×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Im Interview: "Wir sind doch immer noch Kinder!"

Arctic Monkeys

Die Arctic Monkeys müssen immer wieder neue Rollen erfüllen. Daniel Koch fragte sich und sie, welche es beim dritten, sehr gewagten Album "Humbug" denn nun sein wird.
Geschrieben am
Die Arctic Monkeys mussten vom spektakulären Start ihrer Karriere an immer wieder neue Rollen erfüllen. Daniel Koch fragte sich in Anwesenheit der Band, welche es beim dritten, sehr gewagten Album "Humbug" denn nun sein wird.

Alex Turner legt eine Arroganz an den Tag, für die ich ihm nur im ersten Moment eine in die Schnauze hauen möchte. Wie er da im hübsch verschrammten Ledersofa im Berliner Münz Salon sitzt, die cowboygestiefelten Füße hochgelegt, die Beine übereinandergeschlagen, und dabei zwischen seinen langen Haaren gelangweilt und herausfordernd zugleich hervorschaut – all das lässt mich zunächst an den Typ Möchtegern-Rockstar denken, bei dem man am liebsten das Interview gar nicht erst anfängt. Die Kooks-Type war so einer oder die singende Flachpfeife von She Wants Revenge.

Aber es braucht nur ein paar begrüßende Worte, und ich merke, dass man es bei Turner eher mit einer bestimmten Attitüde zu tun hat als mit wirklicher Überheblichkeit und dass er – ähnlich wie seine Bandkollegen – ein verflucht netter Kerl mit einem angenehm staubtrockenen Humor ist. Und hey – der Typ weiß einfach: Er und seine Band haben immer noch einen verdammt guten Lauf!



 

Whatever They Say I Am That's What I'm Not
Turner (Gesang, Gitarre), Jamie Cook (Gitarre), Nick O'Malley (Bass) und Matt Helders (Drums) lassen Interviews heutzutage nicht mehr nur über sich ergehen, sie lassen sich gar darauf ein. Die Zeiten, in denen sie – wie zu Anfang ihrer Karriere – aus Hotelsuiten ausbrachen, um sich wie ungezogene Schüler vor der Presse zu drücken, sind augenscheinlich vorbei. Die vier stehen Rede und Antwort – und legen dabei die richtige Einstellung an den Tag: Sie versuchen das Ganze nicht so ernst zu nehmen. Es wird eh wieder jeder schreiben, was er will, und sich die Gesichte so drehen, wie er sie braucht.

"Ich versuche das Zeug gar nicht erst zu lesen", sagt Turner dazu. "Das gibt einem einen ziemlichen Hirnfick, wenn du das, was andere aus deinem Leben machen, liest – schließlich hat man es ja gelebt, aber oft eben ein wenig anders." Bei diesen Sätzen weiß man sofort, warum ihr Debüt so hieß, wie es hieß: "Whatever People Say I Am That's What I'm Not". Die Zeile stammt aus dem Roman "Saturday Night And Sunday Morning" von Alan Sillitoe – einem der vielleicht kraftvollsten literarischen Werke über die Lad-Culture der britischen Working Class. Konkret stammt das Zitat aus einem wütenden Monolog des "Helden" Arthur Seaton: "I'm me and nobody else", sagt er da kurz nach einer üblen Schlägerei. "Whatever people say I am, that’s what I'm not. They don’t know a bloody thing about me."

Jetzt, wo das Release des dritten Albums – das "Humbug" heißen wird – kurz bevorsteht, beginnt das Spiel der Presse also wieder von Neuem. Welche Arctic Monkeys dürften es denn heute sein? Und in welche Schublade muss ich sie stecken? Das Sheffield-Subkultur-Kommando sind sie längst nicht mehr. Dem Teeniewunder-Alter sind sie entwachsen. Der Hype des Jahres funktioniert eh meist nur mit Debütplatten. Und als Internet-Spektakel kann man sie heutzutage auch nicht mehr pushen. Was nun?

Auf der nächsten Seite: Die "gereifte" Band.

Die Arctic Monkeys mussten vom spektakulären Start ihrer Karriere an immer wieder neue Rollen erfüllen. Daniel Koch fragte sich in Anwesenheit der Band, welche es beim dritten, sehr gewagten Album "Humbug" denn nun sein wird.

