×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war's in Scheeßel: Höhepunkte und Regenschauer

Hurricane 2013

Unwetterwarnung, Anreisestau und fantastische Konzerte. Hier kommen die Highlights vom Hurricane-Wochenende.
Geschrieben am

Freitag

 

Der Freitag gehört der Blue Stage. Allerdings ist der Boden vor der Bühne aufgrund des anhaltenden Regens am Abend schon so aufgeweicht, dass es gute Gründe dafür gibt, The National eher aus der Entfernung zu sehen. Man sieht ja auch so genug: Die Sonnenbrille Matt Berningers, die euphorischen Fans im nicht komplett besetzten Publikumsbereich (Matsch!), vor allem aber den grobschlächtigen Security-Mann, der nicht anders kann, als zu »Bloodbuzz« leicht mitzuwippen. Berninger kommentiert, dass seine Band es noch nie geschafft hätte, einen Security zum Tanzen zu bringen. Von da an kann nichts mehr schief gehen – geht es auch nicht. Toller Auftritt.

Einige Stunden später stehen hier Beth Gibbons und co. auf der Bühne. Zwischen den Songs bleibt es still, die Stücke selbst sind perfekt intoniert. Portishead sind mit opulenter Band und atemberaubenden Visuals angereist. Ob alte Nummern wie »Sour Times« oder jüngere wie »Machine Gun« – alles klingt genauso perfekt wie auf Platte, aber nicht ohne den emotionalen Moment »live« als Zuckerguss obendrauf. Fantastischer Auftritt – bloß sind und bleiben Portishead keine Festivalband, sie funktionieren in Hallen noch ein Stück besser. Dementsprechend ist der Platz vor der Bühne auch bei ihnen nicht voll. Die, die da sind, sind aber begeistert.

 

Sigur Rós starten mit krachenden Gitarren. Eigentlich sollte das niemanden verwundern, schließlich  nannte man sie mal eine Postrock-Band. Aber auch abseits dessen gerät der Auftritt eher konzentriert: Kein besonderes Bühnenlicht, zumindest nicht zu Beginn, und auch nicht die legendäre Schattenspiel-Show der Isländern. Stattdessen Visuals in schwarz/weiß, Schemen von Gestalten, kein besonderes Ornament. Trotzdem sind sie immer und überall eine großartige Liveband, wenn da nur nicht die aufziehende Kälte wäre. Das Festival erprobte Publikum zieht die Jacken zu und genießt das Ende des ersten Tages.

Samstag

 

Am zweiten Tag regnet es sich so langsam ein. Die Wege werden glitschiger und doch muss man bereits ab den Mittagsstunden raus aus der nass-kalten Schlafsack-Gemütlichkeit, um den Auftritt von Fidlar auf der Green Stage nicht zu verpassen. Trotz Hangover der letzten Nacht hüpft das Publikum und Köpfe werden geschüttelt als gäbe es kein. Da ist es auch völlig angebracht, wenn sich auf der Bühne mit der Gitarre auf dem Boden gewälzt wird – echte Gefühle! Fabelhafte Band!

Es ist bereits früher Abend, als Bloc Party ihr Set ebenfalls auf der Green Stage spielen. Vom ersten Moment an werden die Briten, die mit einer neuen Schlagzeugerin für den offenbar ausgestiegenen Matt Tong auftreten, von der Menge umjubelt. Nicht nur bei »Banquet« und anderen Klassikern unterstützt ein singender Chor aus Zehntausenden Frontmann Kele und die Band – es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie tight und präzise sie auch auf großen Bühnen Druck machen können.

Auch bei den Editors, die am Abend die Blue Stage mit ihrem schmachtenden Indie Rock bespielen, ist das Publikum immens textsicher und kann sogar die neue Single »A Ton Of Love« schon auswendig. Das Album dazu erscheint erst in der Woche nach dem Festival. Beeindruckend zudem, wie die fünf Musiker aus Birmingham an den Instrumenten durchwechseln als wäre es das normalste der Welt, einen derart breitwandigen Indie-Rock mit New-Wave-Tendenzen von der Bühne zu schmettern. Schönes Konzert!

 

Im Anschluss geht es auf der Green Stage munter weiter mit dem Brit-Bombast. Kasabian breiten ihre ganze so stumpf-starke wie emotionale Qualität aus. Nie klang Britrock treibender, vielschichtiger, ausdefinierter und dabei gleichzeitig so sexy. Eine spektakuläre Show, wie nicht anders zu erwarten war. Das Finale mit »Fire« ist furios, trotz des Regens. Und am Ende singt Tom Meighan auch noch »She Loves You« a capella an.

 

Die Arcitc Monkeys komplettieren als Headliner der Green Stage das britische Dreigestirn.  Gefällig spielt die Band jenen straight tanzbaren Indie Rock, mit dem sie groß wurde und für den sie das Hurricane-Publikum liebt, ohne die Sound-Eskapaden ihrer jüngeren Geschichte. mittlerweile ganz Profis, wissen die jungen Musiker, was die Fanschar von ihnen erwartet. Das hat eine besondere Klasse und rechtfertigt die Headliner-Position zweifelsohne.

