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Zufällig hip

I Heart Sharks

I Heart Sharks mögen aussehen wie Abziehbild-Hipster, aber Mark Heywinkel lernte beim Interview drei verdammt sympathische Typen kennen, die auf ihrem zweiten Album »Anthems« Indiepop fern jeder Coolness-Konvention abliefern.
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Mann, sind diese drei Jungs hip. Gerade noch haben I Heart Sharks brav ihre Gläser mit laktosefreier Milch geleert, schon sitzen Simon Wangemann, Pierre Bee und Martin Wolf in einem schmucken Hotel in Berlin-Friedrichshain nebeneinander. Ihre Undercuts sind perfekt gestylt, die dunklen Outfits aufeinander abgestimmt. Kurz: Wer gegen Klischee-Hipster wettert, hat genau solche Typen vor Augen.

Ebenso gestriegelt, wie sie aussehen, geht auch ihr elektronischer Indiepop gefällig ins Ohr: I Heart Sharks’ zweites Album »Anthems« besteht beim ersten Hören allein aus Songs, die mit treibenden Drums und Mitgröl-Hooks darauf gedrillt scheinen, die Zielgruppe der großstädtischen Blogger und Instagrammer einzulullen. »Es werden uns viele Leute in die Hype-Schublade stecken, wenn die Platte rauskommt«, vermutet Sänger Pierre Bee. »Wer sich unsere Musik jedoch länger anhört, wird feststellen, dass wir weitaus mehr sind als vermeintlich gerade im Trend liegende Indiepopper.«

 

Tatsächlich sind I Heart Sharks mehr als ein schnelles Album-Durchskippen wert. Hinter der betont coolen Fassade stecken drei sympathische Typen mit ehrlicher Leidenschaft für ihre Musik. Gute Jungs ohne Allüren, die Seitenhiebe gegen sich mit einem Lachen wegstecken können. Kennengelernt haben sich die drei vor sieben Jahren bei einem Besuch im Berghain. Zu dem Zeitpunkt waren sie alle noch neu in der Hauptstadt. »Wir waren hergezogen, weil wir von woanders wegkommen wollten«, sagt Simon Wangemann. Schlagzeuger Martin Wolf hatte die Flucht aus Leipzig ergriffen, Bee war aus London und Wangemann über Umwege aus New York abgehauen. Im Berghain suchten sie das Neue – und fanden schließlich einander. »Als wir uns im Berghain trafen, waren wir alle in einer begeisterten Stimmung«, erinnert sich Bee. »Wir waren gefesselt von der Musik, der Atmosphäre und der Architektur dieses gefährlichen dunklen Betonpalastes.«

 

In den langen Stunden dieser Nächte fanden sie heraus, dass sie musikalisch auf einer Wellenlänge lagen, und fanden sich so schnell gemeinsam im Proberaum wieder. Um einfach draufloszuspielen. Ohne finanzkräftige Plattenfirma im Rücken. Ohne aufwendige Technik. Aber mit vollem Einsatz: I Heart Sharks spielten überall, wo man sie wollte: vom besetzen Haus über das klassische Indiekonzert bis hin zur DJ-Pause im Club. Am Ende dieses Lehrjahrs erschien »Summer«, ein Debüt, das viel Aufmerksamkeit bekam. Ihre Single »Neuzeit« brachte es 2012 zur Hymne des Berlin Festivals; als Toursupport für Friendly Fires und Natalia Kills konnten I Heart Sharks erste Auslandserfahrungen in Europa sammeln.

 

»Nach dem Touren nahmen wir uns Zeit, mehr herumzuexperimentieren«, berichtet Pierre Bee. »Wir wollten eine zweite Platte machen, die tiefer gehen sollte.« Dabei fehlte es wieder sowohl an Geld als am Rückhalt eines Labels. Zumindest aber hatten sie Fans, die sie anfeuerten. Zudem bekamen sie prominente Unterstützung durch den Hurts-Produzenten Joe Cross, der das Trio zu sich nach Manchester holte und die finalen Songs für »Anthems« feinjustierte. »Wir haben bei Joe und Freunden auf dem Boden, in Schlafsäcken in Universitäten und in einem abgeranzten Inn geschlafen«, berichtet Bee begeistert von der Produktionszeit. »Aufgenommen wurde in einer alten Textilfabrik in einem winzigen Studio mit Blick über Manchester. Das war total geil.«

 

Von 50 Songs schafften es schließlich 14 auf das Album. In denen beklagt die Band, dass das Leben zu kurz ist (»To Be Young«), sucht das Romantische im gemeinsamen Sterben (»Reykjavík (Stay Here)«) und schwärmt von der ersten Liebe (»Anthems«). Obwohl sich auf dem Album auch viele tanzbare Nummern finden, klingt die Band häufig melancholischer als auf dem Debüt. »In den zwei Jahren, in denen wir die Platte gemacht haben, sind ein paar Freunde von uns gestorben«, erklärt Pierre Bee die neue Düsterheit. »Außerdem hat ein Beziehungs-Aus dafür gesorgt, dass viele Songs trauriger geworden sind. Wir sind generell erwachsener geworden, was den Sound insgesamt vielschichtiger gemacht hat.«

 

Hinter I Heart Sharks steckt weniger Style, als der erste Blick vermuten lässt. Diese Band ist nicht hip, weil Trendkonventionen sie dazu zwingen. Sie trifft mit ihrem Geschmack nur zufälligerweise den Zeitgeist. Wer will ihnen daraus einen Strick drehen?

 

I Heart Sharks »Anthems« (Island / Universal / VÖ 28.03.14)