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Ein kleines Grüss-Göttle

Hilmar Örn Hilmarsson

Hilmar Örn Hilmarsson, ein Name, der beim ersten Hören vermutlich weniger Erinnerungen als Aussprechprobleme auslöst. Die Älteren dürften ihn freilich noch aus seinen Psychic-TV-Tagen kennen. Und die Jüngeren werden in diesen Tagen durch den Soundtrack zu "Angels Of The Universe" auf ihn aufmerksam
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Hilmar Örn Hilmarsson, ein Name, der beim ersten Hören vermutlich weniger Erinnerungen als Aussprechprobleme auslöst. Die Älteren dürften ihn freilich noch aus seinen Psychic-TV-Tagen kennen. Und die Jüngeren werden in diesen Tagen durch den Soundtrack zu "Angels Of The Universe" auf ihn aufmerksam gemacht. Für diesen zeichnet sich Hilmarsson neben Sigur Rós verantwortlich. Also: weirder Name, Island, Sigur Rós und Soundtracks - mehr Gesprächsanlässe gibt es selten.

Hast du schon immer in Island gelebt?

"Nein, als ich klein war, habe ich in Deutschland gelebt. Meine Zweitsprache ist Schwäbisch. Mein Vater hat in Stuttgart studiert, deswegen also das Schwabenland. Ich trage ein kleines Grüß-Göttle-Element in mir, alles ist nett und gemütlich, wie dort. Zu Psychic-TV-Zeiten habe ich zweieinhalb Jahre in England gelebt. Und als ich mit Soundtrackarbeiten begann, lebte ich fünf Jahre in Dänemark. Ich bin allerdings immer zwischen Island und den anderen Ländern hin- und hergependelt.

Hast du mal versucht, länger im Ausland zu leben?

"Oh ja, aber es ist mir nicht gelungen. Als ich 20 war, habe ich es nicht ganz ein Jahr in Frankreich versucht. Fern von Island habe ich schreckliches Heimweh. Ich werde fast krank vor Sehnsucht. Als ich in London war, wurde ich richtiggehend krank, weil ich das Meer und die Berge nicht sehen konnte. Das ist ein bisschen pathetisch, ich weiß. In England hat mir ein Ausflug nach Wales geholfen, in Dänemark war es viel schrecklicher, weil es das flachste Land ist, das man sich vorstellen kann - neben Holland natürlich. Das gemütliche baltische Meer ist wie eine Badewanne. Wenn man weg ist, beginnt man irgendwann von den Bergen zu träumen.

Gibt es einen Bezug zwischen diesem Gefühl und deiner Musik?

"Jedenfalls erzählen mir das andere Menschen. Vielleicht ist es die Besonderheit isländischen Bodens, dass er sich jederzeit auftun könnte - und weg wäre man. Das versetzt einen in einen ständigen Alarmzustand. Man bemerkt die Großartigkeit des Atlantiks nicht, bis man wegzieht und bestimmte Formen vermisst. Natürlich schlägt sich das in deiner Kunst nieder.

Wie und wann hast du mit deiner Arbeit als Filmkomponist begonnen?

"Filme haben mich schon immer fasziniert. Mit 16 traf ich Fridrik Thor Fridriksson auf der Schule, und wir haben einige Kurzfilme gedreht. Damals beschlossen wir, dass er die Filme drehen und ich die Musik dazu machen würde. Hier sind wir nun - nur ein paar Jahre später.

Formst du deinen Soundtrack nach dem Film, indem du dir einzelne Szenen immer wieder anschaust, oder hast du eine generelle Idee vom Film und dem Sound dazu?

"Fridriksson und ich haben sehr viel zusammen gemacht, was unsere Verbundenheit unterstreicht. Es gibt grundlegende Ideen in seinem Werk, die ich aufnehme und mit denen ich arbeiten kann. Es beginnt mit einem Grundgefühl, das immer variiert wird. Ein Beispiel: Thema des Films "Die Reise" ("Cold Fever") ist die Akzeptanz des Todes. Sehr melancholisch, aber auch sehr schön. Dagegen ist die Hauptfigur in "Angels Of The Universe" wahnsinnig; da begreife ich meine Musik als Schlüssel zu dieser Figur. Die Musik klingt, als habe sie eine verrückte Person in den 60s/70s geschrieben. Eine Mischung aus Rock und Klassik, die gegen Ende immer verdrehter wird. Die Figur sehnt sich nach dem Tod, kann ihn aber nicht akzeptieren.

