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Wrestling mit Stil

Hot Chip

Wenn jemand dieser Tage die Zuschreibung Konsensact verdient, dann Hot Chip. Die Londoner Boy-Brigade ist nicht erst seit ihrem umwerfenden Auftritt beim Melt! 2006 ein Garant für viel Spaß
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Wenn jemand dieser Tage die Zuschreibung Konsensact verdient, dann Hot Chip. Die Londoner Boy-Brigade ist nicht erst seit ihrem umwerfenden Auftritt beim Melt! 2006 ein Garant für viel Spaß an der Schnittstelle von Indie, Minimal und Popspektakel. Anlässlich des neuen Albums "Made In The Dark" besuchte Sebastian Ingenhoff die Band in London. Fotografiert hat Dominik Gigler. Alex Major befragte sie zu ihrem neuen Husarenstreich: der Kollaboration mit Scritti Politti.



Der graue Himmel hängt wie Asche über der englischen Hauptstadt an diesem milden Novembertag. Dunkle Wolken sind in London natürlich nichts Außergewöhnliches. Aber irgendwie ist heute alles noch eine Spur grauer als sonst, und das liegt nicht nur am Himmel: Gestern Abend hat die englische Fußballnationalmannschaft die Teilnahme an der Europameisterschaft vergeigt durch ein 2:3 gegen Kroatien; und das, wo obendrein auch noch No Music Day war. Da schießt Mladen Petric die Briten mit seinem Siegtor in den Hades, und der Stadion-DJ darf nicht mal das ewig tröstende "You'll Never Walk Alone" spielen, weil Bill Drummond es ihm verboten hat. Kein Wunder, dass man da als Fußballrowdy mit Barhockern um sich wirft.

Man kann nur hoffen, dass die Lage sich bis heute Abend entspannt haben wird, wenn Hot Chip im Camdener Club Electric Ballroom ihr neues Album 'Made In The Dark' präsentieren. Der Titel passt jedenfalls zur Stimmung wie die berühmte Faust des englischen Hooligans auf das Auge des EM-Teilnehmers; obwohl man sich in Camden Town eher weniger Sorgen um Hooligans machen muss. Hier gibt es vorwiegend Gothics, Punks, kleine Teenager-Hipster und umherstreunende Touristen. Und jede Menge Drogenverkäufer. Fast jeder Zweite auf der High Street (!) bietet irgendwas aus seinem Bauchladen feil. Meistens Marihuana oder Mushrooms. Ich lehne dankend ab. Einer der Dealer wirkt sichtlich verdutzt, er kann offenbar nicht glauben, dass ihm ein Typ, der so aussieht wie ich, eine Abfuhr erteilt. Aber Mushrooms habe ich nur einmal aus Versehen genommen, weil ich dachte, es sei Schokolade. Amselgleich bin ich durchs Kölner Nachtleben geflogen und habe nicht wenigen Leuten wirre Geschichten erzählt. Das muss heute Abend nicht sein. Schließlich treffe ich nicht William Burroughs, sondern die derzeit weltbeste Popband.

Digital Recording Heroes

Man neigt schnell dazu, über die Musik der fünf Briten in Superlativen zu sprechen. Denn für Leute, die sich für Clubkultur und gute Popsongs gleichermaßen interessieren, kann es derzeit keine aufregendere Band geben. Zwei Jahre nach dem Meilenstein 'The Warning' veröffentlicht diese nun 'Made In The Dark'.
Bislang sind die Stücke immer in mühevoller Kleinstarbeit in den Schlafzimmern der Bandmitglieder entstanden, ganz in der Tradition der "Digital Recording Heroes", ein Begriff, der in den letzten Jahren auf Eigenbrötler wie Mike Skinner oder Dizzee Rascal angewendet wurde, die allesamt auf große Studios verzichtet haben.Alexis Taylor und Joe Gibbard waren bei Hot Chip die frickelnden Masterminds, die anderen drei eher Schulfreunde, die hinzugeholt wurden, weil man für die anstehenden Touren eine richtige Liveband zusammenstellen wollte. 'Made In The Dark' wurde nun unter fast gleichberechtigter Mitwirkung aller zumindest teilweise in einem richtigen Studio aufgenommen. Einen Produzenten brauchte man selbstredend nicht, dazu sind Alexis und Joe viel zu sehr die Kontrollfreaks. Aber der Gang ins Studio bedeutete immerhin einen kleinen Bruch mit der DIY-Philosophie der Band. Alexis: Wir haben ein bisschen mit Jonathan Digby gearbeitet, der auch für unseren Livesound verantwortlich ist. Wir haben teilweise ohne Overdubs aufgenommen und einfach alle zusammen gespielt und aufgenommen. Das war so die Grundidee. Wir hatten einen Raum mit einer ganz eigenen tollen Akustik. Die Idee war schon, dass wir versuchen, mehr wie eine konventionelle Band zu agieren, ein bisschen weg von diesem individualistischen Tüftlerimage. Das war schon anders als die Aufnahmen, die wir vorher gemacht hatten.

