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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So klingt 2016

Hinds im Gespräch

Neue Sounds, neue Farben: Wir stellen euch zehn Künstlerinnen und Künstler vor, die unserer Meinung nach den Sound des kommenden Jahres prägen werden. Diesmal: Hinds aus Madrid.
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»Natürlich waren wir jede Nacht besoffen, das war Rock’n’Roll«, erzählt Carlotta Cosials mit leuchtenden Augen über die kürzlich beendete Amerika-Tour ihrer Band Hinds. Die Sängerin und Gitarristin sitzt in ihrem Schlafzimmer, gerade ist sie für zehn Tage in Madrid, danach geht es weiter auf Asien-Tour. Obwohl das Duo erst vor zwei Jahren von Cosials und Ana Perrote gegründet wurde, umfasst die Vita jetzt schon alles, wovon eine Band nur träumen kann: von BBC-Radiosession bis Welttournee. Seit letztem Jahr verstärken Bassistin Ade Martín und Schlagzeugerin Amber Grimbergen die beiden Gründerinnen, wenige Monate später musste sich die Band wegen einer Urheberrechtsverletzung von Deers in Hinds umbenennen.   Dass sie mit ihrem Lo-Fi-Sound in kürzester Zeit Heerscharen an Fans und Kritikern für sich gewinnen konnten, liegt nicht nur am allgemeinen Aufschwung von Slacker-Pop und Garage-Rock, sondern auch an der Glaubwürdigkeit der Damen aus Madrid. Egal ob es um Musik, Videos, Merchandise oder soziale Netzwerke geht - bei Hinds wird DIY nicht nur großgeschrieben, sondern auch gelebt.  

Während sie auf Welttournee war, reiste die Band für die Aufnahmen ihres im Januar erscheinenden Debütalbums »Leave Me Alone« in den Süden Spaniens. Im Gegensatz zu früheren Aufnahmen zeigen Hinds darauf auch ihre melancholische Seite. Schuld daran trägt laut Carlotta die Post-Tour-Depression, die sich zwischen Konzerten und Festivalauftritten eingestellt hatte. Auf die Frage, wo sie ihre Band in einem Jahr sieht, wirkt sie ratlos: »Am Ende geht es nur um die Musik. Ich hoffe einfach, dass das Album funktioniert. Das ist gerade mein einziges Ziel«. Egal, wie erfolgreich »Leave Me Alone« tatsächlich wird – der Tour-Kalender der Damen ist auf jeden Fall voll. Im Januar Europa, im Februar Großbritannien, im März USA, im April Australien und Japan, zählt Carlotta fleißig auf. Eines steht fest: Diese Band wird so schnell nicht zur Ruhe kommen. 
Unser erster Interviewtermin wurde verschoben, weil du die Tage durcheinander gebracht hast. Was ist passiert?
Carlotta Cosials: Wir führen gerade ein Leben, in dem wir nicht wissen, wo wir sind und welcher Tag oder Monat es ist. Wir sind gerade von einer sechswöchigen Tour durch Amerika zurückgekommen. Ich hatte vergessen, dass wir nur zwei Tage in unserer Heimat Madrid hatten und dann gleich  nach Island fliegen würden. Es war so verrückt, ich hatte nicht mal Zeit, meine Wäsche zu waschen. Ich konnte nur die Klamotten mitnehmen, die ich nie trage.  

In diesem Jahr habt ihr über 100 Shows gespielt, unter anderem in Amerika oder auf dem Glastonbury. Nebenbei habt ihr auch euer Debütalbum aufgenommen. Wie habt ihr das geschafft?

Wir lieben es einfach, aufzutreten. Wir werden nicht müde davon und wollen so viele Shows spielen, wie wir nur irgend können. Doch irgendwann fühlst du dich schlecht, weil du nicht wirklich überall sein kannst. Es gibt Leute, die uns fragen, ob wir mal nach Brasilien oder Mexiko kommen. Wir würden ihnen am liebsten antworten : »Fuck. Warte. Wenn ich könnte, würde ich es sofort machen.« Wir sind jeden Tag in einer anderen Stadt, in einem anderen Land oder auf einem anderen Kontinent. Wir müssen überall spielen, aber es gibt keine physische Zeit, das alles zu schaffen. Die Welt ist zu groß für vier kleine Menschenwesen. 

