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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wir bauen eine Stadt (nach Paul Hindemith)

Holger Hiller und Thomas Fehlmann

Paul Hindemith hat 1930 ein kleines Musikstück für Kinder geschrieben, in dem die Kinder die Macht über eine Stadt übernehmen. Stücke wie “Bei uns haben die Erwachsenen nichts zu sagen” klingen schon fast so, als wären sie zur Kinderladen-Bewegung Ende der 1960er entstanden. Mit ihrer Band Palais Sc
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Paul Hindemith hat 1930 ein kleines Musikstück für Kinder geschrieben, in dem die Kinder die Macht über eine Stadt übernehmen. Stücke wie “Bei uns haben die Erwachsenen nichts zu sagen” klingen schon fast so, als wären sie zur Kinderladen-Bewegung Ende der 1960er entstanden. Mit ihrer Band Palais Schaumburg hatten Holger Hiller und Thomas Fehlmann bereits 1982 einen Hit mit dem Titel “Wir bauen eine neue Stadt”, dessen Zeilen “Gibst du mir Steine, geb ich dir Sand” nun auch wieder in dieser Mini-Oper auftauchen. Kreise beginnen sich zu schließen. Hindemiths ebenso kindgerecht einfache wie konstruktivistisch kantig angelegte Musik folgte ganz dem Furor der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der sich auf die simple Gleichung bringen lässt: Kinder + Technik = Zukunft. Nichts anderes hatten Wave-Bands wie Palais Schaumburg oder Der Plan zu Beginn der 1980er mit ihrem Zusammenspiel aus Technikfixiertheit und Infantilismus aufgegriffen: Synthies statt Muckertum, Stammeln statt erwachsene Rock-Texte. Dieses Zusammenspiel von Kindlichkeit und Futurismus, das nichts mit CDU-Slogans wie “Kinder sind unsere Zukunft” zu tun hat, sondern eher mit der Weigerung, erwachsen zu werden, haben die beiden nun auch in ihrer Hindemith-Bearbeitung umgesetzt. Schon das Format ist Futurismus pur – einseitig bespieltes Vinyl –, das auch noch leben wird, wenn alle digitalen Daten längst verrottet sind. Konsequent auf elektronischem Klingklang mit verfremdetem Gesang umgesetzt, erfährt das Original eine radikale, aber immer noch kindgerechte Neuinterpretation.