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»In der heutigen Zeit passieren unfassbare Tragödien«

Im Gespräch mit Juanita Stein

2017 erschien mit »America« das großartige Solo-Debüt der Howling-Bells-Sängerin Juanita Stein. Im August veröffentlicht sie nun ihr zweites Album »Until The Lights Fade«. Dirk Hartmann traf Juanita Stein zum Gespräch über ihre Solokarriere, starke Frauen und die Kraft von Kunst.

Geschrieben am

Im Juli des letzten Jahres hast du dein erstes Soloalbum »America« veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass du Solopfade eingeschlagen hast?

Es war klar, dass es irgendwann passieren würde. Es ging nur um den richtigen Zeitpunkt. Ich musste genug Zeit zwischen Familienleben und Karriere finden, um das Album aufzunehmen. Ich habe es eigentlich schon früher eingespielt, aber Juli war der richtige Zeitpunkt, um es in die Welt zu entlassen.

Du hast vorher mit Howling Bells vier LPs herausgebracht. Warum gab es keine weitere Howling-Bells-Platte?

Wir hätten bis zum Ende unseres Lebens damit weitermachen können, Alben zu veröffentlichen. Aber an einem gewissen Punkt habe ich gespürt, dass es wichtig ist, einen unabhängigeren Weg zu verfolgen und zu schauen, wie es klingen würde, wenn ich etwas Eigenes machen würde. Ich denke, dass dieser Idee eine natürliche Neugier zugrunde liegt. Aber auch die anderen Bandmitglieder wollten ihren eigenen Weg gehen.

Was ist für dich der größte Unterschied zwischen Howling Bells und deinem Soloprojekt?

Wenn man es anhand der Elemente Feuer und Wasser betrachtet, die bei Howling Bells eine wichtige Rolle spielen, dann enthält mein Soloalbum mehr Wasser. Es ist etwas sanfter und freier. Ich fühle mich weniger gezwungen, eine spezielle musikalische Richtung fortzuführen. Ich muss nicht auf eine bestimmte Art und Weise klingen, sondern kann meinen eigenen Weg verfolgen.

Welchen Einfluss hatte es auf deine Musik, von London nach Brighton zu ziehen und Mutter zu werden?

Mutter zu werden, hat auf jeden Fall eine Menge Druck von meinen Schultern genommen. Denn es gibt in diesem Universum für eine Mutter letztendlich nichts wichtigeres, als Kinder zu lieben und aufzuziehen. In Bezug auf die Kunst profitiert man wirklich davon, dass man sich etwas entspannter und weniger eingeengt fühlt. Genau genommen hatte ich das Gefühl, mehr Möglichkeiten wahrnehmen zu können, weil ich weniger Bedenken hatte.

Warum hast du dich entschieden, von London nach Brighton zu ziehen?

Als wir zuerst mit Howling Bells nach London gegangen sind, haben wir nach sechs Monaten unsere Sachen gepackt, um nach Brighton zu ziehen, weil es dort billiger ist. Das hat sich für uns damals ausgezahlt. Nachdem wir dann wieder zurück nach London sind, habe ich mich nach einigen Jahren entschieden, die Stadt erneut zu verlassen, weil es dort sehr hektisch und teuer ist. Wenn man Kinder hat, fängt man an, sich etwas mehr Platz zum Leben zu wünschen. Dadurch, dass ich bereits eine Verbindung zu Brighton hatte, ergab es für mich Sinn, wieder nach Brighton zu ziehen. Außerdem gibt es in Brighton eine große Musikszene. Das war natürlich sehr wichtig für meine Entscheidung.

Wie sehr hat die gegenwärtige politische Situation in den USA »America« beeinflusst?

In keinerlei Hinsicht. Ich wurde überhaupt nicht durch politische Ereignisse angetrieben. Mein Album ist stattdessen beeinflusst von meiner kulturellen Faszination für Amerika. Bereits seit meiner Kindheit bin ich gewissermaßen besessen von dieser amerikanischen Idee, diesem fantastischen Traum, der möglicherweise komplett unerreichbar ist. Man strebt man permanent nach einer Perfektion, die man niemals erreichen wird. Das macht das ganze für mich sehr interessant.

Dein Song »Florence« basiert auf dem Foto »Migrant Mother« von Dorothea Lange. Was symbolisiert dieses Foto für dich in Zeiten, in denen Millionen Menschen nach Europa flüchten?

