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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Hellwach beim Bundesvision Song Contest

Laing

In ihrer Heimatstadt Berlin haben es Laing mit der Debütsingle »Morgens immer müde« schon zu Nischenruhm geschafft. Gemäß ihrem Motto »Laing so groß zu machen, wie es geht« ist das Projekt um Sängerin Nicola Rost beim diesjährigen »Bundesvision Song Contest« angetreten. Verena Reygers begleite die Band in die Tiefen deutscher Fernsehkultur und wurde Zeuge eines verblüffenden zweiten Platzes
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Hoppla, da hat jemand die Sicherung falsch gesteckt: Die Schreibtischlampen, unter denen Laing ihre Performance geben wollen, bleiben aus. Zum Glück ist es nur die Generalprobe. Die Produktionsleiterin schimpft kurz mit den Technikassistenten, und weiter geht die Show.Willkommen beim »Bundesvision Song Contest 2012« in der Berliner Max-Schmeling-Halle, der Veranstaltung, die beim gewöhnlichen Mainstream-Pop-Verachter berechtige Skepsis auslöst.

Radiotaugliches Popgeträller zur Rettung deutschsprachiger Musikschaffender – den edlen Gedanken, dem Nachwuchs eine Chance zu geben, mit dem Initiator Stefan Raab das Bundesländer-Battle 2005 zum ersten Mal veranstaltete, kann man ihm nicht verübeln. Dass dieser Nachwuchs in den vergangenen Jahren durch die Teilnahme bereits etablierter Acts wie Peter Fox oder Tim Bendzko in die Nebenrolle gedrängt wird, schon.

Aber vielleicht haben die Newcomer es auch nicht anders verdient. Ich Kann Fliegen zum Beispiel treten als schmuseäugige Boyband für Niedersachsen an. Den schmachtenden Augenaufschlag garnieren sie mit dem Titel »Mich kann nur Liebe retten«, der PUR vor Neid erblassen lassen dürfte. Ähnlich kitschig bedient Mellow Mark das Publikum. Zusammen mit der Sängerin Nina Maleika präsentiert er für Brandenburg ein von stumpfer Oberflächlichkeit durchdrungenes Liedchen. Puh! Laing sind die positive Ausnahme. Zusammen mit Der König Tanzt, dem Soloprojekt von Fettes-Brot-Boris, der HipHop-Crew Die Orsons und der Münchner HipHopperin Fiva – wobei sich Letztere bei ihrem Auftritt von Moderator Elton mit vermeintlichen Zuschauerquotes à la »Frauen, die rappen, sind Dreck« konfrontieren lassen muss. Ja, so dumm und traurig geht es hier zu.

Lustig und clever dagegen sind die Ladys von Laing. Neben Gründerin und Sängerin Nicola Rost besteht die Band aus den Sängerinnen Atina Tabiei-Razligh und Johanna Marschall sowie Choreografin und Tänzerin Marisa Akeny. Als »Electric Lady Sound« bezeichnen Laing ihre Musik, Beat-orientierten Electropop, den Nicola Rost vor einigen Jahren im Alleingang am Computer zu programmieren begann. Da die Berlinerin außerdem ein Faible für das Experimentieren mit Gesang hat, engagierte sie zu ihren eingängigen Texten kurzerhand zwei Freundinnen für den Job am Mikro und eine Tänzerin, um die Live-Performance zu pfeffern. Unter dem Licht bereits erwähnter Retro-Schreibtischlampen – einem Markenzeichen der Band – singen Laing zu einer Choreografie, die mit unvermitteltem Klatschen, Kopf- und Hüftschwenkern überrascht. »Morgens immer müde« heißt ihr von Trude Herr inspirierter Beitrag. Der Song hat es in Berlin, der Heimat der Band, auch wenn sie hier, der ganz eigenen Logik des »Bundesvision Song Contest« geschuldet, für das Land Sachsen antritt, bereits bei Radio Eins zum Radiohit geschafft. Und im Intro zu einem ersten Newcomber-Feature in der Rubrik »Wer Wir Sind«. Dass die Berlinerinnen den Sprung auf ein großes Publikum wagen würden, ahnte man da bereits: »Ich bin entschlossen, das so groß zu machen, wie es geht«, erklärte Laing-Mastermind Nicola Rost damals.

