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Aus dem Archiv: Lou Reed im Gespräch

»Ich war es schliesslich, der die ganze Chose erfunden hat!«

Intro-Autor Boris Fust traf 1996 im Hamburger Vierjahreszeiten Hotel einen gewohnt grantigen Lou Reed und sprach mit ihm über sein Album »Set The Twilight Reeling«, deutsche Techno-Heinis und - natürlich - den Big Apple...
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Seit dem Split 1970 betätigt sich VU-Gitarrist und -Sänger Lou Reed als Nachlassverwalter. Auf den alldieweil erscheinenden Soloscheiben schreibt er die Geschichte mit dem Plot irgendwo zwischen Experimental-Krach, Kitsch und Konsens-Rock’n’Roll fort. Manchmal gelingt nichtsdestotrotz die eine oder andere unerwartete Wendung. Alben wie »Metal Machine Music«, « »Songs For Drella« (eine Homonage an den Velvet Underground-Mentor Andy Wahrhol, zusammen mit John Cale) oder »Magic And Loss« sind Meilensteine seines solistischen Schaffens, zum einen rigoros verfolgter konzeptioneller Geschlossenheit wegen, zum anderen der immer mal wieder fälligen Emanzipation vom übermächtigen Erbe wegen. Wie auch immer, der kommerziell geliebte Reed ist ein anderer, der, der das nicht unschwülstige »Satellite Of Love« schrieb, oder derjenige, der ‘89 mit »New York« den Standardreiseführer für Abenteuer-Hungrige seiner Generation herausgab. Als eben dieser meldet sich Lou Reed zurück, auch wenn die erste Singleauskopplung aus »Set The Twilight Reeling« »Hookywooky« heisst und nicht: »NYC Man«. Was Sound, Thematik, Komposition und Line-up betrifft, gelingt der Anschluss an den ‘89er-Status quo so reibungslos, fast, als hätte es namentlich »Magic And Loss« nie gegeben.

 

 

Geraumer Zeit bedurfte es, sich erneut als athletisches »Rock’n’Roll Animal« - so will es der T-Shirt-Aufdruck im aktuellen »Hookywooky«-Video - zu gerieren. Zum Interview hat sich das »Rock’n’Roll Animal«, offenbar soeben wenn nicht dem Schlafsaal der Geschichte, so doch zumindest einem ordinären Federbett im Hamburger »Vierjahreszeiten« entstiegen, hinter einem rustikalen Schreibtisch verschanzt, der ihm als eine Art Gerichtsbank dient, von wo aus er den ersten lästigen Fragereien entgeht, indem er bei dem im Nachbarraum eingekerkerten Promo-Tross unbarmherzig und lautstark Mineralwasser einklagt. »Wenn jemand das Recht hat, dieses Shirt zu tragen, dann ja wohl ich. Ich war es schliesslich, der die ganze Chose erfunden hat!« Dass der Rock’n’Roll genuin völlig anderen Plätzen entstammt als dem von ihm verehrten und gleichzeitig gehassten New York, lässt er nicht gelten, ebensowenig die Tatsache, dass seine Verdienste eher mit den untergeordneten Begriffen wie Underground oder Avantgarde zu tun haben, was nicht minder ehrenvoll sein muss. Neinnein, jaja, scharr scharr. Mit derartigen Termini möchte sich ein Herr Reed schon gar nicht herumschlagen müssen: »Es gab keinen Rock’n’Roll vor mir!« Überhaupt sei alles lediglich Musik, nichts weniger, nichts mehr, Punktum, ob es denn dazu irgendwelche Fragen gäbe. Videos und der ganze andere Schmarren, »tons of fun, anyway«, er schreibe jedoch Songs und sähe zu, sie angemessen zu performen. »Niemals« lasse er sich und seine Musik von derartigen Sachen beeinflussen: »Meine Songs sind bildhaft genug. Es ist leicht, Videos daraus zu machen. Das liegt aber nicht primär in meiner Intention.« Alles, was dem Song als solchem nachfolgt, ist bei Lou Reed ohnehin eine Art Bonus. Ob Video, Linernotes oder er selbst als lebende Auskunftei während eines Interviews - völlig unnötige Dreingabe. Any questions?

