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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit Kristof Beuthner

Heimspiel #260

Ist das noch Punk oder schon Poser-Rock? Ist das Alternative oder Experimental? Ist das Blues? Und ist das gut? Manchmal ist man sich nicht so sicher. Nur so viel: Das ist das neue Heimspiel.
Geschrieben am
Nach Maria Taylor ist Dorit Jakobs innerhalb kurzer Zeit schon das zweite tolle weibliche Signing beim Grand Hotel Van Cleef. Und »Im Aufruhr der Lethargie« (Grand Hotel Van Cleef) ist ein richtig tolles Album, das von Jakobs’ glasklarer Stimme, den dezenten Folk-Arrangements und der großen Wahrhaftigkeit ihrer Texte zwischen Leichtigkeit und Melancholie lebt. Man darf sagen: Dorit Jakobs ist die beste deutschsprachige Interpretin seit Desiree Klaeukens. Und das will was heißen.

Dorit Jakobs

Im Aufruhr der Lethargie

Release: 16.02.2018

℗ 2018 Grand Hotel Van Cleef

Eine ganz wundervolle Fünf-Track-EP präsentiert der gebürtige Däne Lasse Matthiessen, der auf »When We Collided« (Zpektakel) mit dunkler Stimme weidwunde Weisen zur akustischen Gitarre singt und damit sicherlich nichts neu, aber vieles richtig macht. So fragil die Arrangements, so kraftvoll steht Matthiessens Gesang an ihrer Seite, und er schreibt Melodien, die auf betörende Weise tief sind. Das gefällt Leuten, die Glen Hansard und Midlake mögen und alles ein wenig reduzierter wollen.

Lasse Matthiessen

When We Collided - EP

Release: 10.11.2017

℗ 2017 Zpektakel Records

Das können auch Thom And The Wolves, die eigentlich nur aus ihrem Sänger bestehen. Für die Songs auf »The Gold In Everything« (Solaris Empire) hat Thom im Berliner Mauerpark fleißig geübt und abends viel guten kanadischen Songwriter-Pop gehört. Zur Gitarre und einem die Musik stark bereichernden Cello klagt er sein Leid über das Leben und die Liebe, was insgesamt sehr herzerwärmend und nur ganz selten nach Passengers Radio-Pop klingt.

THOM AND THE WOLVES

The Gold in Everything

Release: 12.01.2018

℗ 2018 Solaris Empire

Vorhersehbar sein? Wollen The View Electrical auf keinen Fall. Die Schweizer jonglieren auch auf ihrem zweiten Album »Heiligenstadt« (No Sun) wieder mit Zutaten aus 1990er-Alternative, HipHop und Folk, was die Platte auf ähnlich herrliche Weise unberechenbar macht wie bei Why? zu ihren besten Zeiten. Dargebracht wird das Ganze mit zunächst befremdlichem, dann aber sympathischem Englisch mit schweizerischem Akzent. Ja, das geht!

The View Electrical

Heiligenstadt

Release: 15.12.2017

»Words From The Wilderness«? Diesen Titel seines vierten Albums (String Commander) glaubt man Marius Tilly glatt. Die zwölf neuen Stücke des Bochumers klingen bodenständig und nach staubigem Blues, den er auf der Straße eingesammelt und auf Indie-Rock gebürstet hat. Tillys sehnsüchtig-kratzige Vocals stehen den knackigen Riffs und den wüstentrockenen Drums ausgezeichnet, und man freut sich jetzt schon auf die Songs, die der Mann von seiner nächsten Reise mitbringt.

Marius Tilly

Words from the Wilderness

Release: 26.01.2018

℗ 2017 M. i. G. - music

Sönke Torpus, Sänger von Torpus & The Art Directors, wollte das dritte Album seiner Band namens »We Both Need To Accept That I Have Changed« (Grand Hotel Van Cleef) ursprünglich als Konzeptalbum über Hunde schreiben, weil die nun mal die besseren Menschen sind. Weil die Ideen dafür dann doch nicht reichten, ist einfach nur ein wieder brillantes Americana-Prachtwerk entstanden, das seinen beiden Vorgängern ein gutes Stück Rauheit voraushat und dem man deutlich anhört, wie viel Spaß es der Band gemacht hat, es einzuspielen. Mit dem Konzeptalbum klappt’s dann vielleicht das nächste Mal.

Torpus & the Art Directors

We Both Need to Accept That I Have Changed

Release: 15.12.2017

℗ 2018 Grand Hotel Van Cleef

Der Berliner Liedermacher Sebastian Block ist einer dieser Typen, denen man gern zuhört, weil sie sympathischen Songwriter-Pop machen und zweifelsfrei zu den Guten gehören, deren Texte aber kaum nachhaltigen Tiefgang aufweisen. Es ist immer nett, Zeit mit ihnen zu verbringen, und beim gemeinsamen Bier nach der Show lässt sich ein entspannter Schnack halten – aber im Gedächtnis bleibt da eben wenig. Und damit ist über Sebastian Blocks drittes Album »Wo alles begann« (Timezone) auch schon alles erzählt.

Sebastian Block

Wo alles begann

Release: 16.02.2018

℗ 2018 Timezone

Mit ihrem inzwischen siebten Album wandeln die Düsseldorfer Massendefekt auf dem schmalen Grat zwischen Punk und breitärschigem Poser-Rock. Auf »Pazifik« (MD Records) reimen die Jungs immer noch »gehen« auf »sehen«, und die Sozialkritik kommt zum überfetten Riff mit Mitsinggarantie (»Willkommen in der Eiszeit, wir nehmen Abschied von der Menschlichkeit«). Das ist nach wie vor alles andere als subversiv oder provokant, aber für die alternative Dorfjugend immer noch ein guter Türöffner zu wirklich relevanter Punk-Musik.

Massendefekt

Pazifik

Release: 16.02.2018

℗ 2018 MD Records

Schon deutlich länger dabei sind Soliloquy aus Hessen. Ihr erstes Album erschien vor über 20 Jahren, damit sind die Jungs natürlich keine Mittzwanziger mehr, aber ihre Band ist es, und darum heißt die erste LP nach 14 Jahren auch »Twenty-Something« (soliloquy.de). Ihr Mix aus Emo, Alternative und Postpunk wird heute gar nicht mehr gebastelt, ist vermutlich gar komplett irrelevant geworden. Für alle, die in den 1990ern in Jugendzentren gegangen sind, ist die Platte aber eine tolle Zeitreise.

Soliloquy

Twenty Something

Release: 11.12.2017

℗ 2017 729480 Records DK

Understatement geht anders: How To Loot Brazil aus Soest bezeichnen sich mit dem Titel ihres auch schon sechsten Albums recht unverblümt als »Gods Of Disco Hand Claps« (Look! Mum! No Hit!), und auch der Name des eigenen Labels ist herrlich. Klar, das ist alles nicht allzu ernst zu nehmen, aber bei DIY-Electro-Trashcore-Indie-Rock-Punk macht es im besten Fall eh einfach nur Spaß. Man hat diese Platte beim Verklingen des letzten Tons schon wieder vergessen, wurde aber davor bestens unterhalten.