Ist das nicht eher eine Legende, dass ihr noch nie in einem richtigen Studio aufgenommen habt, oder war es wirklich das allererste Mal?
A: Es war im Prinzip das zweite Mal, aber wir hatten beim ersten Mal nicht wirklich Gebrauch von den Möglichkeiten eines Studios gemacht.
Joe: Wir hatten mal ein paar Sessions für die BBC gemacht in deren Studios, aber abgesehen davon war es wirklich das erste Mal. Unsere Arbeitsweise unterschied sich halt immer signifikant von einer typischen Band. Wir saßen vor dem Computer in meinem oder Alexis' Zimmer und haben da gefrickelt. Es war also tatsächlich einigermaßen revolutionär für uns, so zu arbeiten.
A: Einiges wurde aber auch wieder in Joes Haus aufgenommen, in seinem Schlafzimmer, einiges auch bei Al [Doyle] und Felix [Martin]. Es gibt halt Räume, die man zu einem Studio umfunktioniert. Es war diesmal insgesamt etwas professioneller von den Aufnahmemöglichkeiten her, aber wir haben auch nicht alles komplett über den Haufen geworfen.

Trotz der etwas professionelleren Aufnahmebedingungen bleiben die Stücke auf das Wesentliche reduziert. Aber das Album ist stilistisch noch weiter aufgefächert als die beiden Vorgänger. Bei nahezu allen musikalischen Genres wird sich bedient, jenseits aller Kategorien von "gut" und "böse": R. Kelly wird ebenso anzitiert wie der Protest-Countrysänger Willie Nelson oder der opulent-schwülstige Todd Rundgren; im Opener "Out At Pictures" gibt es Saxofon-Eruptionen, die an Charlie Parker gemahnen, und das Stück endet mit einem orgiastisch-entfesselten Geheule, das in einem Affengehege aufgenommen worden zu sein scheint. R'n'B, Postrock, Eurodance, Baile-Funk, Italo-Disco, alles wird gierig aufgesogen und fleißig verdaut. Die Zitathaftigkeit und die fehlende Scheu vor Mainstream/Chartsmusik rückt sie ein bisschen in die Nähe von Scritti Politti. So überrascht es auch nicht, dass Alexis Taylor gerade ein Album mit deren Bandleader Green Gartside, dem anderen großen Falsettisten der Insel, aufgenommen hat.

