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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Es ist immer schwieriger, Musik im Fernsehen zu präsentieren.«

David Bowie im Gespräch

Im Sommer 2002 traf Intro David Bowie. Für unser Heft eine Sternstunde mit dem Blackstar. Ein Gespräch über Bowies Zeit in Berlin, Authentizität und Inszenierung. Auch nach 13 Jahren bemerkenswert relevant.
Geschrieben am
Die Amerikaner spinnen. Da will man das Land gerade mal für vier Tage betreten und wird dafür bei der Einreise stundenlang gelöchert, ja fast verhört. Wobei es fast schon wieder versöhnlich wirkt, dass es selbst ein Interview mit David Bowie einem nicht leichter macht, rein zu kommen in das gelobte Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Bei der Einreise sind eben alle gleich. Damit allerdings nicht genug. Der Kerl hinter dem Schalter legte gleich noch eine weitere Stufe der Verachtung drauf und gab zu verstehen, dass Bowie doch alt und langweilig sei, und er stattdessen lieber ein Interview mit dessen Frau anregen möchte. Das sei doch das ehemalige Topmodel Iman und, wie er es ausdrückte, ein hot chick. Selbstredend, dass ich trotzdem mit Bowie sprach.

Was für eine Art Magazin ist das? So was wie der Rolling Stone?

Nein, ein bisschen anspruchsvoller und auch schmissiger sind wir schon ...
Das war hart, aber deutlich. [lacht]

In Deutschland ist vor kurzem ein Buch von Jürgen Teipel erschienen, das die Geschichte der deutschen Punkbewegung aufbereitet. Du hast ja zu dieser Zeit noch in Berlin gelebt und bist der Stadt seitdem auch immer sehr verbunden geblieben - hast du auch die Ereignisse in Düsseldorf und anderen Städten wahrgenommen?
Oh ja. Absolut. Die Arbeit von Conny Plank war schon Mitte der 70er, als ich noch in Amerika gelebt habe, sehr wichtig für mich. Auch was Brian Eno später mit Leuten wie Cluster und Harmonika aufgenommen hat. Ich glaube sogar, dass ich ihn in diesen Düsseldorf-Conny-Plank-Kontext eingeführt, die Zusammenarbeit zwischen ihnen angeregt habe. Ich habe während meiner Los-Angeles-Phase immer versucht, Importplatten zu bekommen. Die europäische Musik war wichtiges brainfood für mich. Ja, ich habe Düsseldorf sehr genau verfolgt und mochte viel davon. Das ging aber schon früher los. Ich habe auch schon Tangerine Dream und Can geschätzt. Sie haben damals eine andere, wirklich neue Sensibilität in die Musik gebracht, wie wir sie in Amerika nicht kannten. Ich habe mich schon immer mehr als Europäer gefühlt.

Das kann ich mir gut vorstellen. Gerade dieses Miteinander von Kunst und Musik muss dich damals interessiert haben, ist es doch immer auch kennzeichnend für dein eigenes Werk gewesen. Und Düsseldorf war ja nun wirklich ganz vorne, wenn es darum ging, dass Bildende Künstler und Musiker in einem gemeinsamen Diskurs stehen.
Absolut. Das war eine sehr interessante Renaissance damals, mit Malern wie Helmut Middendorf. Sie waren die neuen Expressionisten, Revolutionäre auf ihrem Gebiet. Ohne sie hätte es hier in New York nie einen Julian Schnabel gegeben. Leute wie Sigmar Polke und Gerhard Richter haben eine neue Mentalität geprägt. Berlin war damals sehr daran interessiert, was außerhalb der Stadt im restlichen Deutschland passierte - wir hatten keineswegs den Blick egozentrisch auf die eigene Stadt gerichtet. Die Leute kamen ja auch alle nach Berlin. Das ist ein Mythos, dass Berlin abgeschnitten war vom restlichen Kulturbetrieb. Die Stadt war nicht isoliert. Das war schon cool in Berlin. Man musste nur in der Stadt bleiben, dann kamen alle vorbei.

