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Neneh Cherry im Interview

»Ich sprang aus dem Wagen und pinkelte gegen die Mauer«

1988 vereinigte Neneh Cherry mit dem Überhit »Buffalo Stance« Rap und Pop, auch ihre Single »Manchild« eroberte weltweit die Charts. Jetzt steht offiziell ihr Comeback an, wie sie Verena Reygers verriet. »Blank Project« ist Neneh Cherrys erstes Soloalbum seit 18 Jahren, und es offenbart viele Berührungspunkte mit zeitgenössischen Künstlern wie Robyn und Four Tet.
Geschrieben am

West-Berlin

 

Neneh Cherry macht einfach nie das, was man von ihr erwartet. Heute nicht und zu Beginn ihrer Karriere erst recht nicht. Oder warum pinkelt man als angehender Superstar an die Berliner Mauer? Die Mauer stand jedenfalls noch, als Cherry vor der Veröffentlichung ihrer ersten Single nach West-Berlin kam, hochschwanger mit ihrer zweiten Tochter Tyson und geplagt von den entsprechenden Begleiterscheinungen wie starkem Harndrang. »Wir saßen im Auto, und ich rief unserem Fahrer zu, er solle auf der Stelle halten«, erinnert sie sich beim Interview 25 Jahre später. »Ich sprang aus dem Wagen und pinkelte gegen die Mauer. Mein ätzender Urin hat sie gekillt«, lacht Neneh Cherry. Kurz nach dieser Episode erschien »Buffalo Stance«, der Song, mit dem Neneh Cherry Pop mit Rap vereinte und der sie zu einem der markantesten Popstars der 1990er-Jahre machte.

 

 

Ost-Berlin

 

Neneh Cherry war schon immer ein etwas anderer Star. Einer, dem selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität stets die Affinität zu Punk anhing. Das sorgte zu jenen Zeiten zwar dafür, dass ihre Karriere-Zwischenschritte für viele nicht nachvollziehbar waren, es sorgte aber auch dafür, dass nach dem Ruhm kein Absturz folgte. Denn auch wenn mit »Blank Project« jetzt Neneh Cherrys erstes Soloalbum seit 18 Jahren erscheint, so war sie in der Zwischenzeit doch nie untätig, nur eben in anderen Kontexten aktiv – immer suchend und forschend, an neuen Erfahrungen und Grenzüberschreitungen interessiert.

Ein Vierteljahrhundert, nachdem sie für den Fall der Mauer gesorgt hatte, führt »Blank Project« Neneh Cherry wieder nach Berlin, anders als damals residiert sie jedoch im östlichen Teil der Stadt. Das Hotel versucht mit seiner heruntergekommenen Fassade noch etwas Ost-Chic zu repräsentieren, das Interieur spricht aber glasklar den Slang des hippen Berlin der Gegenwart. Neneh Cherry schlendert durch die Lobby, das Handy am Ohr, raunt abwechselnd »cool« und »shit« – gänzlich entspannt und mit ihren fast 50 Jahren immer noch so »lässig« wie in den 1980er-Jahren. Trotzdem scheint außer mir niemand Notiz von der Frau zu nehmen, deren Unaufgeregtheit nur von der Widerspenstigkeit ihrer Locken gebrochen wird. »Nein«, antwortet Neneh Cherry auf die Frage, ob sie in Hotellobbys früher für mehr Aufsehen gesorgt habe. »Es war nie so, dass die Leute schreiend auf mich zugestürmt sind, wenn ich unerwartet irgendwo auftauchte.« Dann hält sie einen Moment inne und fügt mit ironischem Lächeln hinzu: »Vielleicht stimmt was nicht mit mir.«

 