Die "gereifte" Band
Lässt man die Musik noch außen vor, die ich zum Zeitpunkt des Interviews eh nicht wirklich einschätzen kann, weil ich nur ein Mal acht Songs des Albums im Büro des Labels Domino durchhören konnte, bietet sich vor allem die Rolle der gereiften Band an. So hat’s auch der NME gedreht, der sie schon Ende Mai auf die Titelseite brachte und sie 24 Stunden im Studio besuchen durfte. Als ich mir die Fotos zur Story anschaute, dachte ich so was wie "Hoppla, lange nicht gesehen! Waren die nicht letztes Jahr auf dem Glastonbury noch ... äh ... jungenhafter?" Im NME wirkte Jamie Scott jedenfalls plötzlich, als wolle er sich für die Hauptrolle von "Into The Wild" empfehlen, Turners feminine Gesichtszüge sahen kantiger, männlicher, älter aus, Nick O’Malley hatte was von einem Cowboy, und Matt Helders wirkte, als freue er sich gerade auf sein zweites Kind.

Fandet ihr diese "Die Arctic Monkeys sind erwachsen geworden!"-Attitüde in der NME-Story auch ein wenig überzogen?
Alex Turner: Ich fand die Story ganz schön lustig. Die haben das Foto mit Airbrush bearbeitet! Kannst du dir das vorstellen? Wir sahen gar nicht besonders "rough" aus an dem Tag. Und jetzt schauen wir drein wie vier Verrückte um die dreißig. Und dir [zeigt auf Helders] haben sie doch 'ne Maske übergezogen! Aber mal im Ernst: Natürlich entwickeln wir uns weiter, aber "erwachsen werden" klingt mir viel zu ernst. Als wären wir inzwischen abgeklärt, gesetzter und hätten plötzlich keinen Spaß mehr an unserer "Arbeit".

Der Sound klingt allerdings ebenfalls reifer, meint ihr nicht?
Nick O'Malley: Das ist doch ein natürlicher Prozess. Man wird älter, man hört andere Musik, liest andere Bücher – und all das findet natürlich den Weg in die Musik. Aber davon abgesehen sind wir immer noch sehr jung, durchaus auch kindlich. Wir wollen einfach nicht auf der Stelle treten.
Jamie Cook: Bei uns ging es eben auch alles sehr schnell und sehr früh los. Andere fangen mit 23 an, Musik zu machen – wir mit 18.
N: Dadurch, dass wir so früh gestartet sind und auch gleich obenauf waren, denkt irgendwie jeder, wir wären 30 und schon Ewigkeiten dabei. Aber so ist es eben nicht. Wir wollen nicht als reif und abgeklärt wahrgenommen werden. Wir haben keinen Bock, Coldplay zu sein.

 
Die Band, die aus der Wüste kam
Das mit dem Alter und der Weisheit und der Reife als Aufhänger ist also nur haltbar, wenn man sich die Fotos zurechtbearbeitet – siehe auch unsere unschuldigen, wieder jungenhaften Bilder zur Story. Blieb noch Option zwei, für die Josh Homme – neben James Ford von Simian Mobile Disco Produzent von "Humbug" – seit Langem schon als inoffizieller PR-Mensch aktiv ist: die Band, die aus der Wüste kam. Homme nämlich haben es die Arctic Monkeys zu verdanken, dass der Rohbau ihres Albums in der kalifornischen Wüste entstand, im legendären Studio Rancho De La Luna in der Nähe des Joshua-Tree-Nationalparks. Homme liebte die Monkeys – die von den älteren Herren um Homme übrigens als "Kids" bezeichnet werden – schon vor der Zusammenarbeit und schwärmte z. B. dem GQ-Magazin vor: "Zuerst wurde ich in den Bann der Liedtexte gezogen. Alex Turner klingt wie ein selten talentierter Dichter, der Musik spielt."

Kurz nach der einwöchigen Session versorgte er die Presse mit Zitaten wie diesen: "Ich habe genüsslich zugeschaut, wie sie langsam, aber sicher durchdrehen und einen Wüstenkoller bekommen." Man kam also nicht umhin, sich zu fragen, wie viel Wüstenstimmung in den neuen Songs stecken würde. Auch, weil ja schon Turners musikalisches Fremdgehen nicht ganz arm an Ennio-Morricone-Einflüssen gewesen war. Tatsächlich haben nun gerade Songs wie "My Propeller" einen unleugbaren (Spaghetti-) Western-Sound.



