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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Everything is gonna turn to be OK

I'm From Barcelona live

Viele, viele Menschen auf der Bühne, die so viel gute Laune wie irgend möglich verbreiten.
Geschrieben am
09.12.06, Köln, Gloria. Samstagabend, 21:30Uhr. Überall in Köln feiern Firmen ihre wilden und trunkenen Weihnachtsfeste. Auch die Intro-Belegschaft feiert so, in einer dieser typischen Kaschemmen mit schemenhaftem Licht und samtbezogenen Sitzmöbeln überall. Der wahre Stern der Weihnacht, der etwas von Wärme, Besinnlichkeit und Frohsinn verspricht, geht aber woanders auf. Denn wenige Kilometer entfernt sind I'm From Barcelona in der Stadt angekommen, erstmals, um den Leuten ihr unvergleichliches Set zu darzubieten.

Leider ist die Kunde von der Ankunft der 20 schwedischen Heilsbringer zu spät gekommen, nur 200 Leute haben rechtzeitig davon erfahren und versammeln sich im damit nur schlecht gefüllten Gloria-Theater. Immerhin drängeln sich fast alle Besucher nah an der Bühne, voller Vorfreude und gespannter Erwartung. Schon als die Band hinter dem Vorhang hervortritt, brandet Jubel auf. I'm From Barcelona sind da und sie lassen sich von den leeren Rängen nicht aus dem Konzept bringen, sondern formieren sich sofort zu ihrem wabernden und ausgelassenen Bühnenoutfit. Schnell wird eine der großen Besonder- und Schönheiten dieser schwedischen Newcomer deutlich. Nämlich ihre immanente Gemeinsamkeit, ihr ständiges gegenseitiges Anrempeln und ihre im Chor gesungenen Fanfaren. Sie sollen zeigen, dass hier eine Truppe auf den Plan getreten ist, die den Kram aus Freude macht. Aus Freude an der eingängigen Musik und am Zusammensein mit den Kumpels.

Natürlich wirkt dieser penetrante Frohsinn schwierig, natürlich rümpft der kritische Besucher über soviel vermeintliche Hippie-Attitüde die Nase, nur: Beeindruckend ist das schon. Gerade so kurz vor Weihnachten. Auch, weil die Band sich nicht wie z.B. Broken Social Scene auf die möglichst breite und ausufernde Ausformung eines psychedelischen und wabernden Sounds konzentriert, sondern in ihrem leichten und folkigen Pop ganz beieinander ist. Nicht jeder hat hier eine Gitarre umhängen, um weltvergessen auf ihr herumzuschrammeln, nein, bei jedem Song sind mindestens ¾ der Band beschäftigungslos, abgesehen von ihrem Gesangsanteil. Das so eine Organisation, in der nach jedem Song die Hälfte der Bandmitglieder auf einen neuen Bühnenplatz wuselt, doch immer einen Vorsteher braucht, ist zwar aus einem idealistischem Blickwinkel schade, aber wohl nicht zu ändern.

Bei I'm From Barcelona erfüllt diese Rolle Emanuel Lundgren, der in Gestus und Outfit viel vom Flaming Lip Wayne Coyne hat, der nun wieder nicht unerheblich Charles Manson ähnelt. Aber man muss und will von Führungsfiguren ja nicht immer das schlimmste denken, lenkt doch wenigstens Lundgren die Emotionen seiner Band in ganz und gar familienfreundliche Bahnen. Denn die 20 Freunde auf der Bühne schaffen es, sowohl indirekt als auch direkt ihr Publikum zu umgarnen, sie lassen es teilhaben und vermitteln damit sehr gekonnt für die Dauer eines Konzertes die (Weihnachts-)Illusion von einer großen, freundlichen und harmonischen Community. Sie machen das, indem sie pausenlos herumspringen, als könnten sie nicht mehr an sich halten, und noch mehr: Sie nutzen außerdem wie auch die Flaming Lips die Hilfsmittel aus der Kindergeburtstagskiste, also Seifenblasen, Konfetti und Luftballons, allerdings ohne ihrer Performance eine erkennbare politische Dimension zu geben.Vor allem sind die darauf bedacht, ihrem Publikum aus der reinen Konsumentenrolle zu befreien. Sie binden es quasi auf eine unbekümmerte Art und Weise an brechtsche Traditionen angelehnt in ihre Show ein. Die Leute in den vorderen Reihen dürfen nicht nur gegen die Luftballons hauen, nein, sie werden auch angehalten, mitzusingen, mitzuspielen und auf der Bühne mitzutanzen. Und als Lundgren mit nur dreien seiner Bandmitglieder ein neues kleines Lied über eine Grizzlybär-Liebe ausprobiert, verteilt sich der Rest der Schweden im ganzen Saal und feiert zusammen mit dem Publikum. Natürlich kulminiert dieser intensive Austausch beim kollektiven Absingen der Hymne 'We're From Barcelona'. Da hüpft, grölt und springt die Band trotz Tuben, Klarinetten und anderem sperrigen Zeug in den Händen noch mal deutlich mehr als der größte Teil des Publikums.Und auch wenn der Rest des dazugehörigen Debütalbums mit Ausnahme von 'Treehouse' keine Songs von ähnlicher Hitqualität bereitstellte, hier, in diesem Rahmen, werden all diese Songs zu Hits.

Als die Band nach einem knappen Set von einer dreiviertel Stunde noch mal für eine Zugabe auf die Bühne tritt und direkt im Anschluss das Kasio-Keyboard für eine Karaokeversion von 'We're From Barcelona' anwirft, hält es schließlich auch das Publikum nicht mehr auf seinem Platz. 20-30 Leute stürmen nach vorne und nehmen die Bühne für ihre Tänze und Gesänge ein. Und die Band freut sich und verschwindet mit einer Polonaise aus dem Saal. Was für einen Enthusiasmus Popkonzerte noch hervorrufen können. Erstaunlich.



Und das sagt Mick Schulz: "Bei soviel Karneval war Köln für das erste IFB-Konzi wohl eine gute Wahl. So gilt auch hier, wie beim Karneval, man muss sich darauf einlassen können, sonst steht man konsterniert rum und ist binnen kürzester Zeit genervt. Ich fand es aber super, nur muss man sich einmal über den eigenen Schatten wuchten und Ballons kloppen. Sonst hat's einfach keinen Sinn."