×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kinderorgeln als Lärmschleudern

Holy Fuck

Mit ihrer sägenden Brachial-Elektronik hat die Band aus Toronto bereits das Glastonbury-Festival zum Kochen gebracht. Martin Büsser berichtet.
Geschrieben am

Was für ein dämlicher Bandname! Das ist das Erste, was einem in den Sinn kommt. Die Musik ist allerdings so großartig, dass man Holy Fuck fast schon wieder verzeiht. "Der Name ist wirklich doof", sagt Graham lachend, "er kommt daher, dass wir am Anfang nur kaputten, chaotischen Lärm gemacht haben. Und was ist die Reaktion der Leute auf chaotischen Lärm? - Sie sagen entsetzt: ›Holy Fuck!‹ Dann sind wir auf Tour gegangen und musikalisch immer besser geworden. Also trifft der Name eigentlich gar nicht mehr auf unsere Musik zu. Wir behalten ihn trotzdem, denn inzwischen kennt uns jeder als Holy Fuck."

Lärmig ist die Band aus Toronto immer noch, allerdings perfekt strukturiert und durchweg tanzbar. Mit ihrer sägenden, an Suicide erinnernden Brachial-Elektronik haben sie bereits das Glastonbury-Festival zum Kochen gebracht. "Wir sind zwar krachig und experimentell - aber nie auf Kosten des Publikums. Als wir begonnen haben, war alles reine Improvisation, aber durch das ständige Touren hat unsere Musik Struktur angenommen. Es ist die Musik einer Rockband, die keinen Rock mehr spielt, sondern Elektronik. Da wir unseren Background allerdings nicht verleugnen können, ist es immer noch Elektronik, die eher nach Slayer als nach Disco klingt."

Der visuelle Aspekt ist ihnen live ebenso wichtig wie ihr brachialer Sound. Auf Laptops wird daher völlig verzichtet. "Ich finde es viel spannender, wenn die Leute auch sehen, woher die Geräusche kommen. Dazu benutzen wir viele ungewöhnliche Klangquellen. Brian arbeitet zum Beispiel mit einem alten 35-mm-Film. Die Filmspur macht Geräusche wie eine gescratchte Schallplatte. Außerdem benutzen wir viele Kinderinstrumente. Klar, es ist nicht besonders originell, mit einem Spielzeugkeyboard aufzutreten, wenn du das aber durch mehrere Verzerrer jagst, kommen dabei die unglaublichsten Sounds raus!"

Dass Holy Fuck keine Laptops mögen, hat keine ideologischen Gründe, denn laut Graham "sind wir die liberalste Band, die du dir vorstellen kannst. Es liegt vor allem daran, dass ich mit Elektronik nicht umgehen kann. Das habe ich erst in der letzten Zeit gelernt und musste feststellen, dass die Sounds auf solchen Geräten standardisiert klingen. Wenn du dich wirklich originell anhören willst, solltest du lieber zu richtigen Instrumenten greifen und die zweckentfremden."

Zusammen mit den Produzenten Eli Janney (Girls Against Boys) und Dave Newfield (Broken Social Scene) ist eine Platte entstanden, deren Intensität an ein Aufeinanderprallen von Can und frühen Daft Punk erinnert. Verfremdeter Gesang - vielleicht sollte man eher von Stimmfetzen reden -, treibende Beats und rumpelnde Sounds aus billigen Plastikkisten definieren hier Electroclash neu. Das ist nicht mehr "cheap" und vom Sound her auf kleine Clubs angelegt, sondern funktioniert sogar im Stadion. Aber darauf haben es Holy Fuck gar nicht angelegt. "Klar spielen wir auch vor großem Publikum, allerdings wäre es eine Katastrophe, wenn Berühmtheit eines Tages der Kompromisslosigkeit unserer Musik im Wege stehen würde." Diese Gefahr ist bis auf Weiteres nicht gegeben.

Wir verlosen drei Mal das Album 'LP' auf CD. Schickt bei Interesse eine E-Mail an verlosung@intro.de und gebt bitte Eure vollständige Anschrift dabei an.