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Oma Hans live

Ich mache einen Star aus dir

19.02.05, Köln, Gebäude 9 Es ist etwa anderthalb Jahre her, da berichtete ich an dieser Stelle schon einmal von einem Konzert der Hamburger Punkband Oma Hans aus der Deutzer Fabrikhalle. Das Konzert von damals, im Rekordhitzesommer 2003, war schlicht und einfach Weltklasse gewesen. Man könnte auc
Geschrieben am
19.02.05, Köln, Gebäude 9

Es ist etwa anderthalb Jahre her, da berichtete ich an dieser Stelle schon einmal von einem Konzert der Hamburger Punkband Oma Hans aus der Deutzer Fabrikhalle. Das Konzert von damals, im Rekordhitzesommer 2003, war schlicht und einfach Weltklasse gewesen. Man könnte auch sagen, dass es meine Befindlichkeiten in ihrem Kern traf (beseelt durch den erfrischend lauen Sommerabend). Nun habe ich es mir aber irgendwann zur lieben Gewohnheit gemacht, tolle Bands nicht unbedingt zweimal anzusehen, von ein paar gut begründeten Ausnahmen abgesehen. Wie sollen Oma Hans mich denn bitte ohne jeglichen Naivitäts-Bonus nochmal so umhauen wie damals? Egal, wer hat gesagt, dass ich meine Prinzipien ernst nehme?

Oma Hans haben sich für diesen Abend wieder besondere Verkleidungen ausgedacht. Sie gehen als Pirat, Emir, jüdischer Gläubiger und Peta Devlin. Eigentlich bedarf es gar keiner Peta-Devlin-Verkleidung, denn sie ist ja im Original Teil der Band. Aber weil sie gerade ein Kind mit sich herumträgt, wird sie für diese Tour vom ehemaligen Dackelblut-Bassisten Wieland vertreten. Dafür ist Schlagzeuger Armin wieder von seinem Kampf mit einem Zaun genesen, der ihn noch für die Albumaufnahmen außer Gefecht gesetzt hat.

Der einzige Makel an diesem Konzert bleibt das Fehlen des weiblichen Gesanges, der auf den Platten die Songs so angenehm akzentuiert. Petas Textpassagen werden vom Gitarristen Andreas übernommen, der sich auch alle Mühe dabei gibt. Ansonsten hat der Gig wieder all das, was nur ein Oma Hans-Gig kann: Eine mal brachiale, mal hochemotionale Atmosphäre, die typisch rasant hohe Schlagzahl an Songs und einen wild mit seinen Armen wedelnden und stimmlich angeschlagenen Jens Rachut, mit Fugazi-T-Shirt und weißer Schirmmütze an. Er interpretiert seine unheimlich gegenwärtigen Texte gehetzt wie immer. Besonders schön wird es, als Rachut am Ende des Gigs beseelt lächelt, sich umfassend bedankt und dadurch seine Pose des Präzisen und Unbarmherzigen abwirft. Auf einmal wirkt er dankbar und berührt, Regungen, in denen sich der hünenhafte Sänger auf der Bühne fast nie zeigt. Grund dafür ist sicherlich, dass das Gebäude 9 zu Oma Hans perfekt passt, obwohl es nicht gerade in den Ruf der Punk-Kaschemme trägt. Aber gerade die distanziert-lamoyante Art eines weitgehend Indie-sozialisierten Publikums schafft eine Aura dessen, was Oma Hans bei all ihrer lyrischen Agitation sehr schätzen: Respekt. Etwas, das ihnen in den kumpelig-versoffenen Punk-Juzes, in denen sie sonst oft spielen, nur bedingt entgegen gebracht wird. Ich erinnere mich z.B. an einen fuchsteufelswilden Rachut, als er während eines Konzertes im AZ Mülheim von wild tanzenden Punks unabsichtlich mit Bier bespritzt wurde.

Das verdienstvolle Kölner Stadtmagazin Stadtrevue hatte das Konzert mit dem Hinweis angekündigt, dass Oma Hans den Punkrock nun ja hinter sich gelassen hätten und sich verstärkt dem NoWave, der großen Geste und der romantischen Verbitterung widmen würden. Dieses Konzert bestärkte mich aber in meiner Ansicht, nicht einsehen zu können, warum Oma-Hans-Musik kein Punkrock sein soll. Es kann jedenfalls kein Grund sein, dass die Hamburger ihre Songs so ungeschminkt, aufrüttelnd und in jeder Hinsicht relevant gestalten. Auch wenn das außer ihnen wohl kaum noch jemand in dem Genre hinbekommt.
Ein Begleiter meinte am Ende des Konzertes, ein Oma Hans-Gig sei, als ob man nach Hause käme. Ich schaffe es hier nicht, das genauer zu erklären. Aber für mich ist es wahr.