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Im Interview: A Dream Goes On Forever

Jochen Distelmeyer

Jochen Distelmeyer hat soeben sein erstes Soloalbum "Heavy" veröffentlicht. Dass das alte Columbia-Logo reaktiviert wurde, habe nichts mit Bob Dylan zu tun, erzählt er Thomas Venker und Mario Lasar.
Geschrieben am
Jochen Distelmeyer trägt ein weit aufgeknöpftes weißes Hemd, eine blaue Anzughose und dazu passende Wildleder-Desertboots. Er hat manikürte Fingernägel, mit denen er manchmal auf den Tisch klopft. Beim Sprechen streut er regelmäßig das seinen Worten Emphase verleihende, fragend intonierte Alexander-Kluge-Ja ein. Soeben hat er sein erstes Soloalbum "Heavy" veröffentlicht. Dass das alte Columbia-Logo reaktiviert wurde (das auch schon das Cover von "Verbotene Früchte" zierte), habe nichts mit Bob Dylan zu tun, erzählt er Thomas Venker und Mario Lasar.

Als vor einigen Wochen der Song "Wohin mit dem Hass?" auf Jochen Distelmeyers Webseite veröffentlicht wurde, waren viele alte AnhängerInnen überrascht von der offensiv auf Rock getrimmten musikalischen Ausrichtung des Stücks. Man hatte nach dem Ende von Blumfeld insgeheim mit einer Hinwendung zu einer lieblicheren Reinhard-Mey-Ästhetik oder zumindest einer deutlicheren Annäherung an Blue-Eyed-Soul-Terrain im Sinne von Prefab Sprout gerechnet. "Heavy" jedoch wird beherrscht von einem dualen, aber nicht oppositionellen Verhältnis zwischen ungestümen Rockstücken à la "Wohin mit dem Hass?" und stromlinienförmig gestalteten, halbakustisch instrumentierten Songs, die eine eher gleitende Qualität entfalten.

Formal betrachtet blenden die Stücke der letzteren Kategorie jede Art von Reibung aus, was einen reizvollen Zustand der Harmonie herzustellen scheint, der jedoch häufig dadurch gebrochen wird, dass die Texte von Verlust und unerfüllten Sehnsüchten handeln. Die Rocknummern sind in textlicher Hinsicht mehr auf durchgeknallte Paranoia fixiert und scheinen noch am ehesten die von vielen verloren geglaubte Verschlüsselungs-Rhetorik wieder aufzunehmen ("Hinter der Musik"), für die Blumfeld zumindest eine Zeit lang standen.
Tendenziell markiert das Album allerdings eine Abkehr von transzendenter Sprache, die einhergeht mit der Umarmung einer weltzugewandten Immanenz. Ein Effekt davon ist, dass das Intimitätspotenzial unverhohlener ausgeschöpft wird. So arbeitet das "ein grundsätzlich präsentes Glücksempfinden" (Jochen Distelmeyer) kommunizierende, "wunderschöne" (ich) "Lass uns Liebe sein" mit einer elaborierten Liebeslied-Rhetorik, die in musikalischer Hinsicht mit einer knackigen Bassdrum kombiniert wird. Interessant ist, dass in die Liebes-Metaphorik ein Wort wie "Lebenslügen" eingeschleust wird (Jochen: "Das ist nicht eingeschleust, ich schreibe nicht strategisch"), das die Vorstellung von Leichtigkeit nicht konterkariert, sondern enorm erweitert. Also doch wieder Transzendenz? Ich glaube, Jochen Distelmeyers Musik entzieht sich Ausschließlichkeit und Eindimensionalität. Dazu passt, dass sich auch eine zunächst so bescheiden und bodenständig wirkende Zeile wie "Am Ende ist es nur ein Song" (aus "Murmel", dessen Szenario mich an "Bach, Beethoven, Mozart & Me" von Phil Ochs erinnert) im Grunde als Meta-Kommentar erweist; aber, wie ein Freund neulich meinte: "Überinterpretieren ist langweilig geworden." Okay. Vielleicht reicht es auch, sich daran zu erinnern, dass Jochen Distelmeyer einst gesungen hat: "Es könnte viel bedeuten" (aus "Tausend Tränen tief", einem Lied, das letztlich von der universalen Wirkungsweise der neuen Liebeslieder nicht so weit entfernt ist).

