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Hip und Hop zwischen 00 und 10

Das waren die Nuller

Wenn zwischen 2000 und 2010 in diesem Genre eines auffällig war, dann seine Stagnation: Wenig neue Namen, viel zu wenig Mitreißendes...
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Wenn zwischen 2000 und 2010 in diesem Genre, das die 90er so aufregend-lebendig geprägt hat mit einem nicht enden wollenden Fluss an Maßstäbe setzenden Platten (im Kontrast zum sozialen Regress mit dem Strom des Blutvergießens), eines auffällig war, dann seine Stagnation: Wenig neue Namen und leider auch viel zu wenig Mitreißendes gab es zu vermelden.

Es war das Jahrzehnt der Produzenten. Die Neptunes setzten Maßstäbe, ebenso Timbaland und Dr. Dre. Da ihre Tagesgage aber schnell das Einkommen eines durchschnittlichen Straßenzuges in South Central überstieg, pimpten sie eben das dementsprechende Klientel auf.

Man konnte von Glück sagen, wenn sie Missy Elliott und Snoop Dogg noch mal kurze Momente der Signifikanz schenkten, denn in ihrem Roster tauchten auch viele auf, die umgehend wieder namenlos abtauchten, um einiges ärmer und mit einer Liste entlassener A&Rs im Backkatalog.

Wie nicht anders zu erwarten stand, ist der Wu-Tang Clan weiter seinen eigenen Weg gegangen - nicht unbedingt zum qualitativ Besten dieser Gang aus Ninjas und Playern. Method-Man-Kollaborateur Redman suhlte sich zwar mit Christina Aguilera im Matsch in die Charts, passend "Dirrty" betitelt, und auch andere aus dem Clan hatten vereinzelte Appearances, so richtig respektabel bewältigte allerdings nur Ghostface Killah das Jahrzehnt, das dann aber auch gleich mit vier soliden Alben ("Supreme Clientele", "The Pretty Toney Album", "Fishscale" und "The Big Doe Rehab"). Mit Abstrichen ist noch Masta Killas "No Said Date" zu nennen. Zwar schossen auch GZA, Cappadonna, Method Man, Raekwon, Inspectah Deck und Mathematics Soloalben raus, blieben aber - zumindest, was die Credibilität angeht - auf die Momente mit der ganzen Familie angewiesen. Diese legte zuletzt "8 Diagrams" auf, das international aber so mies lief, dass der Nachfolger "Chamber Music" zumindest vorläufig nur in den Staaten erscheint.


Wenn wir schon von Redman und Charts-Ambitionen sprechen, so darf nicht unterschlagen werden, dass Qualität und Erfolg nicht dasselbe sind und es in der Geschichte der Künste oft geschieht, dass der Pay-Day dann kommt, wenn die Kritik sich bereits gelangweilt abgewendet hat. Insofern brachte der große US-HipHop-Markt auch in diesem Jahrzehnt Superstars wie Lil Wayne (mit Alben wie "Da Drought 3" und "Tha Carter III"), 50 Cent (dessen Erfolgsgeschichte gar wie bei Eminem mit einem Film über sein Leben gekrönt wurde), Lupe Fiasco, Beanie Sigel und The Game hervor - und bot Puff Daddy, oder wie der Vogel gerade heißt, die Bühne für seine Auftritte.

Einer, von dem man sich viel für das Jahrzehnt erwartet hatte, war Eminem. Der Whitey aus Detroit hatte Ende der 90er vielversprechend losgelegt, bog dann aber nach der "The Marshall Mathers LP" ins Nirwana aus Pillen und anderem Zeug ab. Dafür hat das andere Großmaul des Rap, Jay-Z-Zögling KanYe West, die Zügel fest in der Hand und lotete zwischen seinem Debüt "The College Dropout" und dem aktuellen Album "808s And Heartbreak" ohne Ausfälle die Genregrenzen aus.

Mehr als souverän hat sich auch Jay-Z durch das Jahrzehnt performt - nicht, ohne dabei oben angesprochene Superproduzentenriege um Timbaland und Neptunes genauso anzuzapfen wie seine Entdeckung KanYe West. 2001 und 02 legte er seine ersten beiden "Blueprint"-Alben vor, es folgten 2003 "The Black Album" und 2007 "American Gangster". Und dann waren da noch "The Best Of Both Worlds" mit R. Kelly sowie seine Irrungen und Wirrungen mit Linkin Park ("Collision Course"), mal ganz abgesehen von seiner Tätigkeit als CEO von Def Jam, der eigenen Klamottenlinie Roc-A-Wear und nicht zuletzt der Traumhochzeit mit Beyoncé Knowles. Ziemlich busy, der Bub.