Wie viel Wüste steckt denn nun in "Humbug"? Aus einigen Songs kann man ja die Sandkörner und den Sonnenstich beinahe raushören.
M: Da es die ersten ernsthaften Studio-Sessions waren, haben sie den Gesamtsound des Albums geprägt. Dass sie so klingen, wie sie klingen, liegt natürlich an diesem magischen Ort. Er ging uns schon nach einem Tag unter die Haut – und da ist er jetzt noch ...
A: Ja, und ich habe noch immer den Sand in den Schuhen.
N: Es war aber nicht nur die Wüste. Josh und all die Musiker, die dort mit ihm arbeiten, hatten ebenso einen großen Einfluss. Sie haben uns mit Bands angefixt, die wir noch nicht kannten, Bands, die diesen typischen Wüstensound haben – Creedence Clearwater Revival zum Beispiel.
M: Dave, der Besitzer des Studios, hat uns gar einen iPod geschenkt – voll mit "Empfehlungen" an uns.

Wie kam es überhaupt zu der Zusammenarbeit mit Homme?
A: Als wir Laurence Bell von Domino unsere ersten Demos vorspielten, sagten wir ihm, wir könnten eigentlich jederzeit loslegen. Uns fehle nur noch eine andere Perspektive – wir wollten etwas anders machen, wussten aber nicht genau, was. Laurence meinte, ob wir mit Josh zusammenarbeiten wollten, darüber hätten wir ja schon mal gesprochen. Damals war das aber eher ein Witz.
M: Josh sagte dann sofort, er liebe die Demos und wolle uns bei seinem Kumpel Dave im Rancho haben.
Wie darf man sich die Arbeit mit ihm denn vorstellen?
N: Josh ist viel freundlicher, als er aussieht. Vorher hatten wir alle Schiss: Wird er mich anschreien, wenn ich mich verspiele? Oder schlimmer: Wird er mir eine langen? Das waren so Fragen, die ich mir stellte. Aber so ist er gar nicht – im Gegenteil. Er hat eine sehr Mut machende Art und ist ein Vollprofi, der viel Zeit in seine Arbeit steckt. Oft haben wir bis vier Uhr nachts gearbeitet – und fanden uns dann am nächsten Morgen schon wieder zusammen im Studio.
A: Was ebenso wichtig war: Wir haben dieselbe Auffassung von Humor. Wir haben viel gelacht zusammen.
J: Er hat tolle Moves und Sprüche drauf, wenn er erklären will, wie etwas für ihn klingen soll.
N: Er hat zum Beispiel mal gesagt: „Ich möchte, dass es klingt wie ein dickes Kind mit Schokolade am Mund.“ Ich wusste gleich, was er meint.

Wie viel Sheffield steckt denn überhaupt noch in "Humbug"? Vielleicht eine Frage für dich, Alex, denn deine Texte sind es meiner Meinung nach, die sich völlig vom Stadtleben abgewandt haben und nun eher allgemeingültiger und schwärzer geworden sind. Außerdem fällt es auf, dass du inzwischen akzentfrei singst – und überhaupt besser singst.
A: Genau die Entwicklung wollte ich. Schon beim zweiten Album habe ich versucht, die Songs nicht mehr lokal zu verorten, aber die Geschichten darauf hatten oft noch diesen kalten Hauch einer britischen Stadt. Das ist diesmal vorbei: Die Lyrics sind düsterer, ich gehe tiefer in meine persönlichen Abgründe. Ich habe die meisten von ihnen nachts geschrieben.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/1/1247152960/1247484001]Mit dieser Stimme kann er dreimal 'Scheiße' schreien, die Arctic Monkeys machen aus minimalen Songstrukturen größere Songs als z.B. Oasis jemals wieder hinbekommen werden.[/usercomment]
Ich wache oft nachts aus Albträumen auf, dann setze ich mich hin, lass alles rausfließen und überlege am nächsten Morgen, was ich da geschrieben habe, was es bedeutet und was ich daraus machen kann. Bei einigen Songs weiß ich's – bei anderen überlege ich noch heute. Und ja, ich habe mich gerade im Zuge der Shadow-Puppets-Sache viel mit dem Thema Gesang beschäftigt und viel an meiner Stimme gearbeitet. Ich hoffe doch sehr, dass man das hört.

Auf der nächsten Seite: Das schwierige dritte Album.

Die Arctic Monkeys mussten vom spektakulären Start ihrer Karriere an immer wieder neue Rollen erfüllen. Daniel Koch fragte sich in Anwesenheit der Band, welche es beim dritten, sehr gewagten Album "Humbug" denn nun sein wird.

