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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Im Interview: Kontinuität und Wandel

The Notwist

Sie haben es wieder getan: eine Platte aufgenommen. Und das ist nichts, was mal so locker aus dem Ärmel geschüttelt wird.
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The Notwist haben es wieder einmal getan: eine Platte aufgenommen. Und das ist nichts, was mal so locker aus dem Ärmel geschüttelt wird, wie Martin Büsser von ihnen erfahren durfte. Ganze sechs Jahre sind seit der Veröffentlichung von 'Neon Golden' vergangen. Eine neue Platte, das bedeutet bei The Notwist ganz konservativ: ein Werk schaffen, einen Punkt in der Geschichte markieren, eine Zäsur setzen.

Jörg Albrechts Dokumentarfilm 'On/Off The Record' über die Entstehung von 'Neon Golden' hat bereits deutlich gemacht, mit wie viel Akribie The Notwist im Studio vorgehen. Man fühlte sich fast an Jean-Luc Godards Klassiker 'Sympathy For The Devil' (1968) über die Entstehung des gleichnamigen Stones-Songs erinnert. Beide Filme vermitteln das Gefühl, dass hier Geschichte geschrieben wird. Aber ist es 2008 noch zeitgemäß, sich über die Entstehung von Schallplatten (!) so zu unterhalten, als ob danach die Uhren neu gestellt werden müssen? Ist Musik nicht zum Wegwerfprodukt geworden, heute veröffentlicht, am selben Nachmittag gefeiert und am nächsten Tag vergessen?[mp3r]

Schon nach wenigen Gesprächsminuten im Kölner Hotel Chelsea, dem Martin-Kippenberger-Hotel mit dem seltsamen vom Künstler entworfenen Dachaufsatz, der aussieht, als ob dort ein UFO gelandet wäre, steht fest: Hier haben sich ein paar Fossile getroffen. Menschen, die noch an den Wert und die Bedeutung von Tonträgern glauben. Band und Interviewer schwelgen in Erinnerungen. Der Interviewer insbesondere, weil er kurz vor dem Interview eine alte Ausgabe des Zap-Fanzines ausgegraben hat, Oktober 1991. Damals waren wir uns schon einmal begegnet. Es war die erste größere Deutschlandtour von The Notwist, die sie durch meist leere Jugendzentren führte. Viel hat sich seitdem geändert.

Heute sind The Notwist zumindest international das, was man Stars nennt. Aber vieles ist auch gleich geblieben. Obwohl die Band längst aufwendig-akribische Arbeit im Studio leistet und nichts dem Zufall überlässt, sind künstlerische Selbstbestimmung und Do-It-Yourself noch immer zentrale Bezugspunkte im Denken der Acher-Brüder. Punk also. Die Szene, aus der The Notwist kommen. Und genau an diesem Punkt wird klar, dass Punk und künstlerisches Werkbewusstsein keinen Widerspruch darstellen müssen. Im Gegenteil: Es sind gerade die Punks bzw. Ex-Punks, die daran festhalten, dass der Tonträger einen ästhetischen und historischen Wert darstellt. Das haben The Notwist mit Steve Albini und Shellac gemeinsam. Gegen die Trash-Mentalität der iPod-Kids vertreten sie die vermeintlich veraltete Vorstellung, dass Musik ein Kulturgut ist.

Vielleicht ist es das, was Thomas Venker im Sinn hatte, als er mir mit auf den Weg gab, das Interview in Richtung Jazz zu lenken, also darauf abzuzielen, dass The Notwist eigentlich wie eine altehrwürdige Jazzband behandelt werden müssten. Eine Band, die ganz in der Musik aufgeht, ohne Rücksicht auf Studiokosten, ohne Anbiederung an Markt und Publikum. Aber das stimmt ja auch nicht ganz. Schließlich ist 'The Devil, You + Me' ein geradezu eingängiges Album geworden, voller einschmiegsamer Melodien und ohne ausufernde Improvisationen.

