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Hippies, Hasch und Flower Power. 68er-Pop aus Deutschland "Bear Family", Cocktail Mol6t8v. La Bande Son De La Revolte

Diverse

"Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden?" singt Freddy Quinn und gibt gleich darauf die beherzte Antwort: "Wir!"
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"Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden?" singt Freddy Quinn und gibt gleich darauf die beherzte Antwort: "Wir!" Den "Gammlern" dagegen schreibt er mit sonorer Stimme ins Stammbuch: "Ihr lungert herum in Parks und Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nur hassen? - Wir!"

1968 hat polarisiert, so sehr, dass sich selbst Schlagersänger positionieren mussten, überlegen, auf welche Seite sie sich stellen. Freddy Quinn bzw. dessen Management entschied sich für den rechtschaffenen Burschen, Großmuttis Liebling, der auf dem Single-Cover zu "Wir" so kantig und gestriegelt in die Zukunft blickt, als sei das Foto für die Auslage beim Frisör gemacht. Komisch, dabei singt er doch: "Wer hat sogar ähnliche Maschen, auch lange Haare, nur sind sie gewaschen? - Wir!"

Die hier versammelten Stücke derjenigen, die sich für die alten Werte der Adenauer-Ära stark machen, besitzen allesamt eine an Peinlichkeit nicht zu überbietende Komik, da ihrem Hass auf alles Jugendliche, Neue und Widerspenstige der Muff des kulturindustriell Gemachten und die Zielgruppenorientierung am Schlager-Konsumenten zehn Meter gegen den Wind anzuhören ist. Wenn Thomas Fritsch verkündet: "Es ist leicht, Protest zu machen, denn jeder weiß, wie man das tut (...), doch es ist gar nicht so leicht, erwachsen zu sein", dann stimmen solche Vati-Sprüche nicht einmal.

Rund um 1968 war es in Deutschland nämlich gar nicht so leicht, Protest zu üben, da es noch überhaupt keine Protest-Erfahrung gab. Dass es nicht einmal leicht war, Protest überhaupt in Wort und Musik zu fassen, machen all jene Beiträge auf diesem Sampler deutlich, die sich auf die Seite der Hippies und Protestierenden schlagen und versuchen, deren Flippigkeit in den deutschen Schlager zu integrieren. Stücke wie "Marihuana Mantra" (Kuno & The Marihuana Brass), das eingedeutschte "(Aquarius) Der Wassermann" (Spencer Davis Group) oder "Hippie Hippie" (France Gall) geben die höchstmögliche Peinlichkeit lediglich von der anderen, vermeintlich coolen Seite wieder.

Gerade das macht diesen Sampler zu einem großartigen Partyspaß, zu einem politischen Zeitdokument und bis hinein ins umfangreiche CD-Booklet zu einer der liebevollsten Veröffentlichungen dieses Sommers. Denkt man an 68er-Pop in Deutschland, fallen einem natürlich auch coole Sachen ein, Can beispielsweise, Amon Düül und Xhol Caravan. Aber darum ging es den Herausgebern des Samplers nicht: Hier sollte lediglich dokumentiert werden, wie Schlager, Chanson und deutsche Unterhaltungsmusik auf 1968 reagierten - nämlich mit Unverständnis, Klischees und Geblödel auf beiden Seiten.

Etwas anders gehen die Herausgeber der Doppel-CD "Cocktail Mol6t8v" vor: Hier werden die politischen Ereignisse von Frankreich im Mai 1968 (vertreten durch O-Töne von z. B. De-Gaulle- und Cohn-Bendit-Reden) in einen Kontext mit der damaligen Musik, dem "Soundtrack zum Protest", gestellt. Dieser ist musikalisch natürlich wesentlich besser als Freddy Quinn und Co., mit den Yardbirds, Velvet Underground, Jefferson Airplane, Jimmy Hendrix, 13th Floor Elevators und The Soft Machine bietet die Auswahl dafür aber auch wenig Überraschendes und Neues. Streiten kann man sich, was die unsägliche Rocker-Hymne "Born To Be Wild" im Kontext von linkem Protest zu suchen hat - wo doch das Rocker-Klientel vor allem mit Nazi-Devotionalien liebäugelte -, freuen kann man sich dagegen, dass auch Rock-Fernes wie Albert Ayler und Pierre Henry vertreten ist. Wirklich verdienstvoll ist vor allem, dass neben den bekannten musikalischen Größen auch französische Underground-Bands der damaligen Zeit mit aufgenommen wurden. Zum Beispiel die von Captain Beefheart beeinflussten Barricade. Die kennt hierzulande nun wirklich fast niemand.