Nichts findet hier unter dem Deckmantel der Ironie statt. Im Gegenteil. Wie schüchterne Schuljungs nähern sich die Londoner mit ihren kleinen Synthesizern und Keyboards der großen Popmusik. Timbaland und die Neptunes, klar, deren jecke Songinstallationen finden selbst die schrägsten Indie-Vögel gut, das ist nicht neu. Mit denen teilen Hot Chip auch ihre Vorliebe für minimale Soundgerüste und Equipment aus dem Antiquariat. Aber wo Timbaland, Timberlake und Konsorten zu den coolen Klängen stets ihre dicken Eier raushängen lassen, singen Hot Chip immer aus der Warte der Schwachen und Komischen. Allein schon Alexis' androgyne Stimme verkörpert im Prinzip das krasse Gegenteil von Machismo. Alex: "So klingt meine Stimme nun mal. Wenn du schon Androgynität ansprichst, gilt es, auch Prince als sehr wichtigen Einfluss zu nennen. Wobei ich mich natürlich nicht mit ihm vergleichen will. Er hat eine unglaubliche Stimme. Mir hat man auch schon öfter erzählt, ich würde singen wie auf einer frühen Scritti-Politti-Platte, es scheint da tatsächlich Ähnlichkeiten zu geben, obwohl das eine Band ist, die ich erst viel später entdeckt habe. Klar, ich bin sehr an Androgynität interessiert, daran, mit einer anderen Genderperspektive zu spielen."
Androgynität als Strategie gegen die normative Macht von Geschlechterhierarchien. Ein Satz wie aus dem Judith-Butler-Proseminar. Ist natürlich alles nicht neu und hat in England durchaus Tradition. Man denke nur an David Bowie, Placebos Brian Molko oder Suedes Brett Anderson, Mitte der Neunziger Traummann aller, also geschlechtsunabhängig.
Bei Hot Chip ist es jedoch die Musik an sich, dieser ganze Anti-Rockgestus, welcher Androgynität vermittelt, nicht irgendeine Frisur oder ein campy Bühnenoutfit. Ähnlich ist das auch bei Robert Wyatt, optisch zunächst ein, sagen wir, eher unandrogyner Typ, aber im stimmlichen Ausdruck so effeminiert und zerbrechlich, dass Brian Molko sich dagegen wie der letzte Brüllaffe ausnimmt. Mit Robert Wyatt wird es demnächst sogar eine Kollaboration geben. Dessen Label Domino bat die Jungs nämlich um einen Remix für den Meister. Für Alexis eine ziemliche Ehre: "Ich glaube, das ist für uns ähnlich spannend wie die Sache mit Kraftwerk, weil wir Riesenfans sind. Er hat ein Discostück mit einem französischen Produzenten aufgenommen, das sehr weird klingt, sehr untypisch für Robert Wyatt. Es ist noch nicht einmal auf seinem neuen Album, sondern wird erst im nächsten Jahr so herauskommen. Sie haben uns gefragt, ob wir das remixen möchten. Das ist schon ein Traum."

I'm a joker
Alexis und Joe sitzen in dem kleinen Backstageraum des Electric Ballroom und sind sichtlich erregt, weil sie in ein paar Stunden zum ersten Mal das neue Material vor Publikum spielen werden. Das Londoner Publikum ist tendenziell schwierig, das wissen die beiden, und es soll sich später bewahrheiten. Das hat natürlich im Wesentlichen damit zu tun, dass keiner der Anwesenden die neuen Stücke kennt und Hot Chip auch auf einige ihrer Hits verzichten. Irgendwie will der Funke nicht so ganz überspringen. Bei "Over And Over" rasten die Leute zwar kurzzeitig aus, ansonsten wird aber eher gemütlich gewippt. Das weiß Alexis Taylor zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht und zupft sich erst einmal seine pinke, mit neonfarbenen Ranken drapierte Jogginghose zurecht. Die Hose wirkt ähnlich obskur wie sein Outfit in dem Video zu "Ready For The Floor". In dieser offenkundigen Tim-Burton-Hommage ist er als knallbuntes Hybridwesen aus den Batman-Intimfeinden Riddler und Joker verkleidet und verarscht seine Bandmitglieder am laufenden Band.

Sein etwas eigener Humor, den man schon von den Texten her gewohnt ist, kommt zum Beispiel auch raus, wenn man wissen möchte, was denn dran sei an dem Gerücht, dass der Song "Ready For The Floor" ursprünglich als Auftragsarbeit für Kylie Minogue gedacht gewesen sei. A: Eigentlich hatte sie ein paar Stücke für uns geschrieben, aber die haben uns nicht wirklich gefallen, also haben wir das Ganze gelassen. Sie möchte jetzt auch ein bisschen mehr in diese Produzentenrichtung, aber das war nicht so ergiebig für uns. Das waren so Industrialstücke, so ein bisschen Richtung Nine Inch Nails. Aber wir geben ihr noch eine Chance. Vielleicht hat sie demnächst ja mal ein paar bessere Ideen.

Und nun mal im Ernst, warum hat das nicht geklappt?
A: Na ja, wir mochten halt ihre Songs nicht. [allgemeines Gelächter] Nein, im Ernst, wir haben nie mit ihr gearbeitet, wir hatten wirklich nie mit ihr zu tun.
J: Es steckt immerhin ein kleines Fünkchen Wahrheit in der Geschichte. Derjenige, der zurzeit Songs für sie schreibt, war mal lose mit uns in Kontakt und hat was in die Richtung losgelassen, von wegen, wir könnten doch ein Stück für Kylie produzieren, das wäre eine gute Idee. Aber wir hatten bisher einfach keine Zeit dafür und haben auch nie wieder was davon gehört. Es hat sich dann halt im Sande verlaufen.

