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Hits unter der Pelzmütze

Lightspeed Champion live

Unser Autor Christoph Dorner sah den Londoner Songwriter in Berlin.
Geschrieben am
02.04.08, Berlin, Bang Bang Club

Vor einigen Wochen war man sich bei Lightspeed Champion ganz sicher, das nächste große Ding nach Adam Green und Kate Nash entdeckt zu haben. Warum? Singer/Songwriter Devonte Hynes brachte auf den ersten Blick alles mit, um einem breiteren Publikum zu gefallen ohne dabei peinlich zu sein. Alle seine Songs auf dem Debüt 'Falling Off The Lavender Bridge' sind entwaffnende Hits. Indie-Folk mit umarmenden Up-Beat-Melodien, warmer Instrumentierung und kessen Lyrics, wer mag das nicht? Eben.

Und da ist ja auch noch Hynes selbst: Die Blaupause eines süßen wie individualistischen Indie-Boys im 21. Jahrhundert. In England ist der 22-jährige Londoner schon jetzt Stilikone und Liebling der Underage-Szene. NME-Cover inklusive. Und in Deutschland? Dort hält sich die Aufregung um Lightspeed Champion noch in Grenzen. Nicht einmal der kleine Berliner Bang Bang Club ist ganz ausverkauft - ausgerechnet die Anhimmel-Plätze in den ersten Reihen bleiben frei. Wenn das englische Teenager wüssten! Aber das Publikum ist auch mal eben doppelt so alt und vorab halb so positiv eingenommen wie auf den 14+-Shows in England. Doch zumindest letzteres wird sich im Laufe der 60-minütigen Show gehörig ändern.

Cool sieht er ja aus, in seiner überdimensionalen Pelzmütze, mit Hornbrille und dezentem Oberlippenbart, blau-weiß gestreiftem T-Shirt mit Brusttasche, Anzughose und spitzen Herrenschuhen. Seine Coolness wird Hynes jedoch schnell zum Verhängnis, weil er seine Mütze trotz ständig steigender Raumtemperatur nicht abnehmen will und schnell so dicke Schweißperlen über Gesicht und Brille laufen.

Außerdem sei auf seiner langen Tour schon so viel kaputt gegangen, erzählt Hynes etwas salopp gleich zu Beginn des Konzerts. Man sei aber zu faul, um sich neues Equipment zu kaufen. Auch diese Tatsache wird noch ein Nachspiel haben. Doch zur Musik. Klar, Lightspeed Champion spielen als vierköpfige Band mit hübscher Schlagzeugerin alle Hits ihres Debüts. Songs wie 'Galaxy Of Lost' und 'Tell Me What It's Worth' gewinnen live sogar noch dazu, weil sie mit zackiger Violine und Proberaum-Charme etwas weniger überzuckert klingen.



An Hynes geschmeidigen Bewegungen auf der Bühne lässt sich erahnen, dass der junge Mann mit den Test Icicles auch schon eindeutig härtere Musik gemacht hat. Zwischendurch fragt der Grundsympath wiederholt nach dem Befinden im Publikum, verwechselt den Wochentag, freut sich, dass endlich einmal jemand seine Bilderrätsel auf der Bühne entschlüsselt hat und fiebert einem für ihn großen TV-Ereignis entgegen: "Yes, only 22 more days till 'Lost - Season Four'."

Das beste an Lightspeed Champion ist allerdings, dass Hynes auf der Bühne genau da weitermacht, wo 'Falling Off the Lavender Bridge' aufhört. Gleich drei neue und unvermindert nette Songs schüttelt er mal eben aus dem Ärmel. Einer heißt 'Happy Birthday', der zweite handelt von Marlene, einem deutsches Mädchen, dass - verdammt noch mal - aufhören soll, cool zu sein. Und im dritten soll ein Girl ihn, den armen Tropf, mal eben bitte umbringen. Süß, nicht wahr? Zum Abschluss des regulären Sets schrettert die Band noch das Star-Wars-Theme (bei den NME-Awards war man in Star-Wars-Kostümen aufgetreten) und leitet direkt in den furios vor sich hinstolpernden Zehnminüter 'No Surprise (For Wendela)' über, der danach auch den hinterletzten Skeptiker zum Jubeln bringt.

Die Band will danach eigentlich noch weiterspielen, kann es aber schlicht und ergreifend nicht. Der Grund: Schlagzeugerin Anna Prior ist ein Schlagzeugstock zu Bruch gegangen und sie hatte keinen (!) Ersatz. Echte Rocker, die zu Hause einen Schrein mit auf Konzerten gefangenen Drumsticks haben, dürften sich spätestens hier aus dem Text ausklinken. Bei Lightspeed Champion kommt selbst diese dilettantische Panne sogar noch gut an. Stattdessen klampft Hynes nur von der Violine begleitet eine wunderbare Version von 'Heart In A Cage' von den Strokes.

Man muss kein Prophet sein, um Devtone Hynes eine große Zukunft vorauszusagen. Sein Aufstieg wird in Deutschland vielleicht nicht so kometenhaft sein, wie der von Kate Nash. Er wird vielleicht nicht in Opernhäusern spielen, wie Adam Green. Aber die Zeit für Lightspeed Champion wird kommen, definitiv. Darauf verwette ich meine Drumsticks-Sammlung.


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