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Im Interview: Was lange währt ...

Portishead

Heiko Hoffmann widmet sich dem furiosen dritten Album der Band, die niemand mehr auf der Rechnung hatte.
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Mit 'Dummy'  veröffentlichten Portishead 1994 ein Debütalbum, das zusammen mit den ersten Alben von Massive Attack und Tricky damals den Ruf von Bristol als neues Seattle begründete und zu einem Klassiker wurde. Doch die Mischung aus HipHop-Beats im Zeitlupen-Tempo, 60s-Spionage-Soundtrack-Anleihen und Torch-Gesang wurde bald zur Formel, aus der sich auch Portishead selbst nicht befreien konnten. Heiko Hoffmann widmet sich dem furiosen dritten Album der Band, die niemand mehr auf der Rechnung hatte.

24. Juli 1997. Geoff Barrow sitzt in einem Hotelzimmer an der New Yorker Fifth Avenue und erzählt, worauf es ihm beim gerade fertiggestellten zweiten Portishead-Album ankam. "Wir wollten ausschließlich unsere eigenen Samples machen. Für unser erstes Album haben wir noch auf alte Platten von Isaac Hayes oder Weather Report zurückgegriffen. Diesmal haben wir eigene Loops angefertigt, sie auf Vinyl gepresst und dann mit Scratches und Blenden in die Produktion einfließen lassen." Später am Abend treten Portishead mit einem Orchester im Roseland Ballroom auf, der Mitschnitt des Konzerts, 'Roseland NYC', erscheint im Jahr darauf. Die Musik ist komplett live, nur das ständige Vinylknacksen, das die Songs künstlich altern lässt, kommt aus dem Computer.


Fast elf Jahre später sitzen zwei Drittel von Portishead, Geoff Barrow und Adrian Utley (Sängerin Beth Gibbons zieht es wie meistens vor, keine Interviews zu geben), im Berliner Büro ihrer Plattenfirma. Und tatsächlich ist im letzten Jahrzehnt, sieht man von einigen wenigen Remixen und einem enttäuschenden Beitrag für eine Serge-Gainsbourg-Compilation ab, keine neue Musik von Portishead erschienen. Den Grund dafür konnte man bereits auf dem selbst betitelten letzten Album und dem Live-Album hören.

Die Musik von Portishead, die auf ihrem 1994 erschienenen Debüt 'Dummy' noch bahnbrechend neu wirkte, war nur drei Jahre später zum Klischee verkommen. Ihre Mischung aus verlangsamten HipHop-Beats, gescratchten Lalo-Schifrin-Soundtrack-Samples und weiblichem Torch-Gesang ließ Plattenfirmen unzählige TripHop-Acts unter Vertrag nehmen. Und selbst TV-Werbemusik sollte durch Vinylknackser gleichzeitig Authentizität und Hipness verliehen werden. Da half es wenig, dass Portishead Samples durch Selbsteingespieltes austauschten. Und so großartig ihr Konzert im Roseland Ballroom auch war, das nachgereichte Live-Album und -Video (DVDs gab es damals noch nicht) schienen rückblickend eine Art "Greatest Hits" einer Gruppe zu sein, bei der Karriere-Start, -Höhepunkt und -Ende so eng zusammenlagen wie selten zuvor.

"Nachdem wir unser zweites Album veröffentlicht, das Live-Album aufgenommen und getourt hatten, waren wir emotional und körperlich erschöpft", gesteht Adrian Utley, der anschließend an Soundtracks und anderen Auftragsprojekten arbeitete, während Beth Gibbons als Einzige der drei ein Soloalbum aufnahm. Dennoch war dem Trio klar, dass sie irgendwann wieder gemeinsam Musik machen würden. 2001 trafen sie sich dafür in Australien, nur um frustriert festzustellen, dass ihnen kein wirkliches Konzept für eine neue Platte einfiel. "Ich hatte Hunderte von Platten gekauft, sie gesamplet, geloopt und Backingtracks gemacht", erzählt Geoff Barrow. "Mit dem Ergebnis, dass ich eine riesige Depression bekam. Diese Produktionsweise schien mir einfach so rückwärtsgewandt, wie etwas, das wir schon zu oft gemacht hatten."


Portishead erlegten sich selbst eine Regel auf: Sie wollten für ihr neues Album Sachen machen, die sie noch nie zuvor gemacht hatten. "Für uns ist es etwas anderes, wenn wir ins Studio gehen, als für eine Band wie Coldplay", so Utley. "Es gibt kein festes Gefüge, wer welches Instrument spielt." Seit 2004 fand dann die Arbeit an der Musik statt, die schließlich auf dem neuen Album 'Third' zu hören ist. "Dieses Album war wie ›Lost‹-Gucken", schrieb Barrow auf seinem MySpace-Blog. "Eine nicht enden wollende Reise mit wenigen Antworten."

Schließlich haben Portishead einen Weg gefunden, wieder Musik zusammen zu machen, ohne sich selbst zu langweilen. Doch selbst mit diesem Wissen überrascht 'Third'. Das Album klingt nicht nur viel aggressiver und rauer als alles, was Portishead bisher gemacht haben, sondern verweist auch auf Bands, die man bislang nicht im Portishead-Kosmos vermutet hatte. Schon zu dem von ihnen kuratierten Festival All Tomorrow's Parties im letzten Dezember hatten sie Künstler wie Chrome Hoof und Aphex Twin eingeladen. "Vor allem alte Bands wie Can oder die Silver Apples haben uns inspiriert, aber auch Doom-Metal-Gruppen wie Sunn O)))", sagt Adrian Utley.
Das Ergebnis dürfte nicht wenigen der alten Portishead-Hörer Probleme bereiten. Bereits die Radio-Single 'Machine Gun' verstört mit einem Maschinengewehrsalven-Beat. Über anderen Stücken des Albums kreist ein an 'Apocalypse Now' erinnernder Rotor-Krach oder dominiert ein stampfender Vierviertel-Beat.

 

Auf geloopte Breakbeats verzichten Portishead, mit einer Ausnahme, völlig. Und anders als früher kann man sich nicht schon nach den ersten Takten sicher sein, wie ein Song weitergeht. 'The Rip', eines von vielen Ausnahmestücken auf 'Third', etwa beginnt als englisches Folk-Stück mit Akustikgitarre. Erst nach zwei Minuten steigt ein Schlagzeug im doppelten Tempo ein, dazu erklingen verstörende Synthesizer-Bassklänge. "Das ist unsere aktuelle Geheimwaffe", sagt Adrian Utley: "ein seltener Synthesizer der italienischen Firma Siel." Zusammengehalten wird das Album vor allem durch die vertraute und lange vermisste, schmerzvolle Blues-Stimme von Beth Gibbons. "Die größte Herausforderung für uns war, jedem Song seinen eigenen Platz zu geben." Dass Portishead dies gelungen ist und 'Third' dennoch wie ein kohärentes Werk klingt, ist erstaunlich.