Es ist ein wirklich wichtiges Bild. Ich bin eigentlich davon überrascht, dass es gegenwärtig nicht noch mehr Bedeutung erlangt hat. Denn es gibt bedeutende Parallelen zur Großen Depression in den USA in den 30er-Jahren, in denen Menschen verdrängt und zu Migranten in ihrem eigenen Land wurden. Das passiert definitiv auch zum jetzigen Zeitpunkt. Die Flüchtlingskrise und die damit verbundenen Flüchtlingscamps in Calais sowie die Geschehnisse in Syrien zerreißen einem völlig das Herz. Man wird selbst Mutter und kann parallel dazu keinen Job ausüben. Aber dann sehe ich diese anderen Frauen, die flüchten müssen und frage mich, wie sie es schaffen, durch den Tag zu kommen. Wenn ich mir das Foto von Dorothea Lange anschaue, fühle ich plötzlich exakt dasselbe. Florence Owens Thompson hatte zehn Kinder, und sie besaß nichts. Sie hat ihre Kinder einfach von Flüchtlingscamp zu Flüchtlingscamp geschleppt. Da sehe ich keinen Unterschied zu der Situation von den Frauen, die heute flüchten müssen. In der heutigen Zeit passieren unfassbare Tragödien. Vielleicht habe ich unbewusst gespürt, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, sie und das Foto wieder in unser Bewusstsein zu rufen.

Die meisten Charaktere in deinen Songs sind starke Frauen. War das eine bewusste Entscheidung?

Nein. Ich habe mit »Until The Lights Fade« gerade ein neues Album aufgenommen, das im August erscheinen wird. Ich habe erst gestern mit jemandem darüber gesprochen, der mir dabei hilft, die Bio dafür zu schreiben. Als er mich nach den Stücken gefragt hat, ist mir aufgefallen, dass viele Charaktere in den Songs wieder von sehr starken Frauen handeln oder von Frauen, die diese Stärke finden müssen. Augenscheinlich bin ich damit am meisten verbunden, denn ich empfinde als sehr starke Frau. Und ich fühle mich sehr traurig, wenn ich bestimmte Frauen sehe, die diese Stärke nicht in sich finden können. Aber ich weiß, dass sie vorhanden ist. Wenn ich einen Weg finde, diese Frauen zu befähigen, diese Stärke zu finden, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Du gehst davon aus, dass jede Frau diese Stärke in sich trägt?

Ja, es ist eine kleine Flamme, die lodert. Für einige Leute ist sie entzündbarer als für andere. Ein Leben voller Unterdrückung wird diese Flamme kleinhalten. Musik und Kunst können wirklich unglaublich kraftvoll sein und Menschen Stärke verleihen. Das ist das, was ich in meinem Leben erfahren habe. Das hat mir Kraft gegeben.

Wie erklärst du dir, dass 53 Prozent der weißen amerikanischen Frauen für Trump gestimmt haben?

Das ist eine wirklich gute Frage. Ich vermute, dass ich die Antwort darauf nicht weiß, weil ich ihn niemals gewählt hätte. Um noch einmal auf unsere Konversation über starke Frauen zurückzukommen: Ich bin mir nicht sicher, wie man stark man tatsächlich ist, wenn man für jemanden stimmt, der gegenüber deinem Geschlecht keinerlei Respekt zeigt. Wenn man so jemanden wählt, kann man nicht besonders stark sein. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass diese Frauen auf irgendeine Art und Weise aufgrund ihrer Lebensumstände in eine bestimmte Richtung gedrängt wurden, weil ihre Ehemänner oder Kinder große Trump-Anhänger sind. Ich für meinen Teil könnte nie jemanden unterstützen, der mich nicht respektiert. Denn darauf kommt es letztendlich an. Ich kann natürlich verstehen, dass man als schwarze Frau, die in Amerika lebt, Trump nicht wählt. Aber wieso macht das für weiße Frauen einen Unterschied? Er spricht dermaßen respektlos über alle Frauen. Das ergibt für mich überhaupt keinen Sinn.

Du hast im Februar die »America«-Akustik-EP veröffentlicht. Was war die Idee dahinter?

Ich denke, dass das etwas ist, was ich bisher noch nie gemacht habe. Außerdem schreibe ich alle Songs auf meiner Akustik-Gitarre in meinem Schlafzimmer. Es geht darum, dass ich mich in meinem persönlichen Bereich befinde, an dem ich mich am wohlsten fühle. Die Stücke, die man auf der EP hört, klingen ziemlich genau wie die Demo-Versionen. Ich dachte, dass es schön wäre, eine unglamouröse Version der Songs zu veröffentlichen.

Besteht noch Hoffnung auf ein neues Howling-Bells-Album?

Wir haben noch nicht wirklich darüber gesprochen. Aber wir stehen weiterhin im Austausch. Wir machen einfach eine längere Pause. Es ist nicht unmöglich, dass wir eine weitere Platte aufnehmen werden. Aber momentan ist es für mich wichtiger, mein Soloprojekt zu verfolgen.

Juanita Stein

America

Release: 28.07.2017

℗ 2017 Nude Music Ltd