Sonntag

 

Eins ist klar: Dieser Macklemore hat auf jeden Fall den Charisma-Pokal des Sonntags gewonnen. Sonnenbrille, weißes Unterhemd, Goldkettchen und ein smartes Lächeln – die beinahe unüberschaubare Menge vor der Blue Stage brüllt sich schon vor dem ersten Song die Seele aus dem Leib. Ryan Lewis nimmt seinen Platz hinter den Turntables ein – verziert mit dem Cover des neuen Albums »The Heist« – und Trompeter Owuor Arunga trägt schicke pinke Tierkopf-Schlappen. Ben Haggerty alias Macklemore ist wirklich charmant as fuck und hat die Menge absolut im Griff – als er im Publikum jemanden mit einem mondänen Leopardenmantel erspäht, lässt er sich denselben über die Hände zu sich auf die Bühne tragen und legt diesen für das folgende »Thrift Shop« auch nicht mehr ab. Der Newcomer ist dermaßen euphorisiert, dass er sich von den Securities nicht abhalten lässt, einen sagenhaften Stagedive hinzulegen. Mit Sicherheit eine der Shows des Tages, auch wenn der Sound auf der Blue Stage, wie auch schon gestern bei Deichkind, vielen zu dünn und zu verweht vorkommt.

Weiter geht’s mit der guten Laune. Kaum einem Act sieht man seinen Enthusiasmus und seine Spielfreude so sehr an wie Frank Turner und seinen Sleeping Souls. Die Band saust am späten Nachmittag in weißen Oberteilen über die Green Stage und feuert ihre Folkpunk-Hymnen in die von Macklemore herüberströmende Menge. Auch wenn Turner und seine Kumpane zeitweise immer mehr rüberkommen wie eine freudetrunkene Irish Folk-Kapelle und die musikalische Vielseitigkeit nicht gerade im Vordergrund steht, ist und bleibt Turner ein formidabler Live-Act. Wie sagt man so schön? Good Clean Fun!

 

Alt-J aus Leeds beruhigen im Anschluss auf der Blue Stage die Gemüter. Petrus ist dabei ganz auf ihrer Seite und taucht den tiefenentspannten Sound des Quartetts in gleißendes Sonnenlicht. Als die Jungs dann ihr Meisterstück »Matilda« anstimmen, erwacht die Menge aus ihrer verzückten Nachmittagslethargie und weiß wieder ganz genau, warum diese Band noch im vergangenen Jahr als das nächste große Ding gehandelt wurde.

 

Tyler, The Creator hat zur Verstärkung nur einen Co-Rapper und seinen DJ mitgebracht? Wo er sonst mit seiner »Golf Wang« Odd Future-Crew brilliert, sieht es auf der Red Stage in der Abendsonne ein wenig leer aus. Doch dem dünnen Typen aus Los Angeles gelingt es nichtsdestotrotz, dem zahlreich erschienenen Publikum ordentlich einzuheizen: Songs wie »Sam (Is Dead)«, »Nightmare« oder »We Got Bitches« lassen die Crowd hüpfen, das gefällt Tyler und seinem Gefährten, der ungefähr jeden Song mit einem »That was cool« oder »That was wild« kommentiert. Tyler selbst springt rum, wetzt von einer Bühnen-Seite zur anderen, die Hand meistens im Schritt und benutzt das N-Wort wohl öfter als es seiner Mama lieb ist. Aber so muss es sein. »And I am the cowboy on my own trip.«

 

Die Blue Stage bleibt das Sorgenkind des Hurricane Festivals. Das bekommen auch die Smashing Pumpkins zu spüren. Sie haben während ihres Headliner-Slots mit Soundverwehungen und sogar kleinen Aussetzern zu kämpfen. Billy Corgan bleibt aber, entgegen seines sonstigen Naturells, zumindest äußerlich ruhig. Vielleicht weiß er mittlerweile, dass seine Band schon eine kleine Mogelpackung ist, nachdem alle Originalmitglieder außer ihm selbst ausgestiegen sind. Darüber hinaus weiß man nicht so richtig, wohin Corgan und sein neues Outfit stilistisch eigentlich wollen. Die Stücke ihrer Show changieren zwischen komplex arrangiert und soundgewaltig ausstaffiert, und wie immer sind es die alten Songs, die Balladen, die am besten funktionieren. »Tonight, Tonight« gegen Ende zum Beispiel oder das Cover von David Bowies »Space Oddity«. Die Band, die Corgan um sich geschart hat, spielt technisch sehr gut – nur die Emotionen der früheren Kompositionen bleiben heute ein wenig auf der Strecke.

 

Ausführliche Berichte und Fotos von allen Festivaltagen gibt es auch bei unseren Kollegen vom Festivalguide.