Es gibt in dem Buch von Teipel eine nette Anekdote von Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten. Er erzählt, dass sie bei ihren ersten Auftritten außerhalb Berlins nur Hass gespürt haben.
[lacht] Da ist was dran.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will. Die Fehlfarben, damals eine der wichtigsten Bands, hatten sich ja aufgelöst, nachdem Sänger Stefan Hain ausgestiegen war. Ihm war das Ganze zu groß, zu erfolgreich geworden. Was seiner Definition von Punk widersprochen hat. Die Band ist nun wieder zusammen und versucht da anzusetzen, wo sie einst aufgehört haben. Könntest du dir das vorstellen? Ich frage dich das als einen Künstler, der nie weg war, sich aber stetig neu erfunden hat, verschiedene Perioden durchlaufen hat.
Ist es gut? Ist es integer? Wenn ja, warum nicht. Und sie haben aufgehört, da es ihnen zu kapitalistisch, zu erfolgreich wurde? Es wäre doch kein Problem gewesen, einfach weiterzumachen, independent zu agieren ... Man muss nicht aufhören. Man muss das Geld auch nicht akzeptieren. Oder man verschenkt es. Man hat da schon Optionen als Künstler. Das ist aber generell nicht meine Welt. So denke ich nicht.
Du hast jetzt dein erstes eigenes Label gegründet: Iso Records. Waren die von dir angeführten Gründe - die Bürokratie der Major-Labels, die wahnsinnigen Managementstrukturen - früher besser? Oder warum hast du erst so spät in deiner Karriere diesen Schritt gewagt?
Ich hätte das wirklich früher machen können. Vielleicht hätte ich es tun sollen. Aber jetzt läuft es an. Ich habe diesen Columbia-Vertriebsdeal - und das ist erst der Anfang: Es gibt zwei Leute, beide sogenannte Executives, die das Office eigentlich leiten sollen, das auch können. Aber sie haben noch Verträge mit anderen Companys. Ich kann sie nicht bekommen. Sie haben Integrität, brechen ihre Verträge nicht. Ich muss also warten, bis diese zu Ende sind, und hoffen, dass sie dann noch immer zu mir kommen wollen. Erst mit ihnen kann ich die völlige Autonomie erreichen. Jetzt warte ich erst mal ab, wie Columbia arbeitet. Wenn sie sich gut anstellen, werde ich das vielleicht auch so belassen. Aber wenn nicht: Ich kann das Label durch wen auch immer vertreiben lassen. Das ist gerade eine sehr spannende Zeit für mich, so was wie Flitterwochen. Aber ja, ich hätte schon viel früher independent werden sollen. Aber es wäre wohl ein Fiasko geworden, alles wäre in Flammen aufgegangen. Ein Desaster. Deswegen war es wohl weise, es nicht zu tun.

Er ist ja auch nicht ohne, dieser Schritt. Man denke nur an Prince.
Musiker haben nur begrenzt die Fähigkeit zur Organisation. Es geht dabei weniger um die Fähigkeiten und Kenntnisse, die haben wir sehr wohl, aber wir sind nicht zur Physikalität des Aktes in der Lage. Jetzt kann ich es wohl. Aber vor 25 Jahren - no way. Ich hätte all die Gewinne weggekokst. Und die Company ruiniert. Die Künstler hätten alle dauernd gefragt: "Wo ist mein Geld?" Und ich hätte lügen müssen: "Ich weiß nicht." [lacht dreckig und laut]

Ja, so läuft es oft. Brett Gurewitz von Epitaph hat ja die Gewinne des Labels auch mehr oder weniger direkt in die Venen gejagt.
Absolut.

Lass uns mal konkret zu »Heathen« kommen. Und wieder bei meiner Fehlfarben-Frage anschließen. In gewisser Weise ist auch dein aktuelles Album wieder ein Schritt zurück - wenn auch klanglich und inhaltlich nicht so stark wie auf »Hours«, dem Vorgänger. Erstmals seit 20 Jahren hast du wieder mit dem Produzenten Tony Visconti zusammengearbeitet. Hat dieses Nach-hinten-Schauen etwas mit dem eigenen Alter zu tun? Die Songs auf »Heathen« sind ja zunächst einmal Songs für deine Generation. Ein vom Leben scheinbar geschlagener Mann schaut zurück auf eine Welt, in die er nie wirklich reinpasste.
Das Album ist eigentlich nicht retrospektiv angelegt. Vielleicht empfindest du manche Elemente so.