Euer neues Album ist noch ein bisschen eklektischer als die beiden Vorgänger. Was habt ihr hauptsächlich gehört während der Arbeiten zu "Made In The Dark"?
A: Ich habe sehr viel Terry Riley gehört. Aber auch Songwriter wie Willie Nelson, Paul Simon. Stevie Wonder. Richtige Clubmusik diesmal eigentlich eher weniger.
J: Ich habe eigentlich auch sehr viel unterschiedliche Musik gehört. Ich lege in letzter Zeit wieder viel auf und suche immer nach neuen guten Platten. Es gab in letzter Zeit viele Re-Edits alter Discostücke von Leuten wie Todd Terje, diese ganze Cosmic-Disco-Schiene gefällt mir sehr, auch ein bisschen Dubstep, das neue Burial-Album habe ich in den letzten Wochen rauf und runter gehört. Und auch Technokram von Leuten wie Gui Boratto oder Gabriel Ananda.
A: Oberflächlich gesehen ist da natürlich erst mal eine enorme stilistische Lücke zwischen dem, was Joe gerade aufgezählt hat, und dem, was ich höre ...
Ein stilistisches Wrestling ... [Angeblich haben Alexis und Joe sich auf dem Schulhof erst mal geprügelt bzw. miteinander "gewrestlet", bevor sie Freunde wurden]
A: [lacht] Genau. Aber jemand wie Terry Riley hat im Prinzip ja auch elektronische Musik gemacht in den Sechzigern, er war sehr interessiert an Rhythmus und Minimalismus, ich finde es interessant, so was mit Housemusik zu vergleichen, weil es da von der Struktur her einfach ziemlich viele Ähnlichkeiten gibt, auch wenn kein House-DJ dieser Welt Terry Riley auflegen würde.Griechisch-römisch, super-sonisch
Natürlich würde es niemanden verwundern, wenn Alexis tatsächlich auf einer Houseparty Platten von Terry Riley spielte und damit die Hedo-Crowd verstörte. Ähnlich, wie Joe damals in der Berliner Panorama Bar die Minimal-Techno-Fraktion aufgewühlt hat, als er um sieben Uhr morgens im Rausch R'n'B auflegte und sich wunderte, wieso die bis dahin so friedlich Tanzenden plötzlich laut buhten.
Doch auch wenn sie stilistische Barrieren beim Auflegen wie beim Produzieren stets überhüpfen, sind Hot Chip natürlich nicht die radikalste Band, wie mancherorts geschrieben wird. Ihre Stücke sind keine bloßen Samplingorgien und Songdekonstruktionen, sondern Electropopsongs, die mit Versatzstücken aus der Pophistorie spielen. Bestenfalls wird nachgespielt statt gesampelt, wie bei dem Song 'The Wrestlers', der wie bereits angesprochen auf der Hookline des R.-Kelly-Stücks 'I'm A Flirt' basiert. Im Endeffekt geht es aber immer um den eigenständigen Song.

Anders als viele derzeitige Indie-Tanzbands wissen Hot Chip auch, dass ein guter Popsong, der im Club funktionieren soll, mehr braucht als ein cooles Gang-Of-Four-Schlagzeug. Alle Bandmitglieder legen nebenbei regelmäßig in Clubs auf, Felix Martin und Al Doyle haben sich dabei auf minimaleren Techno spezialisiert, die Sets von Joe und Alexis bieten immer einen, nun ja, interessanten Stilmix. Neuerdings veranstalten sie in verschiedenen, stets wechselnden kleineren Locations eine Partyreihe namens "Greco Roman Sonic International Wrestling". Dort werden neue Hot-Chip-Stücke ausprobiert, befreundete DJs wie Busy P, Jesse Rose oder Noze legen mit auf, und es gibt eine auf die Party abgestimmte 12-Inch-Reihe, die leider in Deutschland nicht erhältlich ist. Kann man sich aber auf der zugehörigen MySpace-Seite anhören. Anspieltipp ist das ziemlich durchgeknallte 'Oi Berlin' von Jesse Rose, das klingt wie Green Velvet nach einer sehr großen Line Speed. Die fünf Londoner sind also gerade wieder schwer beschäftigt: produzieren, remixen, auflegen, auf Tour gehen. Und nebenbei haben sie mit 'Made In The Dark' noch gewissermaßen die Blaupause für elektronische Popmusik 2008 geschaffen.

Hier geht's zum Artikel über Mattew Dear, der Hot Chip auf der Tour begleitet.

Hier geht's zu den Hot Chip Top 5.

Hier geht's zum Artikel über Hot Chip & Scritti Politti.

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