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Im Interview: Bin nur ein weirder Linker ohne Haare

Moby

Moby hat sich diesmal alle Mühe gegeben, der Industrie und dem Kommerz den Finger zu zeigen. Entstanden ist das neue Album als No-Budget-Produktion in seinem New Yorker Apartment, die erste Single ist ein wunderbar lethargisches Instrumental.
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Es gab eine Zeit, da wurden sämtliche H&M-Umkleiden Zentral-Europas mit Mobys Platten berieselt. Und dabei war doch alles nur ein grässliches Mainstream-Missverständnis, sagt Moby heute. Als eine Art persönliche Wiedergutmachung veröffentlicht der New Yorker Hobbykoch, Post-Veganer, Tierrechtler und Polit-Aktivist jetzt das Album "Wait For Me". Christine Franz traf ihn in Berlin.

Moby hat sich diesmal alle Mühe gegeben, der Industrie und dem Kommerz den Finger zu zeigen. Entstanden ist das neue Album als No-Budget-Produktion in seinem New Yorker Apartment, die erste Single ist ein wunderbar lethargisches Instrumental, das Moby als free Download verschenkt.

Und auch sonst: "Wait For Me" bleibt eher als David-Lynch-Film-Soundtrack vorstellbar (der Meister steuerte auch konsequenterweise das Video zur Single "Shot In The Back Of The Head" bei) als zur Kleiderbügelbeschallung. Zurück zu den DIY-Wurzeln also? Nichts lieber als das, meint der Mann im viel zu großen Breitcord-Jackett.

Du hast mal gesagt: "Berühmt sein ist gefährlich." Warum denn das?
Fame bringt die Leute entweder um oder macht sie depressiv. Celebritys haben im Durchschnitt die gleiche Lebenserwartung wie Bergarbeiter. Nimm Kurt Cobain, John Lennon, Jimmy Hendrix, Jim Morrison oder Princess Diana. Fame ist ziemlich ungesund. Ich spreche da aus Erfahrung. Als "Play" ein Hit wurde, ging ich ständig zu Celebrity-Partys und lief über rote Teppiche. Weil ich dachte, dass das dazugehört. Parallel zu meinem Bekanntheitsgrad stiegen bei mir auch der Alkohol- und der Drogenkonsum. Und der Arschlochfaktor. Soweit ich weiß, gibt es auf diesem Planeten niemanden, der durch Erfolg zu einem besseren Menschen geworden wäre. Zu einem interessanteren vielleicht: Wenn Britney Spears sich den Kopf rasiert und auf Paparazzi eindrischt, ist das natürlich schon bemerkenswert.

"Play" hat sich damals weltweit zehn Millionen Mal verkauft. Hat dir das Angst gemacht?
Das war schon ziemlich confusing. Ich mache jetzt schon so lange Musik. Die erste Platte meiner Band Vatican Commandos war eine Punkrock-7-Inch mit dem Titel "Hit Squad For God" und erschien 1983. Ich habe mich auch danach immer eher als den durchgeknallten Underground-Künstler gesehen. Mit diesem Selbstbild bin ich aufgewachsen. I'm just a weird bald lefty. Aber es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich komischerweise kommerziellen Erfolg hatte. Das ist wirklich schräg, denn ich habe das nie forciert. Ich wollte mit meiner Musik nie erfolgreich sein. Vor allem keinen Mainstream-Pop-Erfolg. Das alles hat mich ziemlich verunsichert.

Gab es damals Erfolgsdruck von Seiten deines Labels?
Als ich noch bei Mute war, gab es natürlich keinen Druck. Als Mute dann von EMI gekauft wurde, gab es den plötzlich. Sie haben mir natürlich nicht direkt gesagt, dass ich ins Studio gehen und ein kommerzielles Album aufnehmen soll. Aber sie haben schon gesagt: Wenn du uns eine Single gibst, die sie im Radio spielen können, dann werden wir dieses Album richtig promoten. Wenn nicht, dann eben nicht. So einfach war das. Das war keine Drohung, sondern eine Tatsache.

Ein guter Grund, das Label zu wechseln. Oder selbst eines aufzumachen, wie du es ja zum neuen Album gemacht hast ...
Ich habe bei Mute Records unterschrieben, als es noch ein interessantes Indie-Label war. Auf einmal fand ich mich bei EMI wieder, die Mute irgendwann aufgekauft hatten. Auf Mute waren meine Labelmates Nick Cave oder Diamanda Galás. Auf EMI dann Kylie Minogue und Katy Perry. Leider hat das alles aber auch Alben wie "Hotel" sehr stark beeinflusst. Es ist ein sehr professionelles Album, das in großen Studios aufgenommen wurde und zu dem teure Videos produziert wurden. Mir wurde klar, dass das nicht meine Welt ist. Ich wollte mit dem neuen Album auf meinem eigenen Label endlich mal wieder das machen, worauf ich Lust hatte: eine persönliche, emotionale Platte. Ein Album, das kommerziell sicher nicht so erfolgreich werden wird. Das ist absolut okay. Nur bitte keines mehr, das sich millionenfach verkauft, dafür aber voller Kompromisse ist.






Gab's einen bestimmten Moment, in dem du wusstest, dass du etwas verändern musst?
Den gab es tatsächlich. David Lynch hat bei den BAFTA Awards eine sehr bewegende Rede gehalten. Es ging in seiner Rede um seine Kreativität. Alles, was er sagte, war: Kreativität ist etwas Wunderbares und sollte nicht in Märkten und Umsätzen gemessen werden. Nicht mehr und nicht weniger.



Lass uns mal über dein soziales und politisches Engagement reden. Z. B. in Sachen Tierschutz. Das ist ja wirklich bewundernswert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass du dafür als Künstler ja auch oft angefeindet wirst. Wie empfindest du das?
Lustigerweise habe ich gerade heute mit ein paar Leuten hier in Berlin über genau dieses Thema gesprochen. Es ging um Bono vs. Liam Gallagher. Die Medien lieben Liam. Ich habe nichts gegen ihn, er ist super. Aber die Medien lieben ihn, weil er ständig besoffen ist und weil er der unpolitischste Mensch ist, den man sich überhaupt vorstellen kann. Bono dagegen investiert viel Zeit und Geld in soziale Projekte und Kampagnen, die ihm am Herzen liegen. Das ist doch zynisch, die Medien hassen ihn dafür. Um politisch akzeptiert zu werden, muss man in deren Augen scheinbar erst tot sein. Siehe John Lennon. Das ist ein Phänomen, das ich nicht begreife. Mittlerweile erwarte ich schon fast, für das, was ich tue, kritisiert zu werden. Wenn ausnahmsweise mal nichts passiert, bin ich immer total überrascht.

Und was hat dir musikalisch über all die Jahre immer Antrieb gegeben?
Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich sonst machen sollte. Ich liebe Musik. Ich finde es faszinierend, dass das Geräusch einer Espressomaschine und Brahms genau genommen sehr ähnlich sind. Das ist eben Luft, die sich ein bisschen anders bewegt. Musik existiert also eigentlich gar nicht. Und ich finde es faszinierend, welchen Einfluss Musik haben kann. Musik kann Menschen zum Weinen und zum Tanzen bringen, sie dazu bringen, in den Krieg zu ziehen oder Sex zu haben. Musik hat so viel Kraft.

Moby "Wait For Me" (CD // Ministy Of Sound / Edel)