 

Ja, nein, weiß nicht

 

Zum Beispiel die, wozu das alles, der Rock’n’Roll, seine angebliche Erfindung durch Lou Reed und das bunte Entertainmentgehampel drumherum, überhaupt gut sein soll. Zumindest in Amerika dürfte Lour Reed der »Parental Advisory«-Sticker einmal mehr sicher sein. Der Track »Sex With Your Parents Part II« enthält im Titel den Zusatz »Motherfucker«. Für katholische Elternmilizen dürfte dies bereits Anlass genug sein, eine übersichtliche Display-Präsentation der Scheibe unter dem Ladentisch durchzusetzen. Das nach eben jenen benannte Judas Priest-Syndrom ist auf der anderen Seite des Teiches nicht totzukriegen. Der tatsächliche Songinhalt, nämlich der routinemäßige Angriff auf wertkonservative, republikanische Weltsicht und daraus resultierende politische und gesellschaftliche Zustände, dürfte dort von den Angegriffenen noch nicht einmal wahrgenommen werden. Kann unter diesen Umständen der von Reed für sich reklamierte Rock’n’Roll in der Tat noch relevant, »gefährlich« sein? »Wir leben im Jahre 1996«, erkennt Reed richtig. »Warum sollte sich jemand um politische oder sonstige Inhalte von Songs aufkacken? Allein Long Island misst zehn Meilen oder wie viel. Und da soll sich irgendjemand ‘nen Kopf machen über das, was auf einer Platte ist?! Niemand wird ernstlich glauben, meine Platte sei in irgendeiner Hinsicht gefährlich. It’s a joke!« Und so ist die vormals auf »New York« genuschelte Zeile von der Plastiktüte »with Latin written on it saying: It’s hard to give a shit these days« wohl doch alles andere als komisch gemeint. Gesang als klanggewordener kategorischer Imperativ kommt für Lou Reed dem Vernehmen nach nicht oder nicht mehr in Frage, Musik als Vehikel für die »Big Message« - oder überhaupt irgendwas - hat demnach ausgedient. Was bleibt? Wenigstens der Rückzug ins kleine, urbane Privatissimum? »Ich werde einen Deubel tun! Ich gebe doch nicht via Tonträger meine Ängste, Sorgen und Nöte zu Protokoll. Die gehen ohnehin niemanden etwas an.« Es geht also allenfalls um mehr oder minder diffuse Befindlichkeiten. »Das, was ich versuche, ist lediglich eine Momentaufnahme zu schießen, wenn ich im Studio arbeite. Dieser Versuch hat jetzt wieder zweieinhalb Jahre gedauert. Eine ganze Menge Zeit, die nur damit draufgegangen ist, es anderen Ohren zu ermöglichen, dieselben Dinge zu hören, die ich bereits im Geiste vorweggenommen habe. That’s all.«

 

It’s Hard To Give A Shit These Days

 