War es euch wichtig, dass 'The Devil, You + Me' gut durchläuft? Es gibt zwar wieder sehr viele Tücken im Detail, aber oberflächlich betrachtet sind die Stücke sehr catchy.
Martin Gretschmann: "Wir bauen ja keine Elemente ein, um zu zeigen, was wir alles kennen und können. Am Ende geht es nur um das, was dem Stück dienlich ist. Dazu hilft die lange Entstehungszeit einer Platte. Denn dadurch gibt es auch Pausen, wir reflektieren sehr viel, hören die Stücke immer wieder an und werfen all das raus, was vom eigentlichen Kern ablenkt. Trotzdem soll man beim genaueren Hinhören immer wieder neue Details entdecken. Die sind aber nicht wichtig, um das Stück zu erfassen, sie sind sozusagen der Bonus."

Markus Acher: "Die Herangehensweise war trotzdem schneller als bei 'Neon Golden'. Für 'Neon Golden' haben wir in einem klassischen Studio mit Aufnahme- und Regieraum gearbeitet. Diesmal haben wir den Proberaum zum Studio umfunktioniert, also einen großen Raum, in dem all unsere Instrumente standen. Dadurch haben alle in einem Raum aufgenommen, sodass jeder schnell reagieren konnte. Jeder hat alles gleich gehört, musste nicht mikrofonieren. Es war also so, als ob man direkt im Proberaum aufnimmt. Trotzdem hat jeder die Sachen mit nach Hause genommen und dort noch einmal bearbeitet. Wir haben also schneller, organischer gearbeitet und trotzdem nichts dem Zufall überlassen."

The Notwist erinnern mich vom Prinzip her an Sonic Youth: Es gibt eine Stammband, in der nur ganz bestimmte Dinge zugelassen sind, der Rest wird in Nebenprojekte und andere Bands ausgelagert. Kann man das miteinander vergleichen?
Micha Acher: "Teilweise eignen sich bestimmte kompositorische Sachen einfach nicht für Notwist. Die passen dann eher zu Tied & Tickled Trio oder Ms. John Soda. Wenn wir an einem Notwist-Album arbeiten, fallen immer sehr viele Stücke für unsere anderen Bands ab, weil wir sehr lange rumprobieren, Sachen wieder verwerfen und merken, dass sie in einem anderen Projekt besser aufgehoben wären."

Markus: "Wir haben ja eine genaue Vorstellung von dem, was Notwist sein soll. Es ist eine sehr songorientierte Band, die klar strukturierte Stücke schreibt. Weil es bei Notwist also nicht sehr viel Platz gibt, werden ausufernde Stücke und Improvisationen ausgelagert. Wir mögen es ja zu experimentieren, aber vieles, was dabei entsteht, passt einfach nicht zu The Notwist. Die Idee hinter Notwist ist ja, Musik auf Singer/Songwriter-Basis zu machen. Lediglich unter den Songs passiert sehr viel, aber das auf Stücken, die auf drei bis fünf Minuten begrenzt sind."

Imitate The Real

The Notwist haben zwei Jahrzehnte Musikgeschichte wie kaum eine andere Band in ihrer Musik reflektiert und damit mitgeschrieben. Trotz klarem Notwist-Sound sind sie stets wandelbar geblieben und damit jeweils auf der Höhe ihrer Zeit. Begonnen als Post-Punk-Band mit hörbarem SST-Einfluss, waren The Notwist eine der wenigen deutschen Bands, die in den Neunzigern auf internationalem Niveau an das andockten, was seinerzeit Post-Rock genannt wurde, der von Jazz beeinflusste Chicago-Sound von Bands wie Tortoise, Sea And Cake und Gastr Del Sol. Aber dabei sollte es nicht bleiben. 'Neon Golden' schaffte locker den Anschluss an die großen romantischen Prog-Pop-Entwürfe von Bands wie Radiohead oder Sigur Rós. Mit 13&God folgte schließlich eine Kollaboration mit Anticon, einem der angesagtesten Label-Kollektive der 2000er. Nein, Notwist gehen nicht einfach mit Moden, verkaufen ihre Seele nicht an Hypes, sondern lassen stilsicher musikalische Veränderungen in ihren eigenen Sound einfließen.