Man kann so auch, wenn man will, Hinweise darauf finden, dass das Album an bestimmte Gesten anschließt, die man von Blumfeld kennt. Mindestens drei neue Songs ("Regen", "Hiob" und "Lass uns Liebe sein") verweisen auf die Traum-Terminologie, die bereits in "Tics" vom letzten Blumfeld-Album "Verbotene Früchte" anklang ("Die Träume stehen leer"). Was vor siebzehn Jahren als "Traum:2" umschrieben wurde, mündet jetzt in der Aussage "Wir sind geboren, um zusammen zu leben" ("Ob man nicht alleine leben kann? Was ist das denn für 'ne Frage? Du kannst es ja mal versuchen. Ich ruf dich in vierzig Jahren noch mal an!" - JD).
Alles beim Alten also? Kontinuität galore? Dafür würde neben den gerade dargelegten Hinweisen auch der Umstand sprechen, dass es sich beim Eröffnungsstück "Regen" um ein unbegleitetes A-cappella-Stück handelt, eine Tradition, die an Blumfeld-Stücke wie "Eines Tages" oder "L'Etat Et Moi" anzuknüpfen scheint. Mit dieser Vermutung konfrontiert, gibt sich Jochen Distelmeyer antagonistisch:

Also, um Kontinuität ging es da jetzt nicht. Ich fand, es war die perfekte Form für den Song, und mir gefiel, wie sich das Feedback des folgenden "Wohin mit dem Hass?" aus der Stille herausschält. Dieser Moment war mitentscheidend dafür, "Regen" so zu machen. Mir ist dann erst, als wir im Studio die Reihenfolge der Stücke festgelegt haben, aufgefallen, dass es vorher auch schon so Sprechstücke gab, aber die waren ja nicht, wie jetzt "Regen", gesungen.

Jochen Distelmeyer trägt ein weit aufgeknöpftes weißes Hemd, eine blaue Anzughose und dazu passende Wildleder-Desertboots. Er hat manikürte Fingernägel, mit denen er manchmal auf den Tisch klopft. Beim Sprechen streut er regelmäßig das seinen Worten Emphase verleihende, fragend intonierte Alexander-Kluge-Ja ein. Soeben hat er sein erstes Soloalbum "Heavy" veröffentlicht. Dass das alte Columbia-Logo reaktiviert wurde (das auch schon das Cover von "Verbotene Früchte" zierte), habe nichts mit Bob Dylan zu tun, erzählt er Thomas Venker und Mario Lasar.

Wir haben uns etwas gewundert, dass du diesen voluminösen Rocksound so favorisierst. Es ist ja ein sehr spezieller Rocksound. Die Gitarren, die du benutzt, sind sehr interessant, weil sie für einen Sound stehen, den man lange vermieden hat. Mit Ausnahme von "Er", das an den Gitarrensound erinnert, für den wir in den frühen 90ern Touch And Go so schätzten, fällt der Klang sehr metallisch aus, auch das Schlagzeug ist knallig produziert.
Ah, okay.

Oliver Frank, dein Manager, meinte, dass du mit diesem Gitarrensound an die Jugend von heute appellieren willst. Ich bin nicht so sicher, ob die Jugend so einen Sound mag.
Ja, kann sein, ist mir ehrlich gesagt vollkommen egal.

Aber woher kommt dieser Gitarrensound?

Ich habe meinen Verstärker hingestellt, habe meine Gitarre genommen, habe gespielt, es wurde aufgenommen. That's it. Kann sein, dass ein Stück, "Einfach so", das nicht auf dem Album enthalten ist, das wir aber immer live spielen und über iTunes erhältlich sein wird, wichtig war für die Annäherung an unsere Interpretation von Rock. Das war so ein Schlüsselmoment, weil mich da "Rock vor Rock" interessiert hatte, der die schamanistische Tradition von Rock wieder aufnimmt, bevor die Musik zu einer elaborierteren Spielart vordringt. "Wohin mit dem Hass?" hat mit seinem lavamäßig schwerfälligen brodelnden Appeal auch noch etwas damit zu tun. Wir haben gedacht, das ist primitive Musik für primitive Verhältnisse.

Also ohne Positionierung zur Zeit?
Oder gerade als Positionierung zur Zeit. Mich langweilt Musik, die sich primär darum kümmert, wie sie sich soundmäßig zur Zeit positionieren kann, weil sie sich zu schnell darin verliert. Solche Musik bringt ihr gesamtes Know-how für derartige Fragen in Stellung und bleibt da stehen. Und da, wo es eigentlich interessant wird, wo Musik ihre Legitimität oder Relevanz bekommt, wird heute nicht mehr gearbeitet.