Oh ja, die Synthesizer klingen beispielsweise verdammt nach deiner 70er-Phase, nach »Heroes« und so.
Ja. Das stimmt. Aber ich habe sie eigentlich nicht wegen der retrospektiven Verweise ausgewählt, sondern wegen der ihrem Klang innewohnenden Sensibilität, diesem handgemachten Sound. Der Sound hat ganz bewusst einen gewissen amateurhaften Gestus. Das wirkt oft mit Absicht leicht wackelig, um so eine gewisse Intimität herzustellen. Ich wollte ein sehr menschlich wirkendes Album aufnehmen. Ich habe das Album bewusst sehr schlank gehalten, es sollte nicht pompös-anonym wirken.

Was ja mit den Texten einhergeht.
Oh ja. Sie sind gerade für meine Verhältnisse sehr direkt, sehr deutlich. Mit »Heathen« ging es mir nicht darum, ein Alter ego zu kreieren. Dieser Protagonist, das bin ich. Ich behandele genau die drei, vier Fragen, die ich als älterer Mann noch habe. Wenn man jung ist, hat man viel mehr Fragen. Mit dem Alter werden es weniger, aber dafür stellt man sie immer öfter.

Es sind diesmal also wirklich deine Fragen. Ich habe mich das lange gefragt, da du bei »Hours« davon gesprochen hast, zu glücklich zu sein, um die notwendige Melancholie zu transportieren, und deswegen einen Charakter geschaffen hast: einen Mid-50er, dessen Leben von Niederlagen geprägt war.
Absolut richtig. Aber diesmal ist es ein persönliches Album. Es wurde nicht aus der Perspektive einer Kunstfigur geschrieben wie soviel anderes, sondern konkret aus meiner aktuellen.
Was mich dann aber doch interessiert: Denkst du, dass man als Künstler leiden muss, um gute Kunst zu machen, oder sich zumindest hineinversetzen können? Geht es nur, wenn das alte Leitmotiv »Ich leide, also bin ich« abrufbar ist?
Ich glaube, es hängt vom jeweiligen Projekt ab. Ich habe verschiedene Arten zu schreiben, und je nach Projekt stelle ich eine andere nach vorn. Einige meiner Arbeiten in der Vergangenheit sind fürs Theater entstanden. Ich hatte da teilweise zuerst eine visuelle Idee, wie das Material präsentiert werden sollte, und habe dann die Musik dazu geschrieben: Diese Arbeiten hatten dann meistens eine starke Melodie, um die Storyline zu stützen. Und dann gibt es die ganz anderen Projekte, wo es eher um das Experiment ging und die Melodien sekundär waren, geradezu bewusst zerrissen wurden: Diese Songs sind Cluster aus verschiedenen Ideen. Ich habe drei, vier verschiedene Arten zu schreiben. Meistens wähle ich nur eine für ein Projekt aus. Das hat etwas von visueller Kunst bei mir. Male ich das Bild, oder wird es eine Collage? Und: Man hat immer die Auswahl zwischen verschiedenen Medien, auf denen man malen kann. Diesmal habe ich die Form B gewählt und um einige Strategien aus C ergänzt. Es ist sehr wenig Theater, dafür eher sehr direkt, narrativ. Es war wichtig, für jeden der Songs eine Landschaft zu entwickeln, eine Geografie. Aber: Es ging nicht darum, zu experimentieren.

Würdest du sagen, dass eine Methode hochwertiger ist als die andere? Siehst du generell die Inszenierung, also das bewusste Herstellen einer Künstlichkeit als Gegenposition zur Authentizität von Punk?
Ich war nie von der Wichtigkeit der Authentizität überzeugt. Absolutheit und Authentizität wurden in den letzten 30 Jahren viel zu stark hochgehalten. Ich denke, wir sollten davon Abstand nehmen, anderen Leuten zu sagen, wie man nicht leben sollte in diesem Chaos - für ein solches halte ich unsere Realität nämlich. Aber Authentizität, Integrität und Absolutheit sind Strukturen, die wir nur aus Überlebensinstinkten heraus kreiert haben. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich existieren. Und das macht mich nachdenklich. Ich habe mich schon immer mit der Idee vom Entertainer, der Authentizität performt, beschäftigt. Ich denke, sie können sich diese anziehen, sie tragen, aber der Kontext macht es immer nur zu einem Effekt, gibt dem Ganzen einen synthetischen Gestus. Ob sie es wollen oder nicht. Ja, ich denke, man kann nicht authentisch sein.