Die Band mit dem "ambitionierten" dritten Album
Als ich wenige Tage vor dem Interview im Berliner Büro von Domino Records die ersten acht Songs vorgespielt bekam, konnte man mir die Verwirrung von der Stirn ablesen. Schon hatte ich mit einer Richtungsänderung gerechnet, aber das bereitet einen noch nicht auf einen Track wie "Pretty Visitors" vor. Der kommt nämlich mit Orgel-Intro, fetten Black-Sabbath-Riffs und einem fast sakral klingenden Chor, der am Ende den durchaus nach Wüstenkoller klingenden Refrain singt: "All the pretty visitors came and waved their arms / And cast the shadow of a snakepit on the wall." Dazwischen wechselt der Song so oft Richtung und Tempo, dass man sich die Verwirrung eines manchen Arctic-Monkeys-Fans gut vorstellen kann.

Auch das lässig gecroonte "The Jeweller’s Hands" hat so gar nichts mehr vom Rotz der frühen Jahre, sondern kommt mit viel Pianogeklimper sicher auch bei meiner Mutter gut an. Lyrisch ist vor allem das düstere "Dangerous Animals" verstörend, das man auch im SM-Keller hören könnte: "The way you keep me in pursuit / Shopping the heal of your boot / And you press it in my chest and you make me wheeze / Then to my knees you do promote me."

Jetzt, wo das neue Material den Fans schon per Web Transmission vorgespielt wurde, die ersten Kritiken erschienen sind und der unvermeidliche Leak die Webforen beschäftigt, zeigt sich, dass die Arctic Monkeys mit diesem durchaus ambitionierten Richtungswechsel auch Fans vergrätzt haben. Auf ihrer Website findet sich die Einschätzung eines selbst erklärten "Die-Hard-Monkeys- und -Queens-Of-The-Stone-Age-Fans", der "Humbug" für "langsamen, langweiligen Düster-Emo" hält, den man beim besten Willen nicht "unterhaltsam" nennen dürfe, sondern eher "überflüssig". Das amerikanische Spin Magazine wiederum sieht in "Humbug" die typische Entwicklung einer Britrock-Sensation: "Dein Debüt ist legendär (zumindest ein Jahr lang) [...] Der Nachfolger wird eine 'Herausforderung', leugnet deine Roots aber noch nicht. Danach wirst du berühmte, unkonventionelle Frauen daten – und dann, beim dritten Album, wirst du genau deshalb den neuen Kick suchen, den Reiz des Unbekannten. Und dich dabei verheben." Man freue sich in der Spin-Redaktion schon auf das "vierte, Back-to-basics-Album".

Das sind natürlich legitime Meinungen, die aber eh nur wieder die Subjektivität des Musikjournalismus offenlegen. Meiner Meinung nach weiß das neue Material nämlich durchaus zu überzeugen, selbst wenn die "Alles neu!"-Attitüde ein wenig sehr offensichtlich ist. Aber Tracks wie "My Propeller" schrauben sich tatsächlich in Herz und Hirn, und "Pretty Visitors" funktioniert trotz oder wegen der Black-Sabbath-Einflüsse. Auch die Band weiß um etwaige Fan-Verluste, will sich aber nicht zu sehr einen Kopf drüber machen.

Habt ihr ein wenig Schiss vor den Reaktionen auf den hörbaren Kurswechsel?
A: Wir versuchen nicht drüber nachzudenken, weder bei der Arbeit am Album noch danach. Zuerst willst du ja, dass es dir gefällt. Wenn das so ist, schaut man mal, ob es andere auch mögen.

Die Band, in der man sein möchte
Man darf und kann also viel darüber streiten, ob die Arctic Monkeys mit "Humbug" alles richtig gemacht haben und in welche Schublade man sie nun steckt. Eines muss man ihnen aber bei all dem zugutehalten: Sie sind eine Band, in der man sein möchte – und zwar völlig unabhängig von der Musik, die am Ende dabei rauskommt. Denn obwohl ihre Karriere sie inzwischen in die Internationalität gebracht hat, sie mit P. Diddy feiern und mit berühmten Model-Frauen liiert sind, pflegen sie untereinander noch immer eine Brüderlichkeit, die mir zeigt, wie man so eine Karriere ohne durchzudrehen oder abzuheben angehen kann. Wie die funktioniert, erklären die Arctic Monkeys abschließend am besten selbst:

N: Wir lassen uns Freiräume, gönnen uns Pausen, behalten uns gegenseitig im Auge, damit keiner abhebt ...
M: ... und wir nehmen eben den ganzen Rummel nicht so ernst ...
J: ... und wir haben denselben Humor ...
A: ... und wir haben uns jetzt eben mal gesagt: Wir wollen aus dieser Albumproduktion so viel Spaß rausholen wie geht. Deshalb waren wir in L.A., New York, in der Wüste und machten es uns in Swindon gemütlich. Das musste jetzt einfach mal sein.