Vermutlich liegt es daran, dass sie den Ruhm nie zelebriert hat, sich stattdessen auf ihr Privatleben konzentriert. Damit pflegt Neneh Cherry das Erbe einer auf die Kunst fixierten Familie, angeführt von ihrer Mutter, einer schwedischen Malerin, und ihrem Stiefvater, dem legendären Free-Jazz-Musiker Don Cherry. Wer schon als Kleinkind mit Ornette Coleman oder Miles Davis abhing, den kratzt die Effekthascherei des Showbusiness’ wenig. »›Buffalo Stance‹ war ein großer Hit und hat bis zu einem gewissen Grad mein Leben verändert, aber ich war danach immer noch ich: die Person, die morgens aufsteht und abends zu Bett geht.«Nach ihrem Erfolgsdebüt »Raw Like Sushi« von 1989 veröffentlichte sie nur noch zwei weitere Alben: 1992 »Homebrew« und 1996 »Man«. Richtig zu Hause gefühlt habe sie sich im Mainstream-Popbetrieb nie, räumt Cherry ein. Stattdessen spürte sie den wachsenden Druck auf sich, ein kommerziell erfolgreiches Produkt abliefern zu müssen. »Ich wollte nicht die Motivation aus den Augen verlieren, die mich ursprünglich dazu gebracht hatte, Musik zu machen«, sagt sie. »Also musste ich mich zurückziehen, um herauszufinden, was ich machen will.« Neben einzelnen Solo-Auftritten setzte sie auf Kollaborationen mit so unterschiedlichen Künstlern wie Massive Attack, Peter Gabriel, Gorillaz, Craig Armstrong und Timo Maas. Mitte der Nullerjahre, als die Familie und ihre mittlerweile drei Kinder es zuließen, gründete sie die TripHop-Band CirKus, die zwischen 2006 und 2009 die Alben »Laylow« und »Medicine« herausbrachte. 2012 folgte mit der Free-Jazz-Band The Thing das Album »The Cherry Thing«.

 

Etwa zur gleichen Zeit entstanden auch die ersten Songs, die zu »Blank Project« führten. Noch ohne festes Konzept, zu Hause auf dem Bett mit Papier und Stift: »Ich funktioniere am besten in einem Umfeld, das eine gewisse Freiheit und Spontaneität erlaubt«, so Cherry. Dass Songs aus dieser ersten Phase wie »Spit Three Times« und »Across The Water« in der späteren Albumversion mit rohen Loops aufwarten, die auf schroffe elektronische Klippen stoßen, ahnte Cherry zu diesem Zeitpunkt nicht, findet es rückblickend aber passend. »Es geht nicht darum, den heißesten Scheiß abzuliefern, das überlasse ich den 19-Jährigen – wenn ich mich auch gerne von ihnen inspirieren lasse.«

 

Neuanfang mit Tradition

 

Neneh Cherrys Output war immer schon von gegensätzlichen Genres beeinflusst: Rap und Pop, Soul und Punk, TripHop und Lo-Fi. In dieser Tradition mäandert »Blank Project« zwischen experimentellen Soundscapes und Drum’n’Bass-Beats, einmal mehr getragen von der Stimme der Künstlerin. Verstärkt hat diese rohe Soundlandschaft Kieran Hebden, auch bekannt als Four Tet. Cherry ist ein großer Fan von Hebdens Band Fridge und wollte schon lange mit ihm zusammen arbeiten. Anfangs waren nur drei gemeinsame Songs geplant, aber »Kieran ist einfach ein Typ, der eine Sache von Anfang bis Ende durchzieht«. Und es war auch Hebden, der RocketNumberNine mit ins Studio brachte. Die Brüder Tom und Ben Page »machen im Grunde Dance-Music, aber voller Tribal-Rhythmen, ein bisschen abgefahren mit einem Hang zur Improvisation, aber auf einem soliden Fundament«, beschreibt Neneh Cherry den Sound, der »Blank Project« maßgeblich prägte. Lediglich fünf Tage lang zog sich das Team in Hebdens Studio zurück. Die Page-Brüder bauten ihr Equipment aus Samplern, Sequenzern und Keyboards auf. Die digitalen Soundscapes wurden zusammen mit Cherrys Gesang und Schlagzeug live eingespielt.

 

»Es ist nicht so, dass wir einander gesucht hätten, aber wir haben uns gefunden«, drückt Cherry es aus und fügt hinzu, dass sie von Anfang an gefühlt habe, wie die Platte klingen solle, ohne es aber beschreiben zu können. »Ich wollte stärkere Ecken und Kanten, aber auch eine spontane Atmosphäre, die weniger nach Anstrengung als nach Selbstverständlichkeit klingen sollte. Es war klar, dass wir diese elektronischen Beats brauchen.« Und so kam es zu dem spannenden musikalischen Trip, der in dem finalen Song »Everything« mit seiner furiosen digitalen Free-Jazz-Improvisation mündet. Als Krönung schaute mit Robyn noch ein aktueller Superstar auf einen Song vorbei – ganz gemäß der guten alten Tradition im Hause Cherry, die schon früher Gäste wie Michael Stipe, Guru und Youssou N’Dour einlud. Die Schwedin singt auf »Out Of The Black«, dem tanzbarsten Stück des Albums. »Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ich eine Gastsängerin habe«, stellt Cherry am Ende unseres Gesprächs leicht entsetzt mit ungläubigem Kopfschütteln fest. Da hat sie sich sogar selbst überrascht.

 

Neneh Cherry »Blank Project« (Smalltown Supersound / Rough Trade / VÖ 28.02.14)

 

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