Bleiben wir noch kurz bei deinen Rollenspielen. Die Motivation zu diesen scheint sich über die Jahre stark gewandelt zu haben. In den 70ern, während der Berlinphase, ging es ja nicht nur um Theater, sondern auch um Selbstschutz. Den Rollen kam doch in einem nun wirklich von Drogen, Bisexualität und Exzess geprägten Leben die Funktion der Distanz zur eigenen Existenz zu. Oder?
Viel war damals aus reinem Spaß zustande gekommen, andere Sachen aus akademischen Gründen. Bands wie Roxy Music und ich waren uns sehr bewusst über diese Wellen des Postmodernismus, die damals am Strand aufschlugen. Wir hatten alle Georg Steiner gelesen. Wir verstanden, dass Kultur revisioniert werden musste und dass wir zu den ersten Künstlern gehörten, die Distanz zu sich selbst einnahmen, sich von außen wahrnahmen - das war zuvor nicht gemacht worden. Wir haben das alles posthistorisch verstanden, uns genauso in der Vergangenheit wie in der Zukunft bedient. Und wir haben uns des Gepäcks entledigt, uns ein neues Vokabular angeeignet. Es war leicht ironisch, wir wussten, dass wir von uns selbst sprachen.

Wenn wir gerade von Revisionierung sprechen: In gewisser Weise bist du ja der godfather der Genderdiskussion in der Popmusik. Durch dich wurde die Geschlechter-Identitätsfrage ja auf ein höheres Plateau gehievt. Inwieweit bist du denn heute up to date mit dem Status quo der gender studies in der Musik? Kennst du Künstler wie Terre Thaemlitz und Bobby Conn?
Nein. Terre Thaemlitz ist ein non-operativer Transsexueller. Er ist bekannt geworden durch Piano-Interpretationen der Arbeiten von Leuten wie Devo und Gary Numan, aber auch durch Clicks&Cuts-Platten und hedonistischen House. Bobby Conn ist dann eher das Modell Glam-Inszenierung.
Das hört sich sehr interessant an. Du musst mir das unbedingt aufschreiben, ich muss mir da was besorgen. Hast du schon von Fischerspooner gehört?

Ja, aber ich mag sie nicht sonderlich, als Künstlertypen. Ich halte sie für Poser.
Ich habe sie noch nicht gesehen. Und da ich weiß, dass die Hälfte ihres Konzepts die Auftritte sind, wäre es unfair, sie endgültig zu verurteilen, aber die Musik ist [verzieht das Gesicht] gelinde gesagt sehr flach.

Ich habe sie dreimal live gesehen. Und zweimal waren sie sehr enttäuschend.
Ich sag dir, wen ich momentan sehr mag. Es sind Deutsche. Mouse On Mars.

Ich kenne sie sehr gut.
Das ist nicht möglich. Würdest du ihnen bitte ausrichten, dass ich ihre Alben momentan dauernd bei mir zu Hause spiele. Sie sind absolut fantastisch, wundervoll. Bitte richte ihnen aus, dass ich sie bewundere. Das ist toll. Sie sind wirklich atemberaubend gut. Sie haben so viele tolle Ideen. Wow. Auftritt Promoter: Du hast noch fünf Minuten. Ich: Nach dem Minidisc sind es noch zehn Minuten. Bowie [lacht und zum Promoter]: Lass uns 7,5 Minuten machen. Das ist sehr interessant hier. Ich muss auch sagen: Thrill Jockey ist ein tolles Label. Ich wollte Mouse On Mars für mein Meltdown Festival bekommen. Ich war da sehr dran interessiert. Aber sie waren wohl zu beschäftigt.

Danach wollte ich sowieso fragen. Du stellst ja in diesem Jahr das zweiwöchige Londoner Festival zusammen. Das Spektrum der Gäste ist sehr überzeugend: u. a. Daniel Johnson, Television, Gorillaz, Suede, Badly Drawn Boy. Das spricht dafür, dass du sehr genau die Musikszene beobachtest. Hast du alle Künstler selbst ausgesucht? Ich hatte diese Frage schon vorher, aber jetzt erst recht, denn Bobby Conn spielt da auch.
Im großen und ganzen ja, wobei ich mich natürlich nicht um die Künstler selbst kümmern konnte. Bobby Conn spielt wohl im Vorprogramm - das haben die Veranstalter ergänzt. Ich habe quasi die Hauptacts ausgesucht. Und ich spiele selbst da. Ich freue mich sehr. Das wird toll.