Guter Plan, denn Laing gewinnen an diesem Abend zwar nicht die »BuViSoCo«-Trophäe, die stattdessen Xavier Naidoo und Kool Savas für ihr Projekt Xavas mit nach Hause nehmen, aber sie werden Zweite und von allen – Kollege Linus Volkmann in seinem Intro-Liveticker inbegriffen – zu den Siegerinnen der Herzen gekürt.

Vor der Show

Zwei Stunden vorher sitzt die Band noch lampenfiebrig bei Tee und Kaffee in der Kneipe gegenüber der Veranstaltungshalle. Neben den Vorbereitungen zum »BuViSoCo« arbeiten sie gerade an ihrem Debütalbum. Für das verspricht Rost: »zwölf bis vierzehn Überraschungen und all die Facetten, für die wir auf der EP nicht genügend Platz hatten.« Trotzdem sei für sie klar gewesen, beim »BuViSoCo« nicht mit einem Song des kommenden Albums aufzutreten, sondern mit »Morgens immer müde«. »Das ist unser bestes Pferd im Stall«, erklärt Tänzerin und Choreografin Marisa Akeny. Und Nicola Rost ergänzt: »Der Song hat sich auch live bisher als bester Partykracher entpuppt. Wenn wir schon so ein Mainstream-Format bedienen und uns auf eine riesige Popbühne stellen, dann mit unserem ultimativen Popsong.«
Womit wir beim Stichwort »Mainstream-Format« wären. Passt eine dem Do-It-Yourself-Habitus verpflichtete Band zu einem Publikum, das Formatradio geil findet? Sängerin Johanna Marschall glaubt: Ja. »Solange man sich selbst treu ist und hinter den Sachen steht, die man macht.« Nicola Rost räumt ein, dass die Ausrichtung zum Mainstream zum Problem werden könnte: »In der elektronischen Musik, der ich auch nahestehe, sehe ich, wie sich der Underground total feiert und unter sich bleibt. Sobald ein Act der breiten Masse gefällt, ist er für viele ursprüngliche Fans nicht mehr interessant.« Es sei aber trotzdem in ihrem Interesse, dass so viele Menschen wie möglich ihre Musik hören. »Wir nehmen es auf uns, wenn uns Fans vorwerfen sollten, dass wir nicht mehr real seien. Denn wir wissen, dass wir krass real sind.« Ihre Bandkolleginnen quittieren die Ansage mit Gelächter.

Die bisherige Berichterstattung über Laing machte um die Realness allerdings einen Bogen. Ein Format wie das »ZDF Morgenmagazin« frage natürlich nicht nach, wie genau sie an ihrem Computer bastele, aber man wolle auch nicht darauf rumreiten, sagt Rost. Auf die Frage, was die hirnloseste Presseaktion im Vorfeld des Contests gewesen sei, beraten sich die Mädels kurz. Jede hat ein anderes peinliches Szenario im Kopf. Sängerin Atina Tabiei-Razligh schließlich erzählt folgende Episode: »Gestern kam ein Fotograf auf uns zu und meinte, ob wir bitte eine Siegerpose einnehmen könnten. Das war schon etwas merkwürdig.«

Showtime

Eine gute Übung für den späteren Abend wird es trotzdem gewesen sein. Ihren Auftritt absolvieren die Mädels mit flatternden Kleidern, die mit ausgestreckten Armen den Bandnamen enthüllen. Die Retro-Lampen brennen, die Choreografie sitzt, und das Publikum johlt. Nicht nur direkt nach dem Auftritt, sondern auch den Rest der Show, wann immer der Name »Laing« fällt. An den Star-Bonus von Xavas reichen sie allerdings nicht ran. In der telefonischen Abstimmung durch die Zuschauer gewinnen Xavier Naidoo und Kool Savas mit 172 Punkten – Laing liegen mit 142 Punkten auf dem zweiten Platz. Sehr zum Wohlwollen des Publikums, das für den Sieger nur dies übrig hat: Pfiffe und Buhrufe.

Ihr anvisiertes großes Publikum haben Laing an diesem Abend von sich überzeugt. Für uns dagegen hält die Spannung noch eine Weile an – bis zum Debütalbum, das die Band für Anfang nächsten Jahres angekündigt hat.