×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Deichkind live in Bayreuth

Hysteriepegel? Take That \'95!

21.10.2005, Bayreuth, Glashaus Ausverkaufte Konzerte in Bayreuth erlebt man für gewöhnlich nur im Sommer. Den Wagner-Ring kann man sich aber jedes Jahr geben (bitte mindestens acht Jahre vorher anmelden), Bands wie Deichkind verirren sich eher selten in die, ähem, Frankenmetropole. Gibt´s eine St
Geschrieben am

21.10.2005, Bayreuth, Glashaus

Ausverkaufte Konzerte in Bayreuth erlebt man für gewöhnlich nur im Sommer. Den Wagner-Ring kann man sich aber jedes Jahr geben (bitte mindestens acht Jahre vorher anmelden), Bands wie Deichkind verirren sich eher selten in die, ähem, Frankenmetropole. Gibt´s eine Steigerung zu ausverkauft? Zugegeben, kein Problem, wenn man sich das Glashaus auf dem Uni-Campus mal ansieht. Trotzdem bemerkenswert, dass es seit drei Wochen keine Karten mehr für das Konzert gab. Vorbands hat man sich heute gespart, dafür bereitet der Münchner Tech-DJ Jonas Z. mit seinem tollen Warm-Up Set auch die letzten Kids, die bei Deichkind noch an das Genicke von "Bon Voyage" denken, auf deren neuen Sound vor, von dem man außer einem "Lied für Meck-Pomm" bisher noch nichts hören konnte. Ziemlich genau um 23 Uhr kann man dann schon erahnen, welcher Wahnsinn hier gleich seinen Lauf nehmen wird. Aus dem Backstageraum ertönt eine Fußballtröte. Das klingt dann schon wie eine Warnung ala: "Macht Platz! Wenn nicht, hauen wir euch weg." Und nicht nur die Tröte erinnert an die Kavallerie, der ganze weitere Verlauf hat irgendwie was von Krieg. Nein, Krieg ist so ein böses Wort, dafür macht das alles zuviel Spaß. Schlacht?! Der Reihe nach.

Deichkind entern wie gewohnt zu dritt die Bühne, zum Live-Batallion gehört nun allerdings DJ Phono. Die Uniform (Plastikmüllsäcke), die Helme (goldene Pyramiden) und die wild geschwungenen Keulen (rotierende Plastikleuchtstäbe) sind nach dem Fanfaren-Einlauf mit lodernden Fackeln (Wunderkerzen) noch nicht genug des martialischen Vorspiels. In Sekunden wird eine Festung (Hüpfburg) aufgeblasen. Die Eroberung des kleinen Studentenclubs dauert ca. vier Sekunden. Schon nach den ersten stampfenden Beats springt der ganze Laden, Kollateralschäden in Form von auf die Bühne stürzenden Menschen werden in Kauf genommen. Aber erobern reicht Deichkind nicht, wenn dann machen wir den Laden richtig rund. Philipp, Buddy und Phono springen abwechselnd in die Hüpfburg, ins Publikum oder auf das vor der Bühne stehende Sofa. Warum Sofa? Das klärt die wohl neue Single Remmi-Demmi auf: "Schmeiß die Möbel aus´m Fenster, wir brauchen Platz zum Dancen!" Aber wer im Glashaus sitzt... Sitzt ja auch keiner. Hier wird dann auch passend zum Refrain die riesengroße Yippie- Yippie-Yeah-Fahne gehisst. Und geschwenkt. Wie irre. Spätestens bei "Limit" ist der Hysteriepegel im Bereich "Take That ´95" angekommen. Limit? Gibt´s dann doch nicht, gleich hinterher kommt der 2 Unlimited Euro-Dance-Kracher "No Limit". Gar keine Zeit zum Kopfschütteln, geht genauso nach vorne. Phono klettert dann auch noch auf die Biertheke und verkündet mit ausgestreckten Armen die Einnahme des Vorratslagers. Nach einer Dreiviertelstunde ist das Spektakel erstmal vorbei, gut zwanzig Minuten Zugabe inklusive dem nächsten Techno(tronic)-Trasher "Pump up the Jam" geben allen den Rest. Auf diese oder jene Weise. Und Remmi-Demmi geht so steil, das kann man auch zweimal spielen.

Nach dem Exzess verwaltet DJ Phono das eroberte Gebiet, nölt durch seinen zum Megafon umfunktionierten Kopfhörer und teilt das Glashaus in drei Besatzungszonen auf: den Tanzsektor, den unentschlossenen Sektor und den langweiligen Sektor. Sein Set tut das übrige, Tanzsektordomination. Das finden nun wirklich alle toll, alle machen mit, irgendwann um drei Uhr fummelt sogar ein Polizist am Mischpult rum. Nachbar beschwert sich schon? Tja, soll er!