Auf der nächsten Seite: OutKast, M.I.A., Mos Def u.v.a.


Wenn zwischen 2000 und 2010 in diesem Genre, das die 90er so aufregend-lebendig geprägt hat mit einem nicht enden wollenden Fluss an Maßstäbe setzenden Platten (im Kontrast zum sozialen Regress mit dem Strom des Blutvergießens), eines auffällig war, dann seine Stagnation: Wenig neue Namen und leider auch viel zu wenig Mitreißendes gab es zu vermelden.

Suchte Jay-Z sein kreatives Heil schon früh im Engtanz mit cheesy Pop, so baute das Südstaaten-HipHop-Duo OutKast seinen Überstatus auf dem Talent für Aberwitziges auf. Sein Stil kennt keine Grenzen. Was auf "Stankonia" (2000) noch relativ normal daherkam, wurde mit "Speakerboxxx / The Love Below" (2003) und "Idlewild" (2006) ordentlich aufgewühlt, nicht zuletzt dank der Ohrwürmer "Hey Ya!" und "Ms. Jackson".

Insofern gemach, gemach mit dem Totentanz, zumal es durchaus auch frischen Wind zu vermelden gibt. Beispielsweise von der Definitive-Jux-Posse, die 2001 mit Acts wie Aesop Rock ("Labor Days") und Cannibal Ox ("The Cold Vein") einen verheißungsvollen Start hinlegte, bevor sie leider ein wenig den Flow verlor. Nun ja, nicht jeder hat Luft für den Marathon einer langen Karriere. Ähnlich ging es mit der neuen Schule des Conscious HipHop. Früh bejubelt - und auch wieder vergessen: Die Wir-kiffen-alle-in-den-Boden-Jungs von Jurrasic 5, Ugly Duckling oder People Under The Stairs. Und der, der es hätte schaffen können zum großen, korrekten Superstar des HipHop, der so extrem talentierte Beatbastler und Produzent J Dilla, Teil der Stones-Throw-Familie, wurde viel zu früh aus dem Leben gerissen. Damn it. Andere Talente wechselten das Metier: Mos Def widmete sich lange nur dem Film (und agierte auch dort sehr talentiert, beispielsweise in Spike Lees "Bamboozled - It's Showtime" und "Be Kind Rewind" von Spike Jonze), überraschte aber neulich mit "The Ecstatic", einem überzeugenden Comeback, von dem sein alter Brother in Biz, Talib Kweli, derzeit nur träumen kann. Der hat sich irgendwann zu viel auf seinen Buchladen in Brooklyn verlassen und dabei vergessen, dass Haltung auch des dazugehörigen Lebens bedarf.

Aber genug Geschichten von alten Männern: Eine Newcomerin, die uns alle begeisterte, war M.I.A. Ihr - wie so vieles Aufregendes heutzutage von Diplo betreuter - Hybrid-Sound ("Kala" und "Arular") zeugte von dem neu geweckten Interesse an der Integration diverser Ethnosounds sowie dem an Experimenten generell - eine Tendenz, die bei abstrakten HipHoppern wie Prefuse 73 und dessen elektronisch aufgepimpten HipHop-Ideen auf Warp schon früher signifikant und deshalb von Warp selbst mit dem Launch des Sublabels Lex Records gepusht wurde. Und auch die neue britische Schule mit Künstlern wie Roots Manuva, The Streets ("The Original Pirate Material") oder Dizzee Rascal ("Boy In The Corner") macht Mut, dass HipHop noch nicht am Ende ist.

Und was macht Dr. Dre? Der Godfather des West-Coast-HipHop tingelt derzeit mit seinem Produzentenkollegen und Interscope-Records-Daddy Jimmy Iovine durch die Welt, um seinen Kopfhörer zu promoten, der angeblich gegen all die miesen Soundfiles da draußen hilft. Immerhin wettert er im Spiegel-Online-Gespräch zum Launch des Kopfhörers nicht nur gegen den technischen Rückschritt, sondern setzt auch auf Künstlerseite an: "HipHop fehlt es an Substanz, ganz einfach. Die Musik hat keine Ideen mehr. Da hat sich ein riesiger Hohlraum gebildet. Im Grunde kann jetzt die nächste Musik kommen und den Laden übernehmen." Und deswegen warten wir auch noch immer auf "Detox", sein anscheinend letztes Album - obwohl das im HipHop als Slogan ja eine ähnliche Verbindlichkeit hat wie Tina Turners Abschiedstourneen. Nun ja, noch hat er es eh nicht "so richtig klar", also das Album. Mal gucken, was 2010 so bringt.

Der große Intro-Jahrzehntrückblick: Das waren die Nuller.
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