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Nie mehr allein

Honig und das neue Bandgefühl

Aus dem Soloprojekt des Düsseldorfer Singer/Songwriters Stefan Honig ist im Laufe der letzten zwei Jahre eine der aufregendsten Bands des einheimischen Indie-Pop gewachsen. Das neue Album lotet eindrucksvoll die Grenzen zwischen filigranem Folk und bombastischer Euphorie aus.
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Honig spielen Folk für die großen Bühnen. Da passt es gut, dass aus der One-Man-Show inzwischen eine fünfköpfige Band mit fester Besetzung und gemeinsamen Vorstellungen geworden ist. Das letzte Album »Empty Orchestra« hatte Sänger Stefan Honig 2012 noch im Alleingang mit Gastmusikern aufgenommen. »Damals war die Idee ganz klar, eine Indie-Platte zu machen. Da habe ich mir auch nicht reinreden lassen«, kommentiert der Multiinstrumentalist, der auch auf »It’s Not A Hummingbird It’s Your Father’s Ghost« für alle Texte und die grundlegenden Strukturen der Musik verantwortlich ist. Den Rest der Arrangements entwickelt die Band im Proberaum und bei Konzerten weiter. Ergebnisoffen wird auf den Bauch gehört, ohne dabei den Kopf auszuschalten. Den Liedtitel »We Are Alone In This Together« darf man als eine Art roten Faden des Albums begreifen: »It’s Not A Hummingbird ...« ist ein Gemeinschaftswerk.
 
»Es war für mich eine Erleichterung, stellenweise die Verantwortung abgeben zu können«, so der Frontmann. »Eigentlich lief es die ganze Zeit darauf hinaus, denn meine Band hatte ich irgendwie schon immer.« Gemeint ist damit, dass sich Honig aus alten Freunden zusammensetzt, die teilweise schon vor über 15 Jahren in anderen Formationen zusammen spielten. Ein Gemeinschaftsgefühl ist entstanden, das der Bandleader nicht mehr missen möchte: »Ganz alleine nur mit der Gitarre vor Tausenden von Leuten zu stehen kann erschreckend sein«, schildert er die Erfahrungen, die er im Vorprogramm von Thees Uhlmann und Philip Poisel gemacht hat. »Gerade auf den größeren Bühnen hat man jetzt nicht mehr das Gefühl, verloren zu sein. Bass und Schlagzeug drücken einen von hinten, und man hört vier Leute mitsingen, wenn man singt. Das sind die Momente, in denen man denkt: ›Geil, ich bin nicht allein!‹«
 
Man spürt, dass diese Band Musik ebenso gerne hört wie selbst aufnimmt. So sind neben Bon Iver, Grizzly Bear oder Sufjan Stevens auch die Beastie Boys und sogar Metal auf den Tour-Mixtapes zu finden: »Unser Bassist würde lieber viel härtere Musik machen, und auch unser Schlagzeuger kramt gern die alten Pantera-Sachen raus«, verrät Stefan Honig. »Obwohl die Geschmäcker sehr verschieden sind, können wir uns aber alle auf das verständigen, was mit der Band passiert.« So entsteht ein Klang, der Komplexität neugierig erforscht, statt sie zum Selbstzweck werden zu lassen, und gar nicht erst nach gängigen Kategorien wie Folk oder Singer/Songwriter sucht. Zu dieser Musik möchte man Innehalten oder Mitsingen. Manchmal beides zugleich. Elaborierte Feinmechanik trifft auf hemdsärmeligen Lagerfeuer-Spirit. Honig haben keine Angst davor, bombastisch oder mitsingtauglich zu werden, weil sie wissen, dass sie im nächsten Augenblick ins Filigrane und Intime zurückkehren können. Dass jener Facettenreichtum der Songs sich auch im Klang der Aufnahmen widerspiegelt, dafür sorgt Arnthor Orlygsson alias Addi 800. Der Isländer verpasste schon Alben von Björk oder Sigur Rós den letzten Schliff.

Dennoch, diese Lieder wollen live gespielt werden und haben ebendort ihren Ursprung: »Eigentlich ist das Album bereits in den letzten zwei Jahren auf Tour entstanden, auch wenn die Stücke erst danach geschrieben wurden«, kommentiert Stefan Honig und freut sich bereits auf die Konzerte im Herbst. »Wir haben eine gute Truppe beisammen, und alle freuen sich tierisch, wenn es auf Tour geht. Ich denke, wir würden es sogar zusammen in einem Nightliner aushalten.« Ganz so weit sind Honig zwar noch nicht. Das kommt aber vermutlich bald.

Honig »It’s Not A Hummingbird It’s Your Father’s Ghost« (Haldern Pop / Rough Trade / VÖ 22.08.14)