Du arbeitest auch mit Sigur Rós zusammen. Ist es schwieriger, mit einem Regisseur oder mit einer Band zusammenzuarbeiten?

"Sigur Rós sind großartig. Es gibt kaum etwas, was ich schöner finde als ihre Musik. Beim Soundtrack war es mir wichtig, die Reihenfolge der Lieder im Vergleich zum Film zu ändern. Ich glaube zum Beispiel, dass das Ende am Anfang stehen sollte. Und umgekehrt. Und es hat prima geklappt. Ist doch schön, wenn der Höhepunkt am Anfang steht und Ausgangspunkt ist. Eigentlich möchte ich den Soundtrack zu Filmen alleine machen, Kollaborationen machen mich nervös. Mit ihnen hat es aber geklappt.

Das Label in Deutschland stellt den Soundtrack so dar, als hätten Sigur Rós den Löwenanteil daran - sie haben aber nur zwei Songs gemacht. Die meiste Arbeit stammt von dir.

"So funktioniert Marketing. Sigur Rós sind bekannter als ich.

Kannst du dir vorstellen, mit anderen Künstlern eng an einem Soundtrack zu arbeiten?

"Sigur Rós und ich sitzen zwar gerade nicht an einem Soundtrack, wir möchten aber ein Gedicht, das bis 1864 Bestandteil der "Edda" [isländische lyrische Mythologie] war und dann herausgenommen wurde, mit Orchester und Chor vertonen. Die Platte soll nächstes Jahr im Mai erscheinen. Es wird eine gleichberechtigte Kollaboration werden. Wir werden gegenseitig voneinander lernen. Es wird die denkbar beste Zusammenarbeit auf der Welt.

Was ist das Interessante an Islands Musikszene?

"Keiner möchte sich einschränken oder gibt sich selbst einen Stempel. Jeder ist bereit, Grenzen zu überschreiten. Was mir noch sehr gut gefällt, ist der Zusammenhalt zwischen den Generationen. Als ich 13 war, bin ich zum größten Popstar Islands gegangen und habe ihn gefragt, ob er mir sein E-Piano leihen würde, und er sagte ja. Es hat mich weitergebracht, dass ich mit Menschen sprechen konnte, die älter waren als ich und bereit, mich an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Ich versuche das auch weiterzugeben. Ein Star in Island ist eben kein richtiger Star, es sind immer noch Menschen, denen man ganz normal begegnen kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Menschen nicht nur groß, sondern auch sehr nett sind. Sie sind bereit, mit dir zu teilen. Die Leute, die nicht teilen, deren Kunst ist schnell weg vom Fenster [lacht].
Oder schau dir Björk an. Wenn sie Feuer für etwas fängt, möchte sie es mit anderen Leuten teilen. Sie nimmt anderen Leuten Kassetten auf. Sie hat die Sickness-Tapes erfunden. Immer, wenn ein Freund bei dem, was er macht, von jemandem beeinflusst wurde, nimmt sie Kassetten auf mit genau dem gleichen Kram, um den Einfluss sichtbar zu machen und um ihn davon zu heilen. Es kann also interessant sein, in Island krank zu sein. Zumindest, wenn man mit Björk befreundet ist [lacht]."

In "Angel Of The Universe" geht es um einen gemeinsamen Freund von dir und dem Regisseur. War es nicht schwer, etwas so Persönliches zu verfilmen und zu vertonen?

"Es war absolut notwendig. Zu dem Zeitpunkt, als es unserem Freund so ging, waren wir sehr jung und ziemliche Idioten. Wir haben Geisteskrankheiten nicht so ernst genommen. Wir haben viel darüber gelesen, aber wir dachten, dass diese ganzen Psychologiebücher nur versuchen, abweichendem Verhalten einen Stempel aufzudrücken. Für uns war seine Krankheit sein Aufstieg zu einem höheren Wesen, er hatte ständigen Kontakt mit seinem Unterbewusstsein. Wir haben die Schizophrenie unseres Freundes romantisiert, dabei ist da nichts Romantisches dran, er hat sich letzten Endes umgebracht. Wir mussten durch den Film alles noch mal erleben, um der Sache ein zweites Mal, aber mit dem nötigen Ernst, zu begegnen. Es gibt viel Hilflosigkeit und Schmerz in dieser Geschichte. Es war für uns alle notwendig, unser Verhalten und seine Situation damals zu überdenken.