Es ist dies für Lou Reed größtenteils eine Frage des Sounds. »Set The Twilight Reeling« ist das erste Album, das komplett digital aufgenommen wurde. Einigermassen verwunderlich, galt Reed doch die ganze vergangene Dekade als eine Art Vordenker der aussterbenden Analog-Fraktion. »Das Equipment hat sich geändert«, heißt es lapidar aus seinem Mund, »diesmal ist der Sound wirklich perfekt. Das erste Mal habe ich nicht die Einschränkungen in dieser Frage zu machen wie sonst immer. Der Klang ist so dick, so breit, ein dreidimensionales Erlebnis. Ist das hier vielleicht mal jemandem aufgefallen?!« Augenfällig ist jedenfalls die relativ neuartige und nahezu dekadente Ausdeutung von Low-Fi, die bestimmend gewesen sein muss. Dreck liegt heuer nicht mehr auf der Strasse. Dreck wird Downtwon New York im eigenen »Roof«-Studio gemacht mit ausgeklügelter Digitaltechnik (»Ich bin technisch weder begabt noch interessiert, deswegen brauche ich immer so lange!«), Custom-Gitarren und »Soldano«-Amps. »Ich kann unmöglich außerhalb von New York aufnehmen. Das habe ich einmal gemacht und nie wieder! Erstens fingen wir damals erst abends um elf mit den Rehearsals an, weil der Laden tagsüber die ganze Zeit besoffen war. Zweitens ist in der Stadt alles nur ein paar Häuserblocks entfernt. Was mache ich auf einer abgelegenen Farm, wenn ich urplötzlich eine spezielle Twelve-String ausprobieren möchte? Oder mir der alte Fender abpfeift? Außerdem brauche ich die Energie dieser Stadt. Ich lebe gern in NY.« Und sein Kommentar bei seinem Gastauftritt in »Blue In The Face«, als er behauptet, alle New Yorker seien grundsätzlich bestrebt, den Millionen-Moloch hinter sich zu lassen, nur zu dumm, zu faul, zu städtisch, um Nägel mit Köppen zu machen? »Ein Witz«, und zwar einer, den er selbst offenkundig nicht besonders zu goutieren weiß.

 

 

Und so schnitzt Reed auf »Set The Twilight ...« weiter an seiner umfassenden Liebeserklärung an die Stadt, seit undenklichen Zeiten einer der Kernpunkte seines Oeuvres. Sämtliche Songs kreisen um dieses Leitmotiv, die Schauplätze sind stets verschiedene, aber immer deutlich als NY-zugehörige gekennzeichnet. Die Würdigung kulminiert in »NYC Man«, ein Stück, das auch musikalisch ein wenig aus dem Rahmen fällt. Ein Rahmen, der eng und sehr Reed-typisch gesteckt ist. Lou Reed fühlt sich seit neuestem in der Triobesetzung mit Drummer Tony Smith und dem alten Bekannten Fernando Saunders am wohlsten. Beide haben sich als Rhythmusgruppe schon geraumere Zeit an anderer Stelle aufeinander eingeschossen und verrichten ihren Job cool und zurückhaltend. Ihre Spezialität ist der lockere bis brüchige Groove, menschlich bis fehlerhaft, beides Eigenschaften, die für Lou Reeds Musik bekanntlich unabdingbar sind. Dementsprechend ist es unmöglich zu eruieren, ob Tony »Thunder« Smith sich beim Opener »Egg Cream« bei einem Übergang tatsächlich achtelmässig um den Betrag eins verrechnet oder ob er den Break absichtlich nicht vor der ersten Zahlzeit abschließen mag, um für einen Effekt zu sorgen, den der Meister selbst vermutlich »joke« nennen würde. Auf seine Begleiter lässt Reed nichts kommen: »Die sind absolut perfekt. Mit den beiden live im Studio zu spielen (live on stage übernimmt Mike Rathke einige zusätzliche Gitarrenparts, A. d. V.) ist echt ‘n Ding. ‘Set The Twilight’ ist ein Bandalbum, kein idolatrisches Solodingens.« Freilich wird Reeds Gitarre geflissentlich der Vortritt gelassen. Sie changiert wie gehabt zwischen Hendrixschem Gut (»Riptide«) und JJ. Cale-Plagiat (der Rest der Platte). However, auf »NYC Man« dominiert urplötzlich ein hipper »funky drummer«-Groove und ein nicht minder hipper Bläsersatz verschafft sich Raum. Hat da wer neuerliche Pop-Entwicklungen zur Kenntnis genommen? »Ich mag so’n paar deutsche Techno-Heinis, great stuff. Bei der Einführung in die ‘Rock’n’Roll Hall Of Fame’ ‘96 habe ich mit Soul Asylum gespielt.« Und abgesehen von diesem dem ‘95 verstorbenen VU-Gitarristen Sterling Morrison gewidmeten Auftritt, weitere Kontakte zu today’s pop mit etwaiger Relevanz für die eigene künstlerische Arbeit? Achselzucken. »Mache ich mir keine Gedanken. Wie auch sonst nicht.« Füßescharren.

 

Aus Intro #36 / Februar 1996