Ich habe da eine sehr interessante Aussage von dir zu »Velvet Goldmine«, diesem Film über die Glamrock-Tage, gefunden. Du sagtest damals, dass dir der Film nicht gefallen habe, da er die Homosexualität viel zu brav dargestellt habe, dass dir ein ehrlicher Film lieber gewesen wäre. Das hat natürlich etwas mit der Haltung der Gesellschaft zu dieser zu tun. Worauf ich hinaus will: In den 70ern ist sehr viel für einen normalen Umgang mit Homo- und Bisexualität erreicht worden. US-HipHop, aber auch Rock haben da ja in den letzten Jahren einige Schritte zurück getan.
Die aktuellen Rapper sollten zurückgehen und Public Enemy hören. Die haben alle die Orientierung verloren. Public Enemy haben eine der beeindruckendsten, revolutionärsten Kunstformen entworfen, die es in diesem Land in den letzten zwei Dekaden gegeben hat. Sie war auf ihre Art so wichtig wie die Last Poets in den 70ern. Die hatten damals auch einen wichtigen Effekt auf mich. Wenn du über Authentizität sprechen möchtest: Public Enemy hatten sie - auch wenn es sehr stilisiert war. Public Enemy waren authentisch, aber auf eine sehr choreografierte, theatralisch hochstilisierte Art und Weise. Das muss so sein, um effektiv zu sein. Versteh mich bitte nicht falsch: Ich meine das alles sehr abstrakt. Ich will nicht sagen, dass sie sich verkleidet haben. Sie haben eine Diversität aufgefahren, die ihre Quelle in authentischen Gefühlen hatte. Und heute? Alles ist so industrialisiert, karriere-orientiert, fabriziert. HipHop ist so groß geworden. Zu groß.

Wenn man den Bezug zu aufklärerischer afroamerikanischer Musik sucht, zu Leuten wie Sun Ra und George Clinton zurückgeht, die ja auch für dich sehr wichtig waren, so scheint es, als wären diese nicht im HipHop aufgegangen, sondern eher in der elektronischen Musik. Ich spreche vom Alienation-Diskurs, also der Lesart des Alien-Motivs als politischer Metapher für ein Gefühl des Nicht-integriert-Seins in die Welt, als ein Synonym für eine Flucht in eine bessere Welt: den Kosmos. Auch auf deinem neuen Album finden sich ja Verweise darauf. Das achte Stück beispielsweise. Oder auch das ästhetisch an die Filme von John Carpenter erinnernde Coverartwork. Hast du eigentlich das Buch von Kodo Eshuan gelesen: »Heller als die Sonne«? Er beschäftigt sich mit der Alienation-Thematik in der aktuellen afroamerikanischen elektronischen Musik.
Bitte schreib mir das auch auf. So inspirierend kann ein Interview sein. Weißt du, es geht mir darum, permanent ein neues Vokabular für den von mir gewählten Beruf des Musikers zu finden. Ich denke nicht, dass ich eine außergewöhnliche politische Person bin. Ich meine, ich bin natürlich hell genug, zu wissen, dass jede Handlung, jede Äußerung politisch ist - so naiv bin ich auch nicht -, und dementsprechend denke ich, dass meine Gefühle mein politisches Handeln beeinflussen. Aber um was es mir im Kern eher geht, ist die Entwicklung meines künstlerischen Vokabulars. Ich denke, die Wege, wie ich das mache, zeigen meine wahren Farben. Und daran muss ich mich wohl messen lassen - bitte beurteile mich fair. [lacht und schlägt in die Hände] Das einzige, was mich politisch wirklich bedrückt momentan, ist die Art, wie den Individuen das Gefühl gegeben wird, sich nur mit den eigenen Rechten auseinanderzusetzen: »Es geht nur um mich, um mein Recht.« Diese Ich-Zentrierung, was die Rechte angeht, hat die Gemeinschaft aufsplittern lassen. Dabei geht es doch eher darum, für seine Familie und Freunde zu arbeiten und daraus eine Gemeinschaft wachsen zu lassen. Da muss man doch den Eindruck gewinnen, dass genau das das Ziel ist von einem Ministerium: diesen Effekt der Individualisierung foranzutreiben. Wie hat es Machiavelli so schön gesagt: »Wenn die Leute zu sehr mit sich beschäftigt sind, dann kann man als Machthabender in Ruhe seine Geschäfte tätigen.«