Ihr seid ja immer auf der Suche nach interessanter neuer Musik und an Kollaborationen mit anderen Musikern. Wie funktioniert so etwas? Wie kam zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Anticon zustande?
Markus: "Wir waren ganz einfach Fans. Und dann bin ich halt bei einem Konzert in München auf diese Leute zugegangen. Dabei kam raus, dass die auch Fans von uns waren. Die hatten Notwist ständig im Tourbus gehört. Ich war natürlich begeistert, dass die uns überhaupt kennen. Ich dachte, das wäre so eine klassische HipHop-Crew, die nichts anderes kennt und wahrnimmt."

Als internationale Band beeinflusst ihr inzwischen auch andere Künstler. Mike Mogis von Bright Eyes hat mir zum Beispiel im Interview erzählt, dass "Neon Golden" einen wichtigen Einfluss auf seine Arbeit als Produzent gehabt habe.
Markus: "Ja, in den USA gibt es viele Leute, für die 'Neon Golden' einen wichtigen Bezugspunkt darstellt. Das ehrt uns natürlich extrem. Aber wir hören viel weniger als andere Leute, wen wir mit unserer Musik beeinflusst haben. Wir gehen ja auch nicht von diesem kreativen Schöpfermythos aus, im Gegenteil, wir klauen ja selbst! Es gibt diesen genialen Titel einer Platte von Van Pelt, 'Stealing From Our Favorite Thieves', dieses Prinzip trifft voll auf uns zu. Man puzzelt mit jeder Platte neue Cut-ups zusammen. Letztlich wissen wir also viel besser, von wem wir klauen, und weniger, wer von uns klaut."

Das führt mich zu einer großartigen Zeile auf eurem neuen Album: "Let's just imitate the real until we find a better one." Hat dies etwas mit der Idee zu tun, dass es das "Echte", das Original, gar nicht mehr gibt?

Markus: "Es hat etwas zu tun mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit: Was ist von dem, was uns umgibt, noch real? Wenn man überlegt, worin die Wirklichkeit vieler Jugendlicher besteht, was sie erleben und wie sie es erleben, ist das für mich erschreckend und faszinierend zugleich. Also ein Leben im Internet mit Leuten, von denen man gar nicht weiß, ob sie überhaupt so heißen, wie sie sich nennen. Wirklichkeit wird da immer wieder gebrochen, nur noch vorgegeben. Das hat natürlich sehr viel mit dem zu tun, was gerade auch in der Musikindustrie vor sich geht. Dieser ganze Fake, Sounds, die Plattenknistern imitieren, oder Platten, die wie eine Band klingen, ohne dass ein einziger Ton von einer Band gespielt wurde."

Ihr seid Vertreter eines alten Werkbewusstseins. Deshalb muss ich euch die Frage stellen: Hat die viel beschworene Krise der Musikindustrie auch eine Band wie The Notwist erreicht?
Markus: "Das wird sich jetzt erst herausstellen. Seit ein paar Tagen findet sich die neue Platte im Netz, irgendein Journalist hat sie reingestellt. Jetzt stellt sich die Frage: Ziehen sich Leute, die Notwist hören und mögen, das aus dem Netz? Wir haben uns im Vorfeld lange darüber Gedanken gemacht, wie wir auf so etwas reagieren, also, ob wir die Journalisten überhaupt noch mit CDs bemustern sollen. Und wir haben uns entschieden, es wie bisher zu machen, auch auf die Gefahr hin, dass wir viel verlieren. Wir reagieren auf so etwas mit Trotz: Die CD und die LP sollen sehr schön werden, die CD wird als Buch gestaltet sein ... Wir wollen dieser Wegwerf-Mentalität etwas entgegensetzen. Wir hoffen einfach, dass das Notwist-Publikum in eine Altersgruppe fällt, die sich nicht über Downloads bedient.

