nur Unfug im Kopf hatte…". Mit einer Gabel in der Hand jagt er den Hund die Treppenstufen hinunter und wird daraufhin von der Mutter als wilder Kerl gescholten. Max erwidert: "Ich fress dich auf!" Deshalb muss er ohne Essen ins Bett. Im Laufe der Nacht, in der ein Wald im Exil seines Zimmers wächst, setzt er mit jenem Schiffchen, das auf dem Umschlag abgebildet ist, zur Insel der wilden Kerle über. Die ernennen ihn, nachdem er sich von deren Gestalt und Gebaren nicht hat ins Bockshorn jagen lassen, zum "König aller wilden Kerle".

Wer den Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" schon gelesen, vorgelesen oder vorgelesen bekommen hat, wird sich fragen: Wie soll man das Buch verfilmen? Spike Jonze hat's gewagt. Wolfgang Frömberg hat's gesehen und fährt die fürchterlichen Krallen aus.

Spike Jonze lässt seinen Film mit eben dieser Verfolgungsjagd beginnen. Der schwungvolle Soundtrack kommt von Karen O And The Kids. Durch die Übersetzungsleistung von Spike Jonze finden wir uns mit Max in einem ins Unheimliche tendierende Zuhause der alltäglichen nordamerikanischen Vorstadt-Hölle wieder. Geschiedene Eltern, abwesender Vater, ein fast schon hyperaktives und hyperintelligentes Kind, das sich nicht vermitteln kann. Der Streit mit der Mutter kulminiert nach ein paar Demütigungen - Max' Iglu vor dem Haus wird von den Freunden seiner pubertierenden Schwester zerstört und die Mutter hat mal wieder einen neuen Lover zu Gast - in einem Ausbruch von Gewalt. Der Flucht auf die Insel der wilden Kerle geht im Film ein schmerzhafter Biss von Max ins Fleisch der Mutter voraus.

Man fragt sich schon, ob Jonze als nächstes die Supernanny ins Spiel bringt. Doch wir haben Glück. Denn endlich beginnt die Geschichte, und auch die Action macht nun Sinn.

Spike Jonzes "Wo die wilden Kerle wohnen" wächst einem erst ab jenem Augenblick ans Herz, in dem Max von seinen Träumen und Wünschen auf die Insel der wilden Kerle verschlagen wird. Wie die Monster so durch die Gegend laufen und mit den Stimmen hochkarätiger Schauspieler (James Gandolfini, Forest Whitaker, Lauren Ambrose) ihren für den Film entwickelten Persönlichkeiten Ausdruck verleihen, und wie sie das Leben deprimierter großer Kinder, also Erwachsener führen, die sich vielleicht nach einem Anführer, eigentlich aber doch nach ihrer Kindheit sehnen, werden sie das Ziel einer lohnenswerten Auseinandersetzung mit den Abgründen von Zuneigung und sogar Liebe. Hier offenbart Spike Jonze, dass es ihm nicht nur um coole Action und wilde Phantasie ging. Hier nimmt er die Kernaussage des Buchtitelbilds für voll. Ist es nicht das Ungeheuer, das sich unter den Blättern am Rand des Flusses in eine andere Welt träumt, sehnt, wünscht?

Nach einer äußerst traurigen Abschiedsszene, die endgültig alles billige Pathos vom Anfang vergessen macht, kann Spike Jonze auch mit einem starken Schlussbild trumpfen, das die Pointe Sendaks - das zunächst vorenthaltene Abendessen ist noch warm, als Max es von seiner "Reise" heimgekehrt doch bekommt - verstärkt. Es ist in der Zwischenzeit nicht bloß eine Geschichte erzählt worden, die Max klar macht, dass auch außerhalb des Zuhauses die Welt aus den Fugen ist. Nein, man sieht's ihm an der Nasenspitze an: Er hat auf der Insel der wilden Kerle und im Kampf mit ihren Gefühlen eine Ahnung von etwas bekommen, was er sich zuvor kaum hat vorstellen können: Was geht im Kopf eines Erwachsenen vor sich?

Wo die wilden Kerle wohnen
USA 2009
R: Spike Jonze, D: Max Records, Catherine Keener, Mark Ruffalo, Lauren Ambrose, Chris Cooper, James Gandolfini, Catherine O`Hara, Forest Whitaker; 17.12.

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