Strategisch gesehen spielt es aber doch schon eine Rolle, etwas zu liefern, was nicht nur die Alten wie uns mitzieht, sondern auch Leute, die gerade sozialisiert werden, also ein Argument zu liefern für 16-Jährige, sich für einen zu interessieren.

Und was ist das Argument?

Der Sound, die Erlebniswelt.
Genau, die Erlebniswelt. Ich glaube nicht, dass es der Sound ist. Der hält vielleicht zwei Jahre vor, danach ist er egal. Wenn du nur damit beschäftigt bist, den aktuellen Stand des Schlagzeug- oder Gitarrensounds zu erforschen, wer immer den formuliert, dann malst du brav die Malbücher aus, die dir andere vorgelegt haben. Das machst du zwei, drei Jahre, zwei Platten lang, und dann bist du egal. Das ist nicht das, worum es mir bei Kunst und Musik geht. Und ich glaube, auch für die Leute reicht das nicht, um damit zu leben, es reicht höchstens, es in die Sammlung zu packen. Deswegen mache ich genau das nicht. Weil ich ein Vertrauen in Musikalität habe, das beyond Sound geht. Natürlich hat es immer etwas mit Sound zu tun, die Musik soll sich ja auch gut anfühlen. Also, ich finde schon gut, wie elegant neue Bands mit Soundmöglichkeiten spielen können. Aber vielleicht ist es vor allem Ausdruck einer möglicherweise gesunden, aber vielleicht auch einfach zu wenig wagemutigen Vorsicht und Zurückhaltung, sich ins Zentrum der Musik zu begeben. Der Grund, weswegen ihr für eine Musikzeitung arbeitet und ich seit Jahren Musik mache, ist ja nicht der Snaresound. Hoffe ich doch.

In welchem Verhältnis stehen für dich die Rocksongs und die leichter klingenden Stücke zueinander?

Also ich finde, dass der Titel der Platte, "Heavy", die Verbindung zwischen diesen unterschiedlichen Songs ganz gut klarmacht. Das ist die Klammer, ein Überbegriff, den ich ziemlich gut finde bei diesem Album, weil er die Verbindung zwischen der Wortbedeutung "schwer" und Assoziationen ans "Himmlische", die so mitschwingen, herstellt.

Ah, "heavenly" / "heavy"! Gar nicht schlecht. War mir noch nicht aufgefallen. Würdest du sagen, dass das Komplexitätsniveau der Texte bei diesem Album niedriger ist? Die Texte scheinen direkter zu sein, was man auch als "heavy" Moment deuten kann, weil die Worte einen unmittelbarer treffen als ein Text, der stärker mit Verschlüsselung und Abstraktion arbeitet. Ein direkt transportiertes Gefühl ist ja für viele schwieriger zu handhaben als etwas, das stark codiert ist.
Vielleicht, ja. Oder Texte, wo man sich selbst auf die Schulter klopfen kann, dass man irgendwelche Referenzen geschnallt hat. Wenn man einen Song nur daraufhin abliest oder versteht, kann es zwar schillernd und flashig sein, aber am Ende des Tages finde ich so was eher langweilig. Ich weiß aber auch gar nicht, ob die Texte jetzt per se weniger komplex sind. "Hinter der Musik" und "Hiob" fallen mir da als Gegenbeispiele ein. Wie bei der Musik gibt es da durchaus unterschiedliche Ansätze. Aber ich habe mir nicht so einen Kopf darüber gemacht. Ich bin Songwriter und Sänger, und ich habe Bock, das zu machen, mir macht das Spaß. Als die Songs fertig waren und ich gesehen habe, welche Kontraste sie zueinander haben oder was für unterschwellige, nicht ganz so sichtbare Verbindungslinien zwischen ihnen bestehen, hab ich gedacht: Das ist ein Album. Abgefahrenes Album. Fühlt sich gut an. Machen.

Jochen Distelmeyer trägt ein weit aufgeknöpftes weißes Hemd, eine blaue Anzughose und dazu passende Wildleder-Desertboots. Er hat manikürte Fingernägel, mit denen er manchmal auf den Tisch klopft. Beim Sprechen streut er regelmäßig das seinen Worten Emphase verleihende, fragend intonierte Alexander-Kluge-Ja ein. Soeben hat er sein erstes Soloalbum "Heavy" veröffentlicht. Dass das alte Columbia-Logo reaktiviert wurde (das auch schon das Cover von "Verbotene Früchte" zierte), habe nichts mit Bob Dylan zu tun, erzählt er Thomas Venker und Mario Lasar.