Aber natürlich stellt sich die Frage, ob die Leute Musik noch so wahrnehmen wie wir selbst. Wir denken ja noch in Kategorien wie B-Seiten, total anachronistisch. Möglicherweise nehmen viele Leute die Platte überhaupt nicht mehr als Ganzes wahr. Musik wird immer mehr daraufhin konzipiert, schnell in Umlauf zu kommen und schnell wieder zu verschwinden. Musik steht im Netz, die Leute kommentieren das sofort in Blogs, und dann ist es weg. Für uns ist es hingegen eine bewusste Entscheidung, lange an einer Platte zu arbeiten, einen Spannungsbogen zu entwickeln ... Aber vielleicht gehen wir damit auch völlig baden.

Das Internet hat sicher zu solchen Tendenzen geführt, aber kann es nicht auch helfen, neue Szenen und Netzwerke überhaupt erst wieder entstehen zu lassen?
Markus: "Na klar. Das Gute am Netz ist ja, dass es die Nischen aufmacht und in der ganzen Welt entdeckbar macht. Ohne Wire lesen zu müssen, kommt man an die obskursten Sachen. Ich habe zum Beispiel ein seltsames Musikkassetten-Label aus den USA im Netz entdeckt, eines dieser schrägen Folk-Labels, die jede einzelne Kassette individuell bemalen. Ich habe dort also bestellt und bekam prompt ein paar bemalte Kassetten geschickt, die du sonst wirklich nirgendwo bekommst, die in keiner Zeitschrift der Welt besprochen werden. Das ist die Chance des Internet, vergleichbar mit dem kleinen Plattenladen früher, wo du im Hinterraum in einer Kiste entlegene Schätze entdeckt hast. Du darfst allerdings nicht bei Amazon oder iTunes hängen bleiben."

Vor einigen Jahren habt ihr ein Angebot von Vodafon abgelehnt, die einen Notwist-Song als Werbeclip verwenden wollten. Und dies, obwohl es sich um ein lukratives Angebot gehandelt hatte. Sind DIY und künstlerische Selbstbestimmung für euch also auch in finanziell prekären Zeiten unerlässlich?
Markus: "Seit Tonträger nicht mehr laufen, wird ja immer mehr nach anderen Finanzierungsmodellen für Musik gesucht, große Konzerne drängen überall rein und werfen mit horrenden Summen um sich, um Künstler zu finanzieren und deren Image für sich zu gebrauchen. Man muss immer wieder kritisch darauf aufmerksam machen, dass inzwischen immer mehr über komische Wettbewerbs-Kampagnen von Jägermeister und Red Bull geht, bei denen Musik zur völligen Nebensache wird. So etwas wird gar nicht mehr hinterfragt oder verhandelt. Ganze Seiten in Magazinen sehen aus wie der redaktionelle Teil, aber im Kleingedruckten siehst du, dass es sich um Anzeigen handelt.

Für uns hat sich die Frage nach der Selbstbestimmung allerdings nie wirklich gestellt, wir gehen ins Studio und nehmen die Stücke so auf, wie wir uns das vorstellen. Wir haben schon Verträge abgelehnt, die das schwieriger gemacht hätten. Es ist eine Sache des ständigen Hinterfragens. Wenn jetzt immer weniger Leute unsere Platte kaufen sollten, dann enden wir vielleicht wieder als Band, die Platten in 500er-Auflage mit Siebdruck-Cover rausbringt und für 30 Euro das Stück an Liebhaber verkauft. Wer weiß ..."

Hier geht es zu einem der ersten Notwist-Interviews (im Zap-Fanzine von 1991).

Und hier kann man nachlesen, was The Notwist zur heutigen Jazzszene zu sagen haben.