Wobei das mit der Gemeinschaft so eine Sache ist. Ich frage mich in letzter Zeit schon oft, für wen man denn seine kleine Oase zu einer großen machen möchte. Wo sind die Leute, für die man kämpfen will? Sind die da draußen es wert, dass ich mir Probleme mache?
Oh ja, da ist wohl was dran. Der Promoter kommt schon wieder rein. Meine halbe Stunde ist nach den Regeln der Mathematik und Zeitrechnung zwar noch nicht um, nach seiner aber schon. Bowie: Lass uns noch ein bisschen.

Danke. Jetzt kommt ein verwirrender Themenwechsel. Aber wir haben da eine Sonderstrecke im nächsten Heft, zum Thema Urlaub. Wie macht David Bowie Urlaub?
Ich kann mich gar nicht an meinen letzten Urlaub erinnern. Doch, ja, ich habe an Weihnachten zehn Tage Urlaub gemacht, mit meiner Frau und unserem gemeinsamen Kind. Ansonsten nehme ich keinen Urlaub. Nicht, da ich wie viele andere denke, meine Arbeit sei wie Urlaub für mich - dem ist gar nicht so, ich empfinde das oft genug als sehr, sehr anstrengende Arbeit. Ich muss aufpassen, ich neige zu Abhängigkeiten. Und jetzt, wo ich virtuell drogenfrei bin - ich meine natürlich, dass ich richtig drogenfrei bin [lacht] -, werde ich mehr und mehr zu einem workaholic. Ich muss da wirklich ein Auge drauf behalten, dass es nicht außer Kontrolle gerät. Manchmal arbeite ich so hart, dass ich Freunde und Familie aus meinem Leben heraushalte. Ich kann doch nicht all meine Zeit mit Arbeiten verbringen. Oft ist es so, dass meine Frau mit dem Kind wegfährt und ich dann am Wochenende nachkomme. So sieht das aus. Aber an den letzten richtigen Urlaub abseits von Weihnachten kann ich mich nicht mehr erinnern.

Ich habe gehört, du kochst sehr gerne. Kochen ist ja für mich die kleine Form von Urlaub.
[lacht laut] Ich koche wirklich schlecht. Aber meine Frau, sie kocht fantastisch. Sie ist im italienischen Teil von Somalia aufgewachsen. Das Land ist ja nach dem Krieg aufgeteilt worden: in einen französischen, einen britischen und einen italienischen Sektor. Sie und ihre Familie haben im italienischen Teil gelebt - da hat sie viel mitbekommen. Sie kocht italian style. Sie kann jede Art von Pasta kochen. Und auch Fisch und Hühnchen schmecken bei ihr großartig! [spricht mit einer nicht zu toppenden Begeisterung]

Ich koche für eine Rubrik bei uns im Heft mit den Künstlern zusammen. Wie habe ich es so schön gesagt: Wir sind ein anspruchsvolles Magazin. [wir müssen beide lachen] Die Idee dazu kam wegen genau solcher Situationen wie hier zustande: Man hat nur 30 Minuten, obwohl man soviel mehr fragen möchte. Letzte Woche habe ich übrigens mit Wyclef Jean gekocht, mit dem du ja letzthin aufgetreten bist.
Du verarschst mich. Das ist ja so lustig! Das würde ich wirklich sehr gerne machen. Einige aus meiner Band sicherlich auch. Aber ich warne dich: Ich rühre nichts an. Und ich muss dich warnen: Ich trinke auch nichts.

Gar nichts?
Nein.

Das wünsche ich mir manchmal auch.
Du wirst auch an diesen Punkt kommen, das verspreche ich dir. Was anderes: Wo außer bei »Wetten dass« und Harald Schmidt kann man denn im deutschen Fernsehen live auftreten? Wo kann ich meine Musik präsentieren?

Schmidt geht schon okay, der ist einer von den wenigen Guten. Vor Stefan Raab musst du dich vorsehen. Den solltest du auslassen. Er macht sich nur lustig über die Künstler, inhaltlich geht es dabei um nichts. Aber er hat eine hohe Quote ... Wenn du ein gutes Gespräch suchst, dann geh zu Biolek.
Es ist immer schwieriger, Musik im Fernsehen zu präsentieren. Arte war einst gut.