Hast du dich mittlerweile an das Tourleben gewöhnt?
 
Ich vermisse Madrid immer noch, aber ich fühle mich mittlerweile viel wohler auf Tour. Langsam bekomme ich das Gefühl, dass ich dieses Musikerleben führen kann. Aber die Stadt, meine Freunde – die fehlen mir. Alles geht weiter, während ich weg bin. Auf einmal schließt deine Lieblings-Bar oder die Band eines Freundes trennt sich. Mein Leben geht derweil irgendwo anders weiter, passiert mal für sechs Wochen in Amerika. Es fühlt sich an, als ob sechs Wochen meines Lebens fehlen, weil ich weg war. Ich vermisse mein Zuhause, weil ich nicht in der Lage bin, dort zu sein.   



In Interviews sprecht ihr darüber, dass ihr bei eurer Bandgründung nur männliche Bands als Vorbild habt. Warum machen nicht mehr Frauen Garage Rock?
Es gibt einfach nicht genügend Beispiele. Ich habe mich niemals weniger wert gefühlt, nur weil ich eine Frau bin, nicht als Lehrerin, Videomacherin oder Studentin. Plötzlich kriege ich mehr Meinungen über die Art, wie ich mich kleide, Musik mache und schreibe, ob ich es gut kann oder nicht. So viele Sachen, die eine männliche Band niemals zu hören bekommen wird. Wir haben die Band nicht ins Leben gerufen, um uns für Frauenrechte stark zu machen. Seitdem wir in dieser Musikwelt sind, merken wir, dass Künstlerinnen mehr Unterstützung brauchen. Wir sind in einer guten Rolle, um das zu zeigen. Wir erhalten Mails oder Videos, in denen Fans zu unserer Musik tanzen und singen. Rock’n’Roll machen. Es gibt uns ein gutes Gefühl, diese Mädchen zu sehen. Es erinnert uns an die Anfangszeiten unserer Band. Als Ana und ich die Band gegründet haben, gab es nur uns und die Gitarren. Niemand hat über uns bestimmt. Wir versuchen nicht, so perfekt wie einige Popsängerinnen zu sein. Wir wollen Frauen in der Musikwelt Mut geben. Du kannst unperfekt sein. Das waren auch The Velvet Underground. Du kannst machen, was zum Teufel du willst. Das ist Kunst. Und Kunst ist frei.  

In euren Videos und auf der Bühne wirkt ihr wie vier beste Freundinnen. Ist alles wirklich immer Friede, Freude, Eierkuchen?

Wirklich, es ist immer so. Wenn wir mal einen schlechten Tag haben, erinnern wir uns daran, dass wir Songs wie »Bamboo« gemeinsam geschrieben haben. Wir wissen, dass unsere Technik schlechter ist, als die von vielen Musikern auf dieser Welt. Was zählt sind allerdings nicht gute Hände, sondern gute Ideen. Was uns in schlechten Tagen rettet, ist aber, dass wir beste Freundinnen sind, wie Schwestern. 


Euer Debütalbum heißt »Leave Me Alone«. Wann sollten wir Hinds in Ruhe lassen?

Nimm den Titel nicht persönlich. Wir wollen einfach nur Hinds bleiben, deshalb der Titel. Schon jetzt haben wir eine private Sicherheitszone für uns vier geschaffen, in der niemand etwas zu melden hat. »Leave Me Alone« bedeutet: »Danke für deine Meinung, aber wir werden immer noch das machen, was für unsere Band das Beste ist.«




Hinds

Leave Me Alone

Release: 08.01.2016

℗ 2015 Lucky Number Music Limited