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Spalter zum TV-Ereignis

»Homeland«

Am 3. Februar startet Sat1 die Ausstrahlung von »Homeland«. Hier kommen zwei gegensätzliche Meinungen zur US-Erfolgsserie.
Geschrieben am

Glaubt man Sat.1-Geschäftsführer Nikolas Paalzow, so handelt es sich bei »Homeland« um die »derzeit beste Serie der Welt«. Ab dem kommenden Sonntag zeigt der Sender wöchentlich eine Folge der Erfolgsserie. Intro-Autor Lars Weisbrod wird eher nicht einschalten. Das kann Redakteur Bastian Küllenberg nicht verstehen. »Homeland« spaltet.

Contra
Endlich gibt es auch eine wertige Fernsehserie für Menschen, die Fernsehserien überhaupt nicht mögen: »Homeland«. Dass komplexes Erzählen in amerikanischen TV-Serien so toll sein soll, hat ja jetzt auch der letzte irgendwo an der Bushaltestelle aufgeschnappt. Aber muss denn Komplexität auch immer gleich so kompliziert sein? Nicht bei »Homeland«. Geschrieben haben es schließlich die Autoren von »24«, zu deren Interessenschwerpunkten nachweislich weder das Erzählen von Geschichten noch das Ausdenken von Figuren gehören (geschweige denn das Darstellen von Institutionen, was ja bei einer Geschichte um die CIA mal eine nette Abwechslung gewesen wäre). Der Plot kommt einem hintersinnig vor, immerhin geht’s um Doppelagenten und so. In Wirklichkeit kann sich die Twists aber jeder, der schon mal einen Film gesehen, ein Buch gelesen oder eine TKKG-Kassette gehört hat, nach der Pilotepisode denken. Tiefenstruktur wird dann vorgegaukelt durch Familiendrama auf Soap-Niveau (»Mein Mann ist wieder da! Dabei geh ich doch jetzt mit seinem besten Kumpel aus der Truppe!«) und ein irgendwie politisches Thema, was ja schnell mal mit einer politischen Serie verwechselt wird. Gewagte Botschaft der ersten beiden Staffeln: Amerika sollte lieber keine Drohnenangriffe auf Schulkinder fliegen! Jakob Augstein wird’s gefallen. Das Bescheuerteste: dass Damian Lewis seinen Emmy für dieses breiige Surrogat einer guten Fernsehserie bekommen hat und nicht damals für »Life«. (Lars Weisbrod)

Pro
Diese Serie könnte so viel schwächer sein und bliebe dennoch ein Meilenstein des TV-Polit-Thrillers. Allein der Umstand, dass man bei einer US-Serie, die die kriegerische amerikanische Gegenwart thematisiert, nicht bereits nach der ersten Folge einen Flaggen-Koller bekommt spricht für die Macher von »Homeland«. Es werden hier tatsächlich mehr Fragen gestellt, als simple Antworten gegeben. Selbst aus der europäischen Vogelperspektive, die sich – allen offensichtlichen Gegenbeispielen zum Trotz - nur allzu gern auf aufklärerische Traditionen und eine überlegene Kultur zurückzieht, kann man erkennen, dass an »Homeland« das Heimatschutzministerium allerhöchstens beratend zur Seite stand und nicht, wie bei vielen vergleichbaren TV- und Kino-Produktionen, als Co-Produzenten fungierte. Claire Danes spielt die CIA-Agentin Carrie Mathison als Grenzgängerin zwischen egomanischem Karriere-Wahn, ehrlicher Anteilnahme, investigativem Ehrgeiz und Tablettensucht. Interessant, weil ebenso glaub- wie schmerzhaft ist zudem die Darstellung des innerfamiliären Konflikts zwischen Jessica Brody und ihrem für tot gehaltenen Ehemann Nicholas. Beidseitig werden selektiv die Emotionen ausgeblendet, beim verzweifelten Versuch die überkommenen Rollen wieder auszufüllen. Identifikation fällt leicht, vorausgesetzt man ist bereit, auch bei sich selbst nach den dunklen Ecken der Seele zu suchen. Letztlich ist »Homeland« gerade deshalb so sehenswert, weil die Serie trotz aller Story-Wendungen zu keiner Zeit vergisst, dass die besten Thriller ohne zu offensichtlichen Spannungsbogen auskommen - und vor allem vom Ensemble leben. (Bastian Küllenberg)