Ich hatte den Eindruck, dass sich die Charaktere in den Songtexten alle in einem unausgeglichenen Schwebezustand befinden, der erst am Ende der Platte in "Murmel" aufgelöst wird zugunsten von etwas Versöhnlichem, das eine Art Fluchtpunkt bildet.
Fluchtpunkt, ja, kann sein. Obwohl das Ich in "Er" ja schon klar definiert ist. Bei "Murmel" geht es um eine Gemeinschaft von Leuten. Darum, dass sich eine Figur als Teil einer Gemeinschaft sieht, in der sich die einzelnen Mitglieder voneinander unterscheiden, aber auch Gemeinsamkeiten haben.

"Bleiben oder gehen" könnte man ja auch auf eine Gemeinschaft beziehen. Hat der Song etwas mit dem Ende von Blumfeld zu tun?
Nee, für mich jetzt so nicht, aber das hat neulich schon mal jemand gemeint. Bei den Interviews zum Ende der Band habe ich schon gemerkt, wie viele Leute den Schritt, Blumfeld aufzulösen, nicht nachvollziehen konnten. Ich glaube, dass das mit "Heavy" noch mal klarer wird. Beim Schreiben von "Verbotene Früchte" hatte ich schon gespürt, dass ich mich zu Aspekten, die ich auf den letzten drei Blumfeld-Platten thematisiert hatte, jetzt anders positionieren würde. Dass ich ein anderes Verhältnis dazu habe, als Musiker und als Mensch. Vor dem Hintergrund der sechs Blumfeld-Alben kam mir der Zeitpunkt, diesen 16 Jahre langen Song zu beenden, perfekt vor. Ich fand eigentlich, dass das Ende durch die Veröffentlichung der Box und der DVD zur Abschiedstour sehr behutsam verlief. Natürlich sind 16 Jahre eine lange Zeit, und es war ja eine Art Familiengefühl, speziell zu André natürlich, aber auch zu den anderen, die später dazukamen, die quasi adoptiert wurden. Nach der DVD gab es dann eine Phase, wo ich merkte, dass die Trennung auch privat noch mal vollzogen werden wollte, ja. Aber das lief alles in einem guten Tempo ab. Deswegen ist "Bleiben oder gehen" für mich in erster Linie ein Liebeslied.

Beschreibt "Murmel" das Bild einer globalen WG?
Vielleicht, ja. Kennt ihr diesen Film "Men In Black"? Die suchen ja dieses Universum, und keiner weiß, wo es liegt, und am Ende ist es in einer Glasmurmel, die einer Katze um den Hals hängt. Es ging mir um die Frage der Dimension. Wie dicht bist du an etwas dran? Welches Verhältnis nimmst du dazu ein?

Würdest du sagen, dass eine deiner grundsätzlichen Fragen die ist, wie die Menschen durchs Leben gehen?
Vielleicht früher zu Blumfeld-Zeiten mehr als heute. Auf der neuen Platte stelle ich mir diese Frage so nicht.

Aber in "Wohin mit dem Hass?" geht es doch schon um die Frage, ob man all das, was um einen herum passiert, so hinnimmt oder ob man nicht aufbegehren muss. Gibt es nicht heute viel zu viele Leute, die eigentlich aufbegehren müssten?
Weiß ich nicht, da bin ich zum Beispiel zwiegespalten. Natürlich könnte man sagen - und das schon seit vielen Jahren -, dass es verwunderlich ist, wie friedlich es hier noch zugeht angesichts zunehmender Entrechtung und Entmündigung. Man kann aber auch sagen: Wahnsinn, wie zivilisiert, bewusst und anständig. Ich bin da wirklich unentschieden. In "Wohin mit dem Hass?" wird das schon sehr drastisch beschrieben, auch aus diesem brodelnden Gefühl heraus, aber da bleibt der Song ja nicht stehen, genauso, wie er nicht stehen geblieben ist bei der Möglichkeit "ja, lass doch die Wagen einfach brennen". Das ist im politischen Sinne vielleicht ein probates Mittel zum Sichtbarmachen einer anderen Interessenlage, aber es hilft nicht gegen Hass. In dem Song stellt sich dann ja der Sänger, also ich, zur Verfügung und sagt: Könnt ihr mir geben, den Hass. Ich verwandle ihn für euch in etwas Schönes.

Aber dann sagst du, dass du diejenigen, die dir den Hass geben, allein lässt, das ist ja auch etwas zynisch.

Ich habe ja auch irgendwann mal Feierabend! Es muss halt jeder für sich selber wissen, was gut für ihn ist. Man muss sich zu dem bekennen, was man will. Leider wird breiten Teilen der Bevölkerung nicht viel Gelegenheit gegeben, zu einem Bewusstsein dessen zu gelangen, was sie wollen. Wenn das fehlt, kann man auch keine Wünsche artikulieren. Dann nimmst du das, was du kriegen kannst.

Man könnte ja auch denken, dass ein Weg, den die Platte als Problemlösungsstrategie anbietet, in Zweisamkeit besteht, auch im Sinne eines Rückzugsortes.
Nee. Also Liebe muss natürlich gerichtet und konkret sein. Wenn ich Stadionrockstar bin und über das professionelle Know-how verfüge, 20.000 bis 60.000 Menschen das Gefühl zu geben, dass jeder von ihnen gemeint ist, ja, dann ist das eine popstarmäßige Qualität. Das muss man auch erst mal können. Diese Liebe, die da ausgetauscht wird, ist für mich keine wirkliche Liebe. Wenn du alle lieben willst, liebst du keinen. Genauso wie du, wenn du von allen geliebt werden willst, die Liebe auch nicht erfährst. Liebe realisiert sich für mich in der Bereitschaft zur Hingabe und darin, den anderen nicht nur durch Bilder und Projektionen zu sehen.

Wobei es ja gerade bei Popmusik um Projektionen geht und das Reale eher verdrängt wird.
Ja, vielleicht gibt es deswegen auch die Kaugummi-Blase auf dem Cover. Oder den Bezug von Liebesliedern zu Nicht-Liebesliedern auf dieser Platte. Wir haben ja im globalen oder ökonomischen Zusammenhang die Erfahrung gemacht, die man auch im Alltag macht, nämlich zu sehen, was passiert, wenn die Projektionen, die Bilder, Illusionen und Vorstellungen, die an Dingen und Menschen haften, ja, sich in dem Moment auflösen, wo wir erkennen und verstehen - etwa, dass ein für ein Wertpapier gehaltenes Zertifikat nur ein Schuldschein ist. Oder dass es kein Götterlob mehr gibt. Dass diese ganzen Kräfte, Eros, Thanatos, Zeus, die in uns wirken, Ausdruck unserer Ambivalenzen und Widersprüche, Sehnsüchte und Begierden sind. Solange wir Dinge nicht verstehen, werfen wir Projektionen auf sie, und in dem Moment, wo das Erkennen einsetzt, werden die Projektionen auf uns zurückgeworfen. Dann erleben wir sie als Dämonen oder widerstrebende Kräfte, mit denen man alleine ist. Das gibt es in Beziehungen natürlich auch. "Ich dachte, du bist so." Das sind die Momente eines desillusionierenden Erkennens, um das es bei einigen Stücken auf der Platte zentral geht. Deswegen auch die erste Single "Lass uns Liebe sein" mit der Zeile "Ich träum den Traum noch mal", wo es darum geht, nicht dem Irrtum zu erliegen, dass es irgendetwas Realistischeres gäbe, wie uns das die in die Wirtschaftsteile abgewanderten Feuilleton-Metaphernhöfe suggerieren wollen. Im Sinne von: "Jetzt müssen wir uns der echten Realität wieder stellen." Selbst diese Texte und Aufrufe sind wieder neue geworfene Bilder im Versuch, unverstandene, als katastrophisch erlebte, ja, Situationen mit Sinn aufzuladen. Die Platte handelt von der Erkenntnis, dass es ohne Träume auch nicht geht.

Es konkretisiert sich Jochen Distelmeyers unverminderte Fähigkeit, auf höchstem Niveau sein Tun zu reflektieren. Natürlich ist an jeder Stelle klar, dass es ihm darum geht, die Situation zu kontrollieren. Wer selbst zur Projektionsfläche wird, dem sollte man nachsehen, wenn er Zuschreibungen, die man auf ihn anwendet, abwehrend begegnet. Er bleibt in diesem Land der wichtigste Repräsentant einer bewussten Popmusik, die nicht auf die Option verzichten will, Gefühle abzubilden. Nur vergleichbar mit Morrissey oder Dylan, ist Distelmeyer ein "selfmademan" ("So lebe ich"), der sich in ständig neue Beziehungen zur Welt setzt, woraus die Wandelbarkeit seiner Texte resultiert. Seine Sprache bildet dabei heute vielleicht eher Realität ab, als dass sie eine eigene generiert, aber dafür ist sie auch weniger narzisstisch. Und